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Lebensmittel, Windeln und 3100 Hrywnja

Ein Hilfsnetzwerk für KZ-Überlebende und ehemalige Zwangsarbeiter in der Ukraine organisiert praktische Unterstützung

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein paar Scheine Bargeld können schon eine große Hilfe sein.
Ein paar Scheine Bargeld können schon eine große Hilfe sein.

Ljuba Danylenko zeigt Fotos über Fotos von sehr alten Leuten. Häufiges Motiv: Ein altes Mütterchen hält ein aufgefächertes Bündel Geldscheine in die Kamera. Ausgezahlt in der ukrainischen Währung sind die gewährten 100 Euro Unterstützung etwa 3100 Hrywnja. Manchmal trifft das Geld über Umwege bei den Bedürftigen ein. In den von russischen Truppen besetzten Gebieten im Osten des Landes sei das so, erzählt Danylenko am Montagabend bei einer Videokonferenz. Es geht darum, wie ukrainischen Überlebenden der Nazigreuel im Zweiten Weltkrieg heute geholfen werden kann, wo ein Krieg mit Russland tobt und die Versorgung der hochbetagten Menschen dadurch sehr schwierig bis schier unmöglich ist.

Deutsche Familien spenden doch oft fünf Euro im Monat für ein armes Kind in Afrika, erinnert Danylenko. Sie regt an, die Patenschaft für einen KZ-Überlebenden in der Ukraine zu übernehmen und ihm zehn Euro im Monat zukommen zu lassen. »Die Idee mit den Patenschaften ist eine ganz wunderbare Idee«, findet Christine Glauning. Die Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide moderiert diese Videokonferenz, zu der sich auch Anatolii Podolskii vom Zentrum für Holocaust-Studien aus Kiew zugeschaltet hat. Wie während des Krieges und nach dem Krieg die Geschichte des Holocaust vermitteln? Das ist eine Frage, die ihn umtreibt. Einige seiner Schüler sind jetzt als Soldaten an der Front, andere als Flüchtlinge in Deutschland oder Polen. »Ich bete jeden Tag für das Ende des Krieges«, erzählt Podolskii. Dann korrigiert er sich: »Für unseren Sieg.«

Die älteste noch lebende Zwangsarbeiterin hat Ljuba Danylenko im Gebiet Nikolajew ausfindig gemacht – eine Maria mit dem zerfurchten Gesicht einer Greisin. Kein Wunder: Sie ist Jahrgang 1920. Den Kontakt herzustellen helfen Opferverbände vor Ort. Im Gebiet von Mykolajiw gibt es einen sehr rührigen, der sogar während des Krieges mit Russland noch mit Blumen an den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald erinnert habe. Zuweilen ist der Vorsitzende des Opferverbandes selbst ein Überlebender, aber noch so rüstig, dass er anderen Opfern Lebensmittel, Windeln oder Geld bringen kann. Zum Beweis, dass alles an die richtige Stelle gelangte, bekommt Danylenko dann Fotos geschickt, auf denen die Quittungen fotografiert sind oder die Opfer die Geldscheine in ihren Händen halten. Manchmal stehen die Packen mit den Windeln für pflegebedürftige Senioren daneben auf einem Tisch.

Auch Medikamente werden benötigt, erzählt Danylenko. Für einen Überlebenden des KZ Neuengamme durfte sie Geld schicken. Aber er lebt völlig allein. Hat keine Angehörigen, die sich um ihn kümmern könnten – und ins Ausland fliehen wolle er auf gar keinen Fall. Danylenko würde es begrüßen, wenn in der Zentral- oder der Westukraine ein Platz fernab der Front gefunden würde, wo solche Fälle mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland gepflegt werden. Das wäre auch noch billiger, als sie als Flüchtlinge in der Bundesrepublik zu versorgen, argumentiert sie. Bei ihren Hilfsbemühungen ist die Frau auch auf Überlebende gestoßen, die in ihren Listen nicht verzeichnet waren. »Wenn ich gefragt habe, wo sie in Deutschland Zwangsarbeit geleistet haben und die Antwort kam sofort, das war für mich Beweis genug«, erzählt sie.

Die ehemaligen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter haben oft kein Bankkonto, können die gespendeten Summen also nicht überwiesen bekommen. Die Rente wurde ihnen bislang bar ausgezahlt. Durch den Krieg sei es seit dem 24. Februar oft die Frage, ob und wann die Rente eintrifft. An Bargeld zu kommen, sei in den ersten Wochen des Krieges auch nicht einfach gewesen. Darum ist die Unterstützung aus dem Ausland so wertvoll. Es hilft der Anfang 1990 in Berlin gegründete Verein KONTAKTbI, der sich seit Jahrzehnten um Kontakte in die Nachfolgestaaten der Sowjetunion bemüht. Allein im Jahr 2020 sammelte der Verein 274 000 Euro für Naziopfer. Von dieser Summe übermittelte er 120 000 Euro an ehemalige Kriegsgefangene, 45 000 Euro an Überlebende verbrannter Dörfer in Belarus und 35 000 Euro an einstmals minderjährige Häftlinge in der Ukraine. Es hilft nun auch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Diese Stiftung geht auf einen Beschluss aller Fraktionen des Bundestages vom 2. August 2000 zurück. Sie entstand mit der Aufgabe, den von Nazideutschland einst ausgebeuteten Zwangsarbeitern endlich Entschädigungen zu zahlen und die Erinnerung an das ihnen zugefügte Unrecht wachzuhalten.

Die vor Jahrzehnten geknüpften Kontakte haben sich nun bewährt, um die noch lebenden ukrainischen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu unterstützen, die im hohen Alter noch einmal einen Krieg erleben müssen. Die Partner in Deutschland und Polen haben jetzt schnell reagiert, vermerkt Ljuba Danylenko. Sie ist dankbar für das Hilfsnetzwerk für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine. Die Partner in Belarus und Russland haben sich leider überhaupt nicht gerührt, bedauert sie.

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