Alle anderen sind Holzhacker

Plattenbau. Die CD der Woche: »Rory Gallagher. 50th Anniversary Edition«

Seine Soli ertranken in Schweiss und Passion: Rory Gallagher, 1972
Seine Soli ertranken in Schweiss und Passion: Rory Gallagher, 1972

Sie sollen eigentlich nur ein bisschen für gute Laune sorgen, 1968 beim Abschiedskonzert von Cream in der Royal Albert Hall, statt dessen jagen Taste die Supergruppe lautstark vom Hof. Rory Gallagher ist energetischer, explosiver als der leergespielte Eric Clapton, und stößt dann auch bald darauf bei einer Leserumfrage des »Melody Maker« den »God« vom Thron. »Alle anderen sind Holzhacker dagegen«, begrüßt sie der große Lästerer Lester Bangs, der keine Chance ausließ, über Cream herzuziehen. Taste dagegen hat er ins Herz geschlossen. Sie seien viel mehr als ein weiteres »heavy voltmeter trio«, sie zelebrierten »progressive blues«.

Taste klingen zerzaust und räudig wie ein Straßenköter, die Songstrukturen sind ornamentlos schlicht. Notwendigerweise schlicht, denn so bieten sie genügend Raum für Gallaghers in Schweiß und Passion ertrinkende Soli. Schon hier entwickelt er seinen dynamischen, spannungsreichen Personalstil, der sich in den folgenden Jahrzehnten nur mehr weiter verfeinert. Er renommiert mit aufgedrehten Heldenlegato-Läufen, um sich danach auf eine melancholische Blues-Exkursion zu begeben, er polkt in aller Seelenruhe die Obertöne aus den Saiten, zieht sie, bis es wehtut, und am Ende streift er auch noch das Stahlrohr über den kleinen Finger, da kommt die Sache erst richtig ins Rutschen.

»Ich wäre nie in der Lage, mich zu wiederholen, weil es bei mir kein festes Konzept gibt«, hat er mal gesagt. Und seine Mitstreiter sind alles andere als glücklich darüber. »Manchmal benahm er sich, als ob wir gar nicht existieren würden«, beklagt sich Schlagzeuger Wilson. »Mal spielte er drei Solonummern hintereinander, bei anderen Gelegenheiten begann er ein zwölftaktiges Stück und improvisierte über neun Takte, nur um uns zu verwirren.« Taste sind in dem Moment Geschichte, als sich seine Eleven zu laut über seine Alleingänge beschweren. Gallagher braucht keine Band, sondern Wasserträger. Und so geben sie bald nach dem elektrisierenden Auftritt beim Isle-of-Wight-Festival 1970 ihre Trennung bekannt. Gallagher probiert es zunächst mit Mitch Mitchell und Noel Redding, dem Rest der Jimi Hendrix Experience, schließlich holt er sich mit Gerry McAvoy am Bass einen stoischen Muli in die Band, der ihm nun überall hin folgt. Wilgar Campbell am Schlagzeug komplettiert das Trio.

Musikalisch macht er dort weiter, wo er aufgehört hat – bei einer quirrligen, spielfreudigen Mischung aus Blues, Blues Rock, Folk und ein wenig Jazz. Und der Hardrocker ist auch nur eine halbe Umdrehung des Lautstärkereglers entfernt. Er ist ein trick- und fintenreicher Akustikgitarrist, der jede schwarze Spelunke im Süden abgekocht hätte, aber wirklich zum Abheben bringt ihn erst seine Strat. Allein ihr Ton ist mindestens so unverwechselbar wie seine Stimme. Mitte der Siebziger hielt sich hartnäckig das Gerücht, Gallagher werde nun Mick Taylor bei den Stones beerben. Zum Glück ist er dem Pfad der Kohlen nicht gefolgt, denn in diesem festen Bandkorsett hätte er nicht das machen können, was er wollte, jedenfalls nicht so, wie er es wollte. Gitarre spielen.

»Laundromat«, »Just The Smile« und »I Fall Apart«, gleich die ersten Songs seines schlicht mit seinem Namen betitelten Solodebüts zeigen ihn aber nicht nur als Saitenhelden, sondern eben auch als Songwriter von ganz eigener Art und Kunst. Die Jubiläums-Edition würdigt diesen lauten Startschusss seiner Solokarriere auf adäquate Weise. Neben den üblichen Memorabilia enthält sie ein großartiges, warmes Remaster des Originals, einen Haufen Alternate Takes und spritzige Live-Sessions beim BBC, unter anderem ein inspiriertes »John Peel Sunday Concert«.

Rory Gallagher: »Rory Gallagher. 50th Anniversary Edition« (Universal)

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