Gegen Gewalt, für Emanzipation von unten

Die Monatszeitschrift »Graswurzelrevolution« feiert ihren 50. Geburtstag

Pazifist*innen haben es in Kriegszeiten besonders schwer. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine werden alle, die vor immer mehr Militär und Aufrüstung warnen, als Putin-Versteher*innen diffamiert. Der Blogger Sascha Lobo polemisierte im »Spiegel« sogar gegen einen angeblichen Lumpen-Pazifismus. Bernd Drücke hingegen sieht sich durch die Ereignisse in Osteuropa in seiner konsequenten Antikriegshaltung bestätigt. »Jeder Krieg ist für uns ein Verbrechen an der Menschheit, und wir kämpfen mit direkten gewaltfreien Aktionen und Agitation dafür, alle Kriege zu stoppen«, sagt der Soziologe, der in den 1990er Jahren über die anarchistischen Medien in Deutschland promovierte. Seit 1998 ist Drücke Mitherausgeber der »Graswurzelrevolution« (gwr), einer Monatszeitung, deren Markenkern die Ablehnung jeglicher Gewalt ist.

»Die Zeitung unterstützt antimilitaristische, emanzipatorische Bewegungen auf allen Seiten und benennt die Kriegsverbrechen aller Seiten«, beschreibt Drücke gegenüber »nd« die Grundsätze der Zeitung, die jetzt ihren 50 Geburtstag gefeiert hat. Gegründet wurde sie 1972 von einem Kreis um Wolfgang Hertle, Wolfgang Zucht und Helga Weber, die sich als libertäre Sozialist*innen begriffen. Sie lehnten nicht nur jegliche Staatsgewalt ab. Sie wandten sich auch gegen den Einsatz von Gewalt gegen Personen in der linken Bewegung und propagierten Aktionen des Zivilen Ungehorsams, wozu Blockaden und Besetzungen gehörten.

Vor allem in Teilen der Friedensbewegung der 1980er Jahre und in der westdeutschen Anti-AKW-Szene wurde die »gwr« bald viel gelesen. Lou Marin kann sich noch erinnern, dass er 1979 bei einem Anti-AKW-Festival das erste Exemplar gekauft hat. »In der Ausgabe wurde intensiv der Aufruf ›Waffen für Nicaragua‹ diskutiert und dagegen Position ergriffen. Das hat mich sofort gepackt. Dann habe ich den Kriegsdienst verweigert, bin in eine gewaltfreie Aktionsszene hineinsozialisiert worden und dann bei der ›gwr‹ geblieben«, beschreibt der Pazifist seine Politisierung. Bis heute schreibt er regelmässig Texte für die Zeitschrift.

Dort geht es auch um die Geschichte der pazifistischen und gewaltfreien Bewegung, die heute oft gar nicht mehr bekannt ist. In den Hochzeiten hatte die »gwr« eine Auflage von etwa 5000 Exemplaren, heute sind es noch 3000. Knapp 2400 Personen und Einrichtungen haben sie abonniert. Doch ihr politischer Einfluss war oft größer als die Auflage, erinnert sich Lou Marin. Als größten Erfolg bezeichnet er die Durchsetzung der dezentralen Aktionsstrategie in der Bewegung gegen die Atomkraftnutzung. Statt zentraler Schlachten an Bauzäunen – die Strategie von Maoist*innen in den 1970er Jahren und der Autonomen in den 1980er Jahren – propagierte die »Graswurzelrevolution« die gewaltfreie Störung der atomaren Infrastruktur, also maßgeblich der Atomtransporte. Die Blockaden der Castorbehälter auf dem Weg ins Wendland mobilisierten in den 1990er Jahren Zehntausende. »Diese Strategie hat der Atomindustrie das Genick gebrochen«, ist Marin überzeugt. Auch der im Januar verstorbene Anti-Atom-Aktivist Jochen Stay, Gründer der Organisation »Ausgestrahlt« und einer der Koordinatoren viele Castor-Blockaden, war viele Jahre Redakteur der »gwr«.

Marin erinnert sich noch gut an die Zeit, in der die »gwr« mit der Schreibmaschine produziert wurde. 1988 hielt die erste Computergeneration Atari mit den Programmen Timeworks und Calamus Einzug in die Redaktion. »Wir konnten nur Floppy-Disks verarbeiten und Spalten ausdrucken. Die Spalten mussten noch auf Druckvorlagen geklebt werden«, erzählt Marin. Heute ist nicht nur die Zeitungsproduktion technologisch auf dem neuesten Stand. Auch die Debatten, die in der Zeitung geführt werden, greifen aktuelle linke Themen auf. Es geht um die soziale Frage und wie sie mit Feminismus, Antifaschismus und der Klimaschutzbewegung verbunden werden kann. Ihren Markenkern, den konsequenten Pazifismus, will die Zeitung gerade jetzt bewahren. »Der Krieg und die Remilitarisierung müssen überall sabotiert werden. Jeder Panzer, der durch Zucker im Tank unbrauchbar wird, ist ein Erfolg«, formuliert Bernd Drücke den Konsens der Redaktion.

Die Zeitschrift online: www.graswurzel.net/gwr/

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