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Wenn Ausruhen nicht hilft

Bei Depressionen ist eine ärztliche Behandlung wichtiger als gut gemeinte Ratschläge

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Depression ist eine weitverbreitete Krankheit, sie ist unter den psychischen Leiden jenes, das am meisten Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland bewirkt. Bei der repräsentativen Befragung für das neue Deutschland-Barometer Depression gaben 20 Prozent der Berufstätigen an, dass ihnen schon einmal diese Diagnose gestellt wurde. 5283 Personen zwischen 18 und 69 Jahren wurden dazu im September 2021 online um Auskunft gebeten. Vorgestellt wurden die Ergebnisse am Dienstag in Berlin, und zwar von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Stiftung Deutsche Bahn, von der die Umfrage zum wiederholten Mal gefördert wurde. Die Stiftungen gehen in ihrem Bericht von einer Volkskrankheit aus, welche die meisten Unternehmen betrifft. Diese seien insofern verantwortlich, dass sie den Zugang zu durchaus vorhandenen Therapien erleichtern müssten.

Bei der Depression handelt es sich nicht nur um eine häufige, sondern auch um eine schwere Erkrankung - und nicht nur um eine Befindlichkeitsstörung. Acht Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Deutschland werden pro Jahr behandelt, Frauen doppelt so häufig wie Männer, wie Ulrich Hegerl erläutert, Vorstand der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Zudem ist eine Depression eine rezidivierende Erkrankung: Sie kann zurückkommen, auch wenn sie einmal ausgestanden scheint.

Oft ist sie lebensbedrohlich, im Durchschnitt verlieren die Patienten zehn Lebensjahre. Das hat auch damit zu tun, dass Depressionen die häufigste Ursache für Suizidalität sind. In Deutschland gibt es durchschnittlich 9000 Suizide pro Jahr, von Männern aller Altersstufen etwas häufiger als von Frauen. Auffällig ist der sehr starke Anstieg von männlichen Suiziden im höheren Alter, etwa ab 70 Jahren. Jedoch kann davon ausgegangen werden, dass der offenere Umgang mit Depressionen dazu beigetragen hat, dass sich die Zahl der Suizide von etwa 18 000 im Jahr 1980 bis 2019 halbiert hat. Nur im Coronajahr 2020 hat die Zahl leicht auf 9200 Fälle zugenommen.

Bei den Depressionen gibt es aus Sicht von Epidemiologen keine echte Zunahme in der Gesamtbevölkerung. »Aber es holen sich viel mehr Betroffene Hilfe und erhalten dann auch eine Diagnose«, erklärt Psychiater Hegerl. Bei der aktuellen Umfrage hatten nur 31 Prozent der Befragten noch keinen Kontakt mit der psychischen Erkrankung. 23 Prozent hatten schon einmal selbst die Diagnose erhalten, von dieser Gruppe waren wiederum bis zu 20 Prozent aktuell damit krankgeschrieben. Weitere 18 Prozent der insgesamt Befragten vermuten, dass sie die Krankheit haben könnten. 38 Prozent kennen die Diagnose Depression aus ihrem familiären Umfeld, drei Prozent gehörten zu den Behandlern.

Nach Meinung der Befragten zählten zu den Ursachen der Depression Belastungen und Konflikte am Arbeitsplatz oder Krankheiten und Schmerzen. Diese Ansichten seien relativ verbreitet, wie Hegerl kommentiert, aber irreführend. So sei es auch nicht hilfreich, wie in der Umfrage als Abhilfe angegeben, mal Urlaub zu nehmen oder sich auszuruhen und mehr zu schlafen. »Die Depression fährt mit in den Urlaub«, so der Psychiater. Außerdem verweist er auf einen Therapieansatz, der auf Schlafentzug setzt und eine Verbesserung der Symptome bringen kann.

Wie eine Depression entsteht, ist wissenschaftlich noch nicht endgültig geklärt. Sicher ist, dass ein gestörter Botenstoffwechsel im Gehirn und fehlregulierte Stresshormone neben äußeren und auch genetischen Faktoren einen wichtigen Einfluss haben. Jedoch kann den Patienten geholfen werden: »Mit Antidepressiva und einer Psychotherapie, in der auch nach den Triggerpunkten für die Erkrankung gesucht wird, kann das Risiko eines schweren Verlaufs um 70 Prozent gesenkt werden«, erläutert Hegerl.

In den Unternehmen ginge es nun darum, dass Anlaufstellen für Betroffene existierten, etwa Betriebsärzte, eine Sozialberatung oder auch der Betriebsrat. In der aktuellen Umfrage erklärten 22 Prozent der Befragten, dass diese Möglichkeiten in ihrem Fall existierten, fast ein Drittel aus dieser Gruppe habe sie auch schon in Anspruch genommen. Die Erfahrungen damit waren nicht nur, aber vorwiegend positiv. Ein Pluspunkt für die Betroffenen war, dass sie nicht mehr so viel Kraft aufwenden mussten, um eine »gesunde« Fassade aufrechtzuerhalten. Diesen Aspekt betonte auch ein Bahnmitarbeiter, der ebenfalls erkrankt war. Inzwischen ist er bei der Bahn neben seiner fachlichen Arbeit in einem Peer-Netzwerk aktiv, das seit einigen Jahren als Ansprechpartner für Betroffene bereitsteht. Er habe nach monatelangem Ausfall entschieden, dass ihn das Verschweigen seiner Diagnose zu viel Kraft koste und er diese einfach nicht habe.

Die Mehrheit der Beschäftigten mit Depression spricht laut der Umfrage am Arbeitsplatz nicht über die Erkrankung. Ein Drittel der Betroffenen geht hingegen offen im beruflichen Umfeld damit um - mit zumeist positiven Erfahrungen. Jeder Vierte hatte allerdings das Gefühl, dass durch den offenen Umgang nicht mehr die eigene Leistung, sondern die Erkrankung im Vordergrund stand.

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