Brauner Treff in der Wiege Sachsens

Im Kornhaus direkt an der Meißner Albrechtsburg droht die AfD ein Tagungszentrum zu errichten

Das Kornhaus ist das einzige bislang unsanierte Gebäude neben Albrechtsburg und Meißner Dom.
Das Kornhaus ist das einzige bislang unsanierte Gebäude neben Albrechtsburg und Meißner Dom.

Schloss Albrechtsburg in Meißen gilt als »Wiege Sachsens« und ist eines der beliebtesten Touristenziele im Freistaat. Das pittoreske Ensemble hoch über der Elbe wurde im 15. Jahrhundert an der Stelle errichtet, an der im Jahr 929 die Markgrafschaft Meißen gegründet worden war. Das historische Flair und die malerische Kulisse ziehen Besucher in Scharen an – im Jahr 2020 rund 84 000. Künftig passieren die Gäste beim Aufstieg zu Schloss und Dom jedoch womöglich eine braune Kaderschmiede. Die AfD liebäugelt damit, das historische Kornhaus am Domplatz 1 zu erwerben und dort ein Schulungszentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten zu errichten. Das bestätigte Carsten Hütter, ihr Meißener Bundesschatzmeister, mehreren Medien.

Beste Lage, aber hoher Sanierungsbedarf

Die Gelegenheit für die AfD bietet sich, weil das Kornhaus zwangsversteigert wird. Am 4. Juli um 9:30 Uhr kommt es am Amtsgericht Dresden unter den Hammer. Das österreichisch-italienische Immobilienunternehmen Venere GmbH, das das Haus 2008 von der Stadt gekauft, sich seither aber nicht darum gekümmert hat, soll Rechnungen der Kommune nicht bezahlt haben, die daraufhin die Versteigerung anberaumte. Der Verkehrswert für das vierstöckige, denkmalgeschützte Gebäude mit hohem Spitzdach und einer Nutzfläche von 1335 Quadratmeter wird auf 370 000 Euro beziffert. Zwar muss der Käufer viel Geld zur Sanierung berappen. In dem ursprünglich 1470 errichteten, 1878 zum Wohnhaus umgebauten Gebäude mit Gewölbedecken und Spitzbogenfenstern gibt es weder eine moderne Heizung noch Elektrik. Dennoch handelt es sich um eine reizvolle Immobilie in bester Lage. Gelänge der AfD der Kauf, wäre das ein Coup.

In der Landespolitik graust es vielen bei der Vorstellung, dass die vom Bundesverfassungsschutz als Verdachtsfall eingestufte Partei auf dem Meißner Domberg eine Kaderschmiede errichtet. Das Kornhaus dürfe »nicht zum Spielball rechter Populisten werden«, sagt Thomas Löser, Abgeordneter der Grünen im Landtag. Sein Meißner SPD-Kollege Frank Richter betont, das Gebäude gehöre »ohne Zweifel zum kulturellen Tafelsilber des Freistaats«. Es sei »in seiner politischen, historischen und architektonischen Bedeutung ein wertvolles Element sächsischer Identität«.

Linke will Kornhaus in öffentlicher Hand

Derlei Bewertungen dienen auch dazu, Druck auf den Freistaat Sachsen auszuüben, damit dieser das Kornhaus vor der Zwangsversteigerung bewahrt und womöglich selbst kauft. Die Linke im Landtag fordert das Land in einem Antrag auf, mit dem jetzigen Eigentümer zu verhandeln, dessen Außenstände bei der Stadt Meißen zu bezahlen, die Immobilie zu übernehmen und diese in den staatlichen Schlösserbetrieb zu überführen, der auch die Albrechtsburg verwaltet. Das Kornhaus gehöre »komplett in öffentliche Hand«, sagt Linke-Kulturpolitiker Franz Sodann. Sachsen solle die Chance nutzen, es zu einem »akzeptablen Preis« zu kaufen.

Auch Frank Richter sieht Stadt und Freistaat gemeinsam in Verantwortung. Er hat auch Ideen zur künftigen Nutzung des Kornhauses. Im Jahr 2029 begeht die Stadt Meißen ihr 1100-jähriges Jubiläum. Das könne zum Anlass genommen werden, um eine Landesausstellung in der Stadt auszurichten. Löser erinnert daran, dass schon im sächsischen Doppelhaushalt 2020/21 Geld für ein Nutzungskonzept für das Kornhaus eingestellt war. An Informationen zur Umsetzung fehle es freilich bisher, merkte er an. Zuletzt hatte sich um das Kornhaus der Verein »Mit Zahnrad und Zylinder« bemüht und Kulturfeste zur Industriekultur ausgerichtet.

Kachelmann will Kornhaus retten

Der Fall Kornhaus schlägt inzwischen auch überregional Wellen. Auslöser war eine Äußerung von Sophie Koch, einst Landeschefin der Jusos, im sozialen Netzwerk Twitter. »Jemand mit viel Geld Lust auf Haus mit viel Potenzial?«, hatte sie gefragt und hinzugefügt: »Da kann man sicher Schöneres draus machen als eine Nazi-Kaderschmiede.« Es gab zahlreiche Reaktionen, darunter auch von dem Meteorologen Jörg Kachelmann. »Ich mache mit, wer macht noch mit?«, schrieb er und konkretisierte, es sollten sich »Menschen mit Kohle und systemnaher linker Gesinnung« melden. Allerdings sieht er vordergründig die Landesregierung in der Verantwortung: »Es wäre aber doch die natürliche Lösung, wenn sich der Freistaat selbst kümmern würde, dass die Schmierlappen der AfD draußen bleiben.«

Das so in die Pflicht genommene Land indes winkt ab. »Derzeit liegt kein Nutzungskonzept für diese Immobilie vor«, heißt es auf Anfrage des »nd« aus dem Finanzministerium: »Daher bestehen seitens der Liegenschaftsverwaltung auch keine Planungen.«

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