Noch mehr Leistungsdruck

Schulgemeinschaften und Gewerkschaft kritisieren geplante Reform der Bildungspläne in Hamburg

Ties Rabe (SPD), Senator für Schule und Berufsbildung in Hamburg Foto: dpa/Marcus Brandt
Ties Rabe (SPD), Senator für Schule und Berufsbildung in Hamburg Foto: dpa/Marcus Brandt

»Leistung mag anstrengend sein, aber sie macht großen Spaß« – seit Monaten wirbt der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) nun schon so offensiv für die neuen Bildungspläne, die nach seinem Willen ab dem Schuljahr 2023/24 zum Einsatz kommen sollen. Im März hatte seine Schulbehörde die Entwürfe bereits vorgestellt. Bis Ende Juni sollten Verbesserungsvorschläge eingereicht werden. Es tagten Foren mit den Beteiligten aus Schulen und Gewerkschaften. Der Senator pries die Reform immer wieder öffentlich als Meilenstein in Richtung digitales Zeitalter an. Dabei betonte er, dass nichts »in Stein gemeißelt sei«.

Beteiligte der Diskussionsforen haben einen anderen Eindruck. »Natürlich waren wir als Gewerkschaft zu den Foren eingeladen, es kam aber kein Dialog auf. Uns wurde auf unsere kritischen Rückmeldungen hin nur immer wieder gesagt, man nehme das mit. Allerdings änderte sich gar nichts an den Entwürfen«, beschreibt Yvonne Heimbüchel, stellvertretende Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, ihre Beobachtungen gegenüber dem »nd«. Schließlich habe der Senator nur noch um »kluge Rückmeldungen« gebeten, wobei er die Kritik der Gewerkschaft explizit wohl nicht meinte.

Kritik regt sich seit Veröffentlichung der Entwürfe im März. Die Pläne sehen zum Teil eine deutliche Zunahme der Leistungsorientierung vor. Bislang setzen sich die Noten an den allgemeinbildenden Schulen zu 60 Prozent aus der mündlichen und zu 40 Prozent aus der schriftlichen Mitarbeit zusammen. In Zukunft soll diese Verteilung hälftig erfolgen, sodass die schriftlichen Arbeiten deutlich aufgewertet werden. Referate, Präsentationen und andere mündliche Beiträge verlieren an Bedeutung. Mehr Arbeiten sollen durch die neuen Pläne ebenfalls anfallen.

»Prüfungsformate sind zwingend vorgegeben und wurden in ihrer Anzahl zudem erhöht«, warnte die GEW in einer Stellungnahme. Bei der Gewerkschaft gehen beinahe täglich kritische Anfragen von Schulen und Lehrer*innen ein. »Durch eine weitere Klausur im Fach Deutsch in der Oberstufe steigt der ohnehin schon immense Druck auf die Schüler*innen«, warnt eine Gymnasiallehrerin in einer Mail an die Gewerkschaft. Dabei bewegten sich viele Schüler*innen schon jetzt »am Rande der Belastungsgrenze«.

Es bleibt nicht bei Einzelmeldungen. Ganze Schulgemeinschaften stellen sich mittlerweile gegen die geplante Reform. Die Schulkonferenz des Kaifu (Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer) Gymnasiums – ein Gremium bestehend aus Lehrer*innen, Schüler*innen und Eltern – hat sich vor wenigen Tagen in einer Stellungnahme direkt an die Behörde gewandt. In den Entwürfen hätten »rückwärtsgewandte Vorstellungen von Schule und Lernen« ihren Ausdruck gefunden. »Druck ist kein guter Motor des Lernens – daher halten wir eine Steigerung schriftlicher Arbeiten gerade in der Studienstufe und die Betonung des Schriftlichen für falsche Signale, die allen Schüler*innen Freiraum nehmen und nicht der psychischen Gesundheit der Schüler*innen dienen«, formuliert die Schulgemeinschaft weiter.

Zudem sei die Zeit von März bis Juni viel zu knapp bemessen gewesen, um über die neuen Entwürfe zu diskutieren. »Es handelt sich um sehr umfangreiche Pamphlete. Die mussten von den Schulen beziehungsweise Lehrer*innen nebenbei erstmal gelesen werden. Und das mitten in der Prüfungszeit«, fasst Yvonne Heimbüchel die Frustration zusammen. Das Kaifu-Gymnasium spricht gar von »Alibi-Beteiligung«.

Der Senator scheint sich aber bislang von der Woge der kritischen Rückmeldungen nicht aufhalten zu lassen. »Wir dürfen uns beim Thema Leistung nicht wegmogeln«, so Rabe in einer Erklärung. Die Hamburger Schüler*innen steckten im Bundesvergleich immer noch im Mittelfeld fest. Daraus will der Senator sie durch »liebevolle und kluge Förderung« ganz nach vorne schießen. Ob ihm dies bei so viel Gegenwind gelingt, bleibt abzuwarten.

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