Der Preis des Patriarchats

Der Wirtschaftswissenschaftler Boris von Heesen hat berechnet, was schädliches Verhalten von Männern die Gesellschaft kostet.

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 6 Min.
Kritik an der Plauze muss kein »Lookism« sein: Ungesunde Ernährung als Ausdruck von männlicher Zurichtung
Kritik an der Plauze muss kein »Lookism« sein: Ungesunde Ernährung als Ausdruck von männlicher Zurichtung

Wie kommen Sie dazu, Überlegungen darüber anzustellen, »was Männer kosten« – so lautet der Titel Ihres Buches?

Ich bin studierter Ökonom und habe in der Sucht- und Jugendhilfe über viele Jahre Erfahrungen mit dem Ungleichgewicht der Geschlechter gesammelt. Zudem habe ich eines der ersten Online-Marktforschungsunternehmen gegründet und mir so die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit statistischen Daten angeeignet.

Sie setzen sich auseinander mit dem auch in Fachkreisen umstrittenen Begriff der »toxischen« Männlichkeit. Ist diese Bezeichnung nicht ein bisschen pauschal?

Ich spreche lieber von »ungesundem« männlichen Verhalten. Dieses bildet sich durch soziale Zwänge und Rollenstereotype heraus. Männer laufen Gefahr, schädlichen Mustern zu folgen, die in solchen Prägungen ihren Ursprung haben. Beispiele dafür sind etwa Selbstgefährdung, Gewalt oder Sexismus. Deshalb halte ich es für wichtig, dass Männer ihre Rolle fortwährend kritisch reflektieren. Den Begriff der toxischen Männlichkeit vermeide ich. Er differenziert kaum die Ursachen männlichen Fehlverhaltens – und könnte so verstanden werden, dass Männlichkeit grundsätzlich schädlich ist oder gar alle Männer »toxisch« sind. Das ist selbstverständlich nicht der Fall.

Welche ökonomischen Kosten verursacht männliches Fehlverhalten im Detail?

Da unterscheide ich zwischen direkten und indirekten Kosten. Gefängnisaufenthalte, Drogentherapien, Polizeieinsätze, verwüstete Züge nach Fußballspielen oder der Betrieb von Frauenhäusern verursachen direkte Kosten, sie stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang zu einem Verhalten. Dazu kommen aber weitere Kosten, die erst in einem zweiten Schritt entstehen. Entgangene Einnahmen der Sozialkassen aufgrund von Krankheit oder Arbeitslosigkeit als Folge eines Unfalls oder einer Straftat sind etwa solche indirekten Aufwendungen.

Was sind die größten »Kostentreiber« von ungesundem männlichen Verhalten für die Gesellschaft?

Mit allein über 40 Milliarden Euro pro Jahr steht die Sucht einsam an der Spitze. Drei von vier Alkoholabhängigen sind männlich, allein ihr deutlich höherer Konsum von Bier, Wein oder Schnaps verursacht gesellschaftliche Mehrkosten von über 26 Milliarden Euro. Und dieses Problem strahlt auf viele andere Felder ab, die ich untersucht habe. So verursachen Männer mit dem Auto fünfmal häufiger Verkehrsunfälle mit Personenschäden, wenn sie getrunken haben. Diebstähle, die zu 70 Prozent von Männern verübt werden, haben häufig mit Beschaffungskriminalität für Drogen zu tun. Ein weiterer Faktor, mit nach meiner Berechnung mindestens fünf Milliarden Euro Kosten jährlich, sind die Folgen ungesunder Ernährung. Männer trinken viermal mehr Softdrinks als Frauen und sechsmal so viel Bier. Sie essen fast doppelt so viel Fleisch und viel mehr Salz, unter den sich vegetarisch oder gar vegan Ernährenden beträgt ihr Anteil nur 20 Prozent. Das Bild des Felsens in der Brandung, der ohne Rücksicht auf Verluste essen und trinken kann, was er will, ist immer noch in vielen Männerköpfen verankert.

Viele der von Ihnen aufgelisteten Themen sind Probleme, mit denen Polizei, Justiz und Sozialarbeit ständig zu tun haben. Gibt es nach Ihrer Beobachtung in den involvierten Institutionen einen »geschlechtsspezifischen« Blick darauf?

Sicherlich gibt es ein Bewusstsein dafür, dass all diese belastenden Statistiken von Jungen und Männern deutlich dominiert werden. Aber, und das finde ich irritierend, der geschlechtsspezifische Blick hört dann auf, wenn es darum geht, die Probleme wirklich nachhaltig zu bearbeiten. Das fängt schon damit an, die entsprechenden Daten nicht in internen Tabellenbänden zu verbergen, sondern das Ungleichgewicht bekannt zu machen, um daraus Maßnahmen abzuleiten. Ich frage mich, warum das Bundeskriminalamt, die Polizeibehörden der Länder, das Kraftfahrtbundesamt oder die Statistikbehörde Destatis die alarmierenden Zahlen nicht regelmäßig und prominent ins Zentrum der Öffentlichkeit rücken.

Im zweiten Teil des Buches sprechen Sie von »nicht messbaren« Nebenwirkungen männlicher Rollen. Was meinen Sie damit?

Letztendlich basiert mein Zugang zum Thema ja auf einem Trick. Ich verwende die geheime Sprache, das zentrale Schmiermittel des Kapitalismus, nämlich das Geld, um auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen hinzuweisen. Dabei nutze ich amtliche Statistiken und öffentlich verfügbare Kostendaten. In vielen Lebensbereichen aber, die von patriarchalen Strukturen durchzogen sind und in der Folge zu schädlichen Verhalten führen, stehen keine solchen Daten zur Verfügung. Weil sich bisher niemand damit beschäftigt hat oder weil es aus ethischen Gründen schwierig ist, die Kosten zu ermitteln. Kaum messbare Nebenwirkungen des Patriarchats ergeben sich zum Beispiel durch antifeministische Strömungen. Der Hass von Männern, ausgeschüttet über Frauen insbesondere im anonymen digitalen Raum, belastet das Zusammenleben enorm. Die dunkle Seite der Sexualität mit strukturell misogynen, pornografischen Darstellungen, »Gangsta Rap« oder Prostitution ist ein anderes, schwer zu monetarisierendes Feld. Zu wenig beachtet wird auch, dass Männer sich selbst schädigen durch ihr Verhalten. Hierauf ist die immer noch knapp fünf Jahre kürzere Lebenserwartung und auch die dramatisch höhere Suizidrate von Männern zurückzuführen.

Welche Auswege zeigen Sie auf?

Stark verkürzt mache ich auf zwei konkrete Handlungsfelder aufmerksam. Die erste Maßnahme wäre die systematische Veröffentlichung von Statistiken, die Belastungen abbilden und die maßgeblich von Männern angeführt werden. Verlässliche Daten über die Schieflagen sind die Grundlage, um notwendige Veränderungen einzuleiten. Das zweite, eher mittel- bis langfristig wirkende Aktionspaket würde auf das Aufbrechen von Geschlechterrollen hinwirken, einer Quelle für ungesundes männliches Verhalten. Hier plädiere ich zum Beispiel dafür, Eltern für eine klischeefreie Erziehung zu sensibilisieren. Auch die Curricula der Aus- und Fortbildungen von Fachkräften in Kitas, Schulen und sozialen Trägern müssen um geschlechtersensible Elemente ergänzt werden. Wir brauchen Marketingkampagnen, um das Verhalten von Männern im Straßenverkehr positiv zu beeinflussen, und müssen das Bewusstsein für Männergesundheit schärfen. Es braucht auch wirksame Instrumente, um der unnötigen Verfestigung der Geschlechterrollen in Medien und Werbung entgegenzuwirken. Das dauert und das kostet, aber ich bin überzeugt, dass sich die Investitionen lohnen werden.

Was kann die Polizei tun, was die Justiz?

Die Sicherheitsbehörden sollten das vorhandene Datenmaterial unbedingt nutzen, um auf das Geschlechterungleichgewicht aufmerksam zu machen. So wird der Druck auf die politisch Verantwortlichen erhöht. Zudem könnten schon in den Ausbildungs- und Studiengängen von künftigen Polizisten oder Justizbeamtinnen die gesamtgesellschaftlichen Folgen ungesunder Rollenmuster thematisiert werden.

Was können Sozialarbeit und Männerberatung beitragen?

Ich plädiere für ein flächendeckendes bundesweites Netzwerk von Beratungsangeboten für Männer, damit diese in Krisensituationen oder heraufziehenden Krisen überall qualifizierte Unterstützung bekommen. Denn der fehlende Zugang zu den eigenen Gefühlen, zur eigenen Innenwelt ist in vielen Fällen die Ursache für ungesundes männliches Verhalten. Soziale Träger sollten auch mehr Angebote geschlechterreflektierender Jungenarbeit bereitstellen. So könnte schon früh die eigene Rolle reflektiert und ein positives Bild von Männlichkeit entwickelt werden.

Was fordern Sie von der Politik?

Ich habe einen konkreten Vorschlag: Ich wünsche mir einen digitalen Gleichstellungsmonitor, der alle relevanten Statistiken übersichtlich für alle Menschen zugänglich macht. So können Medien, Wissenschaft und andere Interessierte verlässlich aus einer zentralen Informationsquelle schöpfen und daraus Veränderungsprozesse ableiten.

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