Tropische Nächte in Cottbus

Konferenz der Grünen beschäftigt sich mit dem Wassermangel in der Lausitz

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Mangelware Wasser: Blick von einem Aussichtsturm über die Wasserfläche des künftigen Cottbuser Ostsees, der im Gebiet des ehemaligen Braunkohletagebau liegt.
Mangelware Wasser: Blick von einem Aussichtsturm über die Wasserfläche des künftigen Cottbuser Ostsees, der im Gebiet des ehemaligen Braunkohletagebau liegt.

In tropischen Nächten sinkt die Temperatur nicht mehr unter 20 Grad. An den Wetterstationen in Deutschland wurden solche Werte in der Vergangenheit nur zwei bis drei Mal pro Jahr gemessen. In Cottbus gab es in drei Jahrzehnten im statistischen Mittel nur 0,5 tropische Nächte pro Jahr. Doch die Klimakrise macht sich bemerkbar. Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) spricht grundsätzlich nur noch von der Klimakrise, weil er den zuvor eingebürgerten Begriff ›Klimawandel‹ für eine Beschönigung der mittlerweile eingetretenen Lage hält.

Brandenburg wird Steppe

In Zukunft werde es in Cottbus viel mehr Tropennächte geben, ist der Wissenschaftsjournalist Toralf Staud überzeugt. Zusammen mit seinem Kollegen Nick Reimer hat er im vergangenen Jahr ein Buch publiziert: »Deutschland 2050: Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird«. Dachgeschosswohnungen in Berlin, die jetzt wegen der schönen Aussicht noch sehr teuer verkauft oder vermietet werden, werden Mitte des Jahrhunderts regelmäßig überhitzen und Klimaanlagen zur Kühlung benötigen, warnt Staud am Freitag bei einer Wasserkonferenz der Grünen in der Messe Cottbus. Das Jahr 2050 sei nicht mehr weit weg, rechnet er vor. Mittlerweile leugne niemand mehr, der ernst zu nehmen ist, dass der Klimawandel ein Problem sei. Aber viele glaubten, die Krise sei weit weg, sie betreffe »den Eisbär, Menschen auf Südseeinseln und die Urenkel«.

Erst die Dürrejahre in Ostdeutschland und die Unwetterkatastrophe im Ahrtal habe vielen Deutschen klar gemacht, dass auch sie selbst schon von den Veränderungen betroffen sind. Es sei ja nicht so, dass es niemand geahnt hätte, berichtet der Journalist. Es gab Wissenschaftler, die ziemlich präzise Prognosen erstellten. Zum Beweis zitiert Staud aus einer Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung aus dem Jahr 1996. Bereits damals sagten die Experten für Brandenburg einen »Trend zur Steppe« voraus. Die Politik habe den Begriff »Steppe« für eine Zuspitzung gehalten. Das sei ein Irrtum gewesen. »Jetzt gehen wir in Ostdeutschland in das fünfte Dürrejahr in Folge«, sagt Staud. Im vergangenen Jahr hat es zwar wieder mehr geregnet – und bisher auch im laufenden Jahr. Aber die Niederschlagsmengen reichten nicht aus, um das Defizit auszugleichen und den Grundwasserstand aufzufüllen.

Um an die Braunkohle in den Tiefen von fünf Tagebauen im Revier zu gelangen, habe die Lausitzer Energie AG im Jahr 2020 insgesamt 350 Millionen Kubikmeter Grundwasser abgepumpt, berichtet Umweltminister Vogel. Über 250 Millionen Kubikmeter seien in die Spree abgeleitet worden. 50 Prozent seines Wassers bekomme der Fluss aus dieser Quelle. In Niedrigwasserphasen könnten künftig sogar zwei Drittel des Flusswassers fehlen, wenn nicht mehr abgepumpt wird. »Brandenburg ist eine knochentrockene Gegend«, stellt Vogel fest. Einem sinkenden Wasserangebot – fachmännisch spricht der Minister von einem Wasserdargebot – stehe ein steigender Wasserbedarf gegenüber.

Für Wasserstoff braucht man Wasser

Trotzdem ist die Abschaltung der Kohlekraftwerke und das damit verbundene Ende der Tagebaue eine zwingende Notwendigkeit angesichts der Klimakrise, die durch die CO2-Emmissionen von Kraftwerken wie Jänschwalde und Schwarze Pumpe befeuert wird. Spätestens 2038 soll Schwarze Pumpe vom Netz gehen, Jänschwalde bereits zehn Jahre früher. In der Lausitz basteln sie an Alternativen: Windräder, Solarenergie, Wasserstoff. Man brauche die Wasserstofftechnologie als Zukunftstechnologie, sagt die ehemalige Landtagsabgeordnete Heide Schinowsky (Grüne) in Cottbus. »Aber um Wasserstoff zu produzieren, braucht man Wasser, und das ist hier knapp.«

70 Menschen sind zur Wasserkonferenz in die Messehallen gekommen, weitere 70 Teilnehmer schalten sich online dazu, darunter auch Bettina Hoffmann, Bundestagsabgeordnete der Grünen und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium. Es gebe in der Bundesrepublik wohl keine andere Region, in der das Thema so sehr und so kontrovers diskutiert werde wie in der Lausitz, vermutet sie. Sie kann gut nachvollziehen, wenn es in einer Gegend, in der Wassermangel herrscht, Bedenken gegen die Ansiedlung der Wasserstofftechnologie gibt. Zumal für die Erzeugung von 100 Terrawatt grüner Energie so viel Wasser benötigt werde, wie eine Großstadt mit 500 000 Einwohnern verbrauche. Der Einstieg in eine umweltfreundliche Zukunft sei aber nötig.

Die Vergangenheit, das sind 8,4 Milliarden Tonnen Braunkohle, die seit dem Jahr 1900 im Lausitzer Revier gefördert wurden. In den Jahren davor waren es weitere 100 Millionen Tonnen, berichtet Ingolf Arnold vom Verein Wassercluster Lausitz. Umweltschützer misstrauen dem Ingenieur, der bis zu seiner Rente im Dienst der Braunkohleindustrie stand. Doch zur Wasserkonferenz ist Arnold genauso als Referent eingeladen wie sein Kontrahent René Schuster von der Grünen Liga. Auch wenn es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, ob Tagebauseen künftig kleiner und tiefer gestaltet werden sollten, um die Verdunstung zu reduzieren: Alle sind sich einig, dass die Lausitz ein Wasserproblem hat. Das ist kaum noch zu übersehen. Jeder Bauer und jeder Kleingärtner spürt das.

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