Eine Tote, mehrere Verletzte

Am Ku’damm raste ein Kleinwagen in eine Menschengruppe

  • Nora Noll
  • Lesedauer: 4 Min.

Es sind schreckliche Nachrichten aus Charlottenburg: Am Mittwochvormittag rast ein Auto in eine Menschengruppe auf dem Bürgersteig des Kurfürstendamms und sorgt für Entsetzen. Ein Mensch stirbt, sechs Personen schweben in Lebensgefahr, drei weitere werden schwer und eine unbekannte Anzahl an Personen leicht verletzt, wie ein Feuerwehrsprecher am Nachmittag mitteilt. Die Polizei spricht von insgesamt mehr als einem Dutzend Verletzten. Unter den Betroffenen befinden sich Mitglieder einer Schülergruppe, bei der Toten handelt es sich um eine Lehrerin aus Hessen.

Der Vorfall ereignete sich nicht weit entfernt von der Gedächtniskirche, und auch deshalb kommen Erinnerungen an den Terroranschlag am Breitscheidplatz 2016 hoch. Damals hatte ein islamistischer Attentäter einen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gefahren und so zwölf Menschen getötet. Über die Umstände des aktuellen Ereignisses ist zum Redaktionsschluss noch wenig bekannt. Der Hergang lässt eine vorsätzliche Tat vermuten: Der Autofahrer fuhr seinen Kleinwagen an der Straßenecke Ku’damm und Rankestraße auf den Gehweg, setzte dann zurück auf die Kreuzung, um knapp 200 Meter weiter auf der Tauentzien-, kurz vor der Ecke Marburger Straße erneut auf den Bürgersteig zu lenken. Dort touchierte er ein anderes Auto und landete im Schaufenster eines Parfümerie-Geschäfts. Eine Sprecherin der Kette bestätigte den Unfall.

Für Zeug*innen wurde an der Gedächtniskirche eine Stelle für psychische Notfallversorgung eingerichtet, teilte die Feuerwehr mit. Außerdem sind nach Angaben der evangelischen Landeskirche elf Seelsorger*innen im Einsatz.

Der Fahrer wurde von Passanten festgehalten und anschließend vorläufig festgenommen, sagte Polizeisprecher Thilo Cablitz der Presse vor Ort. Es handelt sich um einen 29-jährigen Deutsch-Armenier, der in Berlin lebt. Cablitz kritisierte zugleich in einem Interview mit Phoenix die Fokussierung auf die Herkunft des Fahrers: »Die Frage ist, inwieweit das relevant ist.«

Die Polizei prüft außerdem, ob ein medizinischer Notfall Grund für den Auto-Vorfall gewesen sein könnte. 2019 war ein SUV-Fahrer im Bezirk Mitte von der Straße abgekommen und auf den Gehweg gerast. Das sich überschlagende Auto tötete ein dreijähriges Kind, seine Großmutter und zwei weitere Männer. In den nachfolgenden Ermittlungen hatte sich herausgestellt, dass der Fahrer trotz einer Epilepsie-Erkrankung und einer Gehirnoperation einen Monat zuvor Auto gefahren war und am Steuer einen Anfall erlitten hatte.

Öffentliche Stimmen waren sich größtenteils einig, keine vorschnellen Schlüsse zum Hintergrund des Ereignisses ziehen zu wollen. Niklas Schrader, innenpolitischer Sprecher der Berliner Linken, bekundete sein Beileid. »Solange wir noch keine Infos zum Hintergrund haben, sollten wir uns mit politischen Bewertungen zurückhalten«, sagte er außerdem zu »nd«.

Auch andere Politiker*innen meldeten sich mit Beleidsbekundungen zu Wort. Die Regierende Bürgermeisterin Berlins Franziska Giffey (SPD) sagte den Betroffenen Unterstützung zu: »Wir werden alles dafür tun, den Betroffenen zu helfen.« Ebenso werde alles dafür getan, den Hergang aufzuklären. Ihre Parteikollegin und Innensenatorin Iris Spranger twitterte am Mittwoch: »Ich bin schockiert über den Vorfall in Charlottenburg.«

Stephan Weh, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, distanzierte sich ebenfalls von einer womöglich vorschnellen Politisierung des Vorfalls: »Spekulationen über die Ursache sind völlig fehl am Platz. Wichtig ist, dass man Polizei und Feuerwehr vor Ort ihre Arbeit machen lässt und aus Fehlern der Vergangenheit lernt.« Außerdem wies er auf die Belastung seiner Kolleg*innen hin. Sie seien zwar für derartige Einsätze ausgebildet, aber trotzdem zugleich Menschen, »bei denen die grauenvollen Bilder auch Spuren hinterlassen«.

Von der Bundesregierung kamen ebenfalls Worte des Mitgefühls. Die Regierung sei »sehr betroffen und erschüttert«, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Hoffmann am Mittwoch. Auch ein Sprecher von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) drückte den Betroffenen Mitgefühl aus. »Vor allen Dingen gilt unsere Hoffnung, dass die Schwerverletzten und Verletzten wieder genesen«, sagte er. Ermittlungen liefen unter Hochdruck, es sei aber zu früh, über Hintergründe zu sprechen. Auch die EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola erklärte am Mittwoch im Namen des Europaparlamentes, »dass unsere Gedanken bei den Angehörigen der getöteten Person und den Überlebenden sind«. mit dpa

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