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Arbeitslos und Spaß dabei

Es regiert die reine Gegenwart: Der ungewöhnliche Spielfilm »Heikos Welt« aus dem Berliner Wedding

  • Von Frank Schirrmeister
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Leistungsethos wohnt nicht im Wedding
Das Leistungsethos wohnt nicht im Wedding

Der Wedding kommt, tönt es seit Jahren , fast ist diese Prophezeiung schon zum Running Gag geworden, denn der ehemalige Arbeiterbezirk beweist entgegen aller Prognosen erstaunliches Beharrungsvermögen. Zum Glück!, muss der Rezensent an dieser Stelle ausrufen, sonst gäbe es dieses Kleinod von Film womöglich nicht und wäre das Genre des Berlin-Films um eine Perle ärmer. Dabei könnte »Heikos Welt« nicht weiter entfernt von dem offiziösen Berlin-Bild sein, welches die Stadt gerne als dynamische Metropole der Zukunft entwirft. Die Welt, in der Heiko lebt, besteht nur aus Gegenwart, und das soll aus seiner Sicht auch möglichst so bleiben.

Heiko ist ein freundlicher Mann Anfang dreißig, wohlgenährt von den zahlreichen Schnitzeln, die ihm seine Mama zubereitet, bei der er wohnt. Seine Zeit verbringt er mit gelegentlichen krummen Geschäften, die der Kleinstkriminalität zugerechnet werden müssen, und lebt ansonsten ohne größere Ansprüche auf Staatskosten. Des Abends fließen Bier und Futschi (für die Jüngeren: Mixgetränk aus Cola und Weinbrand) in den Weddinger Eckkneipen, in denen die Luft steht – war da was mit Rauchverbot? Beim Dartspielen ist Heiko einiger Erfolg vergönnt, der jedoch in engem Zusammenhang mit der Anzahl der genossenen Futschis steht.

In den 1990ern gab es im Osten die Band Vicky Vomit, in deren einzig nennenswertem Erfolgshit es im Refrain hieß: »Gut gelaunt und sorgenfrei, arbeitslos und Spaß dabei«. Damit ist Heikos Lebenssituation ziemlich gut umrissen. In seiner Negierung jeglicher sozialer Aufwärtsmobilität, wie es im Soziologendeutsch heißt, wohnt »Heikos Welt« etwas geradezu Subversives inne. Beinahe alles, was das avancierte Bürgertum an ethisch-sittlichen Werten hochhält, wird hier mit einem großen Schuss Ironie wie nebenher konterkariert. Heiko ist langzeitarbeitslos, ernährt sich ungesund und fleischlastig – die Kamera weidet sich geradezu in Nahaufnahme am im Fett brutzelnden Schnitzel -, lebt in den Tag hinein – und ist zufrieden damit.

Bei alldem sieht Heikos Welt so gar nicht nach »Prekariat« aus, wirken die Protagonisten im Gegenteil ganz bei sich angekommen, als wäre ihre Lebensweise der gesellschaftliche Normalfall, was er ja in vielen Berliner Haushalten auch ist. Stress? Arbeitsüberlastung? Leistungsdruck? Heiko lebt in einer Welt, in der solche Dinge keine Rolle spielen. Dann sagt er auch noch so unerhörte Sätze wie: »Och, eigentlich habe ich immer Zeit«! Und das in einem Land, in dem Keine-Zeit-Haben praktisch zum Grundverständnis des bürgerlichen (Arbeits-) Lebens gehört. In diesem Sinne besitzt »Heikos Welt« durchaus eine anarchistische Note, weil er das Leistungsethos der Arbeitsgesellschaft – nein, nicht verneint, er ignoriert es schlicht.

Leider hat Heiko ein Problem, da die Krankenkasse die dringend notwendige Augenoperation für seine Mutter nicht bezahlen will. Heikos Welt ist bedroht – immer öfter schmeckt Mamas Essen merkwürdig, weil diese die Gewürze kaum noch erkennt und verwechselt. Er braucht Geld. Rat holt er sich bei seinem alten Hehlerkumpel, der leider im »C-Bereich« des ÖPNV wohnt – für den Ur- Weddinger eine halbe Weltreise. Auf Zuraten des Freundes versucht Heiko fortan, als Dartspieler in Kneipen zu reüssieren und so zu etwas Geld zu kommen. Hier beginnt nun eine Odyssee durch die Berliner (Weddinger) Kneipenwelt, die es in sich hat, inklusive einer Liebesgeschichte, die eigentlich keine ist, eines Einbruchs, der gänzlich unerwartet ausgeht, und eines großen Finales. Und wenn Sie wissen wollen, was Roberto Blanco und das in Szenekreisen beliebte Sternburg- Bier miteinander zu tun haben, sollten Sie sich ins Kino begeben.

Man sieht den Spaß, den die Macher bei dieser launigen Charakter- und Milieustudie hatten, weshalb sich sogar Franz Rogowski zu einer kleinen Nebenrolle verpflichten ließ. Der Großteil der Darsteller sind jedoch Laien, was dem Film eine gehörige Portion Authentizität verleiht, zumal sie gut geführt werden und die Dialoge deren naturbelassene Alltagssprache wiedergeben. Auch Hauptdarsteller Martin Rohde ist gelegenheitsschauspielender Amateur, dessen Figur des Heiko derart überzeugt, dass er beim Filmfest München im vergangenen Jahr den Preis als bester Schauspieler gewann.

»Heikos Welt« ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnlicher Film. Nicht nur, dass er per Crowdfunding finanziert wurde; im deutschen Fördersystem wäre er wohl durch alle Raster gefallen und/oder glattgebügelt worden. Mit der lakonischen Selbstverständlichkeit, mit der die durchaus abstruse Geschichte erzählt wird, unterläuft der Film alle gängige Konventionen des sozialen Realismus. Gekonnt balanciert er zwischen den Genres und ist Komödie, Räuberpistole, Großstadtmärchen und Groteske zugleich.

Der filmische (Erzähl-) Rhythmus ist ebenso flott wie der Soundtrack, was sicherlich damit zu tun hat, dass Regisseur Dominik Galizia bisher eher durch Musikvideos und Werbefilme bekannt war. Mit seinem jazzig-urbanen Sound und der lässigen Unaufgeregtheit, mit der die skurrilen Typen an den Weddinger Kneipentresen liebevoll karikiert werden, tritt »Heikos Welt« in die Fußstapfen des Films »Oh Boy« von 2012, in dem der Endzwanziger Niko ähnlich wie Heiko in den Berliner Tag hinein lebte. Der ebenfalls mit geringem Budget gedrehte Debütfilm Jan-Ole Gersters wurde damals zum Überraschungshit in den Kinos. Ähnliches wäre »Heikos Welt« zu wünschen.

»Heikos Welt«, Deutschland 2021, Regie: Dominik Galizia. Mit Heike Hanold-Lynch, Martin Rohde, Hans Jürgen Alf, 108 min., jetzt im Kino

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