Prävention versus assistierter Suizid

Psychiater und Palliativmediziner beklagen zu wenig niedrigschwellige Angebote für Menschen in Lebenskrisen

  • Von Christa Schaffmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Laut WHO gehört der Suizid weiter zu den häufigeren Todesarten.
Laut WHO gehört der Suizid weiter zu den häufigeren Todesarten.

»Stellen Sie sich vor, in Deutschland würde alle 13 Tage eine Boeing 747 abstürzen und alle Insassen wären tot. Was wäre in diesem Land los? Es würden unheimlich viele Maßnahmen ergriffen, die Sicherheitstechnik würde aufwendig revolutioniert werden. Und was tun wir gegen die Suizide, in deren Folge genauso viele Menschen jedes Jahr in Deutschland sterben – rund 10 000?«

Diese Frage stellte Ute Lewitzka, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention beim Hauptstadt-Symposium der Psychiatrie-Fachgesellschaft (DGPPN). Thema der Veranstaltung am Dienstag war unter anderem die anstehende Neuregelung der Suizidbeihilfe. Palliativmediziner wie Lewitzka wünschen sich seit Jahren ein Suizidpräventionsgesetz. Für sie ist der selbstbestimmte Suizid nachrangig. Die unterschiedlichen Präventionsangebote in den verschiedenen Bundesländern tragen oft Projektcharakter, sind nur selten finanziell gesichert, damit nicht verlässlich und oft auch nicht wohnortnah. Informationen und Aufklärung in ausreichendem Umfang fehlen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist an dieser Stelle gefordert, meinen sowohl die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention als auch der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband.

Als sinnvoll angesehen werden auch Beratungs- und Hilfsangebote. Hier geht es um die Förderung spezieller Peer-Group-Projekte für besonders suizidgefährdete Gruppen, darunter Jugendliche in besonderen Lebenslagen, Menschen mit Depressionen, Alte, Einsame und Trauernde. Diese Menschen bevorzugten den Kontakt zu Gleichaltrigen und zu Vertrauenspersonen. Auch für bestimmte Berufsgruppen (Polizei, Militär, Justizvollzug) böten sich aus Sicht der genannten Verbände solche Peer-Groups an.

Lewitzka räumt ein, dass es vielerorts schon niedrigschwellige Programme für Menschen gebe, die Krisen erleben und vielleicht auch schon Suizidgedanken haben. Zudem existieren psychosoziale Krisendienste. »Aber diese Krisendienste arbeiten in der Regel Montag bis Freitag zwischen 8 und 16 Uhr; der größte Bedarf existiert aber nachts und am Wochenende. Nur in ganz wenigen Regionen gibt es aufsuchende Krisendienste.«

Dass Gesundheitsminister Lauterbach im Kontext zum Gesetz zum assistierten Suizid, den vergleichsweise nur eine kleine Zahl von Menschen wünscht, ein flächendeckendes Beratungsnetz für diese speziellen Suizidenten fordert, ärgert die Psychiaterin: »Wir brauchen als erstes aufsuchende Dienste für Menschen in suizidalen Krisen. Und außerdem geht es darum, Menschen mit psychischen Erkrankungen überall leitliniengerecht zu behandeln. Einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zufolge werden in einigen Regionen nur zehn, in anderen 40 Prozent der Patienten mit mittelschweren und schweren Depressionen leitliniengerecht behandelt.« Das sei kein Vorwurf an die Hausärzte, die gar keine Zeit hätten, nach Depressionen zu fragen. »Das ist ein Systemfehler. Bereits die Schulung von Hausärzten führte in den Folgejahren zu einem Rückgang von Depressionen um 60 Prozent!« 250 Suizide pro Jahr könnten zudem allein durch die Verschreibung von Lithiumpräparaten verhindert werden.

Es gehe aber nicht nur um das Verhindern, sondern auch um Maßnahmen, die einen Suizidwunsch gar nicht erst entstehen lassen. »Aus Erfahrung wissen wir, dass Menschen mit guten Problemlösungsstrategien und Offenheit für Neues, bessere Chancen haben, ihre psychischen Erkrankungen zu überwinden und die Krise als Herausforderung sehen können statt nur als schweren Schicksalsschlag. Was wir außerdem brauchen, sind valide Daten und eine gut finanzierte Begleitforschung; die haben wir nicht«, so Ute Lewitzka.

Sie fürchtet, wenn im Herbst unter Umständen ein Gesetzentwurf zum assistierten Suizid verabschiedet wird, der den Eindruck erweckt, darin stecke bereits eine ausreichend große Portion Suizidprävention, dann wäre das fatal; »die Tür zu einem echten Suizidpräventionsgesetz ist gerade einen Spalt weit offen – sie darf deshalb nicht zufallen«.

Die Palliativmediziner werden weiter für ein solches Gesetz kämpfen. Unter den neuen Voraussetzungen extrem steigender Rüstungsausgaben, hoher Kosten für die Energiesicherung und weiterer Milliarden für den zugesagten Wiederaufbau der Ukraine, ganz zu schweigen von den Ausgaben zur Rettung des Planeten vor dem Klimawandel, dürfte dieser wichtige Kampf für Suizidprävention noch schwieriger werden. Das betrifft auch die Einbeziehung des Themas in in die Aus-, Fort- und Weiterbildung der beteiligten Berufsgruppen.

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