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Vom trauten Heim zum Albtraum

Eigenbedarfskündigungen belasten die Psyche schwer – selbst wenn Mieter sie abwenden können

Kater Rudi kann weiter zufrieden in Petras Kreuzberger Wohnung schnurren. Sie hat den zweieinhalbjährigen Nervenkrieg schlechter weggesteckt.
Kater Rudi kann weiter zufrieden in Petras Kreuzberger Wohnung schnurren. Sie hat den zweieinhalbjährigen Nervenkrieg schlechter weggesteckt.

Petra hat gewonnen. »Der Richter hat meinen Härtefallantrag anerkannt, daraufhin hat der Vermieter Eigenbedarfskündigung und Räumungsklage zurückgenommen«, sagt sie zu »nd«. Das ist inzwischen fast ein halbes Jahr her. Doch viel mehr will sie aktuell nicht sagen. »Ich habe zu wenig Abstand und leide immer noch unter den Folgen der Eigenbedarfskündigung. Das wühlt mich zu sehr auf«, nennt sie den Grund.

Vor etwas über einem Jahr hatte »nd« über den Fall berichtet. Die 63-Jährige, die ihren vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erwartete damals den Prozess. Ihre Vermieter, mehrere Mitglieder einer Berliner Familie, gaben an, ihre Wohnung in der Lübbener Straße 19 im Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg für eine Tochter zu benötigen. Es schien schwer vorstellbar, dass die aufstrebende Top-Leichtathletin wirklich in die Wohnung im vierten Stock des mäßig instandgehaltenen Hauses einziehen wollte. Zumal der Familie, wie im Rahmen der Recherchen herauskam, Dutzende Häuser in Berlin und auch ein Schlösschen in Brandenburg gehören.

Die Kündigung erhielt Petra Ende Juli 2019, es folgten zweieinhalb Jahre Nervenkrieg. »Nachts geht das immer los, dass ich denke: Wo soll das hinführen, wo soll das enden?«, sagte Petra vor einem Jahr. »Dann geht das wieder auf mein Immunsystem und dann kann ich mich am nächsten Tag nicht mehr bewegen«, schilderte sie die stressbedingten Beschwerden.

Petra ist mit den gesundheitlichen Problemen als Folge einer Wohnungskündigung nicht allein, wie man im Gemeinschaftsraum des Mehrgenerationenhauses an der Gneisenaustraße in Kreuzberg sieht. Rund zwei Dutzend Menschen sitzen am Donnerstag der Vorwoche auf den Stuhlreihen, mal einzeln, mal zu zweit, zu dritt. Es herrscht eine seltsam gedämpfte Stimmung, wie man sie sich beim ersten Treffen einer Selbsthilfegruppe vorstellt. Die Initiative »E3K – Eigenbedarf kennt keine Kündigung« sowie die Mieter:innengewerkschaft haben geladen. Man wolle sich »austauschen, wie wir unsere Wohnung und unsere Gesundheit bewahren können«, heißt es in der Einladung.

Seit Ende 2018 gibt es E3K. »Die Initiative hat sich nach einem Kiezpalaver von Wem gehört Kreuzberg gegründet, weil wir gemerkt haben, dass immer mehr Anfragen wegen Eigenbedarfskündigungen kommen«, berichtet Ingrid. Angefangen habe man mit »solidarischen Besichtigungsbegleitungen«, sagt sie. Kaufinteressenten für in Eigentum umgewandelte Mietwohnungen sehen so sofort, dass sie sich Ärger einhandeln können, wenn sie zugreifen und möglicherweise die Mieterinnen und Mieter vor die Tür setzen wollen.

»Ein weiterer Schwerpunkt ist die solidarische Begleitung von Eigenbedarfskündigungen«, sagt Ingrid. Dann wird beispielsweise vor Gericht demonstriert, auch die Verhandlung wird begleitet. Bei solchen Prozessen findet sich ansonsten in der Regel kein Publikum ein. Sowohl Richterinnen und Richter als auch Eigentümerinnen und Eigentümer erkennen dadurch, dass es durchaus ein öffentliches Interesse an den privatrechtlichen Streitigkeiten gibt.

»Uns ist vollkommen egal, ob eine Eigenbedarfskündigung juristisch legitim oder vorgetäuscht ist. Es geht um den Verlust der Wohnung, und es kann es keine Wertung, Trennung oder Spaltung geben«, sagt Ingrid. »Wir können wirklich aus Erfahrung sprechen: So eine Kündigung ist Körperverletzung, sie hat körperliche Folgen«, erklärt Ingrid weiter.

»Dieser Prozess nimmt einen dermaßen mit«, sagt ein Mitglied von E3K – nennen wir ihn Ingo –, der von der Familie Brenning aus der Reichenberger Straße 73 in Kreuzberg herausgeklagt werden sollte. »Selbst mit einem gewonnenen Prozess ist das nicht beendet. Dann habe ich wieder Herzrasen. Das ist eine Traumatisierung«, schildert er. Es werde öffentlich bisher kaum thematisiert, um was für eine starke Körperverletzung es sich handle. »Es brennt sich so tief in den Körper ein, dass selbst bei einem positivem Ergebnis das Trauma immer wieder hochkommt«, sagt Ingo.

»Es geht so«, gibt Ingo wieder, was eine andere Betroffene ihm berichtet hat über ihre Verfassung nach der abgewendeten Eigenbedarfskündigung: »Ich bin froh, wenn ich meine Arbeit schaffe. Ich habe bis heute Schlafstörungen und wache zwei- bis dreimal nachts auf. Ich habe Rheumaschübe. Vorhandene Krankheiten haben sich einfach verstärkt. Und ich habe das Gefühl: Ich bin sehr empfindlich geworden.«

»Tatsächlich ist für unser Gehirn die Ausgrenzung eine der stärksten Bedrohungen. Unsere Vorfahren vor 13 000 Jahren konnten auf sich allein gestellt quasi nicht überleben. Ausgrenzung aktiviert in unserem Gehirn die gleichen Zentren wie körperlicher Schmerz«, fasst die Psychotherapeutin Andrea Wiedemann die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen. »Die Kündigung unseres geliebten Wohnraums, unserer Zufluchtsstätte, ist ein Anschlag auf unser Gehirn«, so Wiedemann weiter.

»Es folgt eine enorme Ausschüttung von sogenannten Stresshormonen, die uns aufs Kämpfen, Flüchten oder Erstarren vorbereiten«, erklärt die Psychotherapeutin, was dann passiert. »Wenn die soziale Integration gefährdet ist, brauchen wir die Aggression, um das wieder zu regulieren. Das kann nur funktionieren, wenn wir das kommunizieren, einen Adressaten haben«, sagt Wiedemann.

Doch oft kämen Briefe, die quasi anonym verfasst seien. Da gebe es dann nur eine Briefkastenadresse, keine Telefonnummer oder E-Mail. »Niemand fühlt sich zuständig und das ganze Thema wird weitergereicht.« Dieser Kontrollmangel oder Kontrollverlust sei schwierig, »denn die zurückgehaltene Aggression, die Angst, die Wut, der Ärger bleibt in unserem Körper«, sagt Wiedemann. Darauf folge wiederum der Rückzugsmodus.

»Sollte ein Rückzug auch nicht mehr möglich sein, weil es keine Wohnung mehr gibt, weil wir kein Netzwerk haben, zu krank sind oder Schulden haben, dann kommt das Erstarren. Eine Depression beispielsweise, das kann ganz, ganz kritisch werden«, berichtet Andrea Wiedemann. Immer wieder kommt es zu Suiziden in dem Zusammenhang.

2021 war das bei Peter aus Kreuzberg der Fall. »Peter sollte aus seiner Wohnung zwangsgeräumt werden. Das hat er nicht ertragen. Deshalb hat er sich umgebracht. Dies hat er vorher angekündigt. Das Gericht, der sozialpsychiatrische Dienst, die Eigentümerin seiner Wohnung, alle wussten das«, berichtete das Bündnis Zwangsräumung verhindern bei einem Trauermarsch im vergangenen Juni. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass ihnen beim Bündnis der Tod begegnet sei. »Jemand stand am Tag seiner Zwangsräumung auf dem Dach und sagte, er springt«, so das Bündnismitglied weiter. Eine andere Betroffene sei zwei Tage nach der Räumung ihrer Wohnung in einer Notunterkunft gestorben.

Der Dauerstress kann auch körperliche Erkrankungen zur Folge haben, sagt Andrea Wiedemann. Zum Beispiel Autoimmunerkrankungen, Bluthochdruck, aber auch häufige Infekte. Doch es gebe auch Möglichkeiten, gegenzusteuern. »Zu einer Ausschüttung von Glücksbotenstoffen kommt es nicht nur, wenn wir fair behandelt werden, sondern auch, wenn wir andere fair behandeln, denen es schlechter geht als uns selbst«, erklärt die Psychotherapeutin.

»Wir alle können dazu beitragen, dass Betroffene sich aufgehoben fühlen«, sagt Ingrid von der Arbeitsgruppe Eigenbedarf kennt keine Kündigung. »Indem wir uns zusammenschließen, uns wehren, um aus dieser passiven Haltung herauszukommen.« Eigenbedarf sei inzwischen der häufigste Kündigungsgrund für Wohnungen in Berlin. Immerhin: In letzter Zeit nehme die Zahl der für Mieterinnen und Mieter gewonnenen Prozesse zu.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800-111 01 11 und 0800-111 02 22 erreichbar.

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