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Beten unter Beobachtung

Die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Moabit feiert fünfjähriges Bestehen

  • Von Johanna Montanari
  • Lesedauer: 4 Min.
Gebet unterm Regenbogen: In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee beten alle Geschlechter gemeinsam hinter einer Imanin.
Gebet unterm Regenbogen: In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee beten alle Geschlechter gemeinsam hinter einer Imanin.

Es ist eine von wenigen Moscheen weltweit, in der regelmäßig eine Frau zum Gebet ruft und eine Predigt hält, so auch heute. Während sieben Menschen ihre Gebetsteppiche Richtung Mekka ausbreiten, sind über 40 Augenpaare auf ihren Rücken gerichtet, eine fast schon voyeuristische Situation. Durch die Fenster dringt der Lärm spielender Kinder. Es ist heiß.

Das öffentliche Freitagsgebet läutet die Feier zum fünfjährigen Bestehen der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Moabit ein. Die Moschee steht für einen progressiven Islam und lädt LGBTIQ-Personen ein, »um auch ihnen einen Ort der spirituellen Geborgenheit anzubieten«, wie es auf der Webseite der Gemeinde heißt. Auch alle islamischen Glaubensrichtungen sind willkommen, egal ob sunnitisch, schiitisch, alevitisch oder Sufi.

Im Islam gibt es keine zentrale Autorität, keine hierarchisch organisierte Kirche. In Deutschland werden Moscheen nicht wie in anderen Ländern vom Staat, sondern von Vereinen betrieben. Die prominente Rechtsanwältin und Aktivistin Seyran Ateş hat die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee 2017 mitbegründet. Heute begrüßt sie die Gäste selbst, lädt sie ein, sich ein Getränk zu nehmen, und beschreibt das Programm, das mit Derwischtanz, Live-Musik und einer Filmvorführung am Abend endet.

Ateş wurde 1963 in Istanbul geboren und wuchs als Kind türkischer sogenannter Gastarbeiter in Berlin auf. Wegen Morddrohungen steht sie seit vielen Jahren unter ständigem Polizeischutz. An ihrer weißen Bluse prangt ein Regenbogen-Sticker: »Liebe ist halal«, steht da drauf – das arabische Wort lässt sich mit »rein« oder »erlaubt« übersetzen. Ein evangelisches Gemeindezentrum stellt der Moschee den Saal zur Verfügung. Im Publikum sitzen manche mit einem Kreuz-Anhänger vor der Brust.

Die Größe der Gemeinde steht in keinem Verhältnis zur Aufmerksamkeit, die sie erfährt. Die Ausrichtung der Moschee polarisiert seit ihrer Gründung immens. Das ägyptische Fatwa-Amt erklärte, dass die Gebete der Moschee »nicht gültig« seien, die türkische Religionsbehörde Diyanet diskreditierte die Moschee als Projekt der Gülen-Bewegung. Wegen der ständigen Beobachtung, unter der die Moschee steht, trauen sich viele nicht zu kommen, insbesondere an einem Tag wie heute, erklärt Ateş.

Die Moschee existiert weiterhin, trotz des Widerstands und der Ablehnung, die sie erfährt: Sie betreibt Bildungsarbeit mit Schulen, Organisationen und Vereinen, bietet Yoga und Qigong an. Ende Januar putzte die Gemeinde gemeinsam Stolpersteine.

Zuletzt war Ateş in den Medien, als sie sich gegen Ferda Ataman als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aussprach. Als Teil der Initiative »Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung« warnte Ateş vor einer »Fehlentscheidung«, da Ataman für »Spaltung und Ressentiment in der Gesellschaft« sorge.

Zuvor war Ateş fehlende Distanzierung zur AfD vorgeworfen worden. Das queere »Soura Film-Festival« hatte vergangenes Jahr ihren Mitarbeiter von einer Veranstaltung ausgeladen, weil Ateş 2018 einer Einladung der österreichischen FPÖ gefolgt war und sich öffentlich und juristisch für ein Kopftuchverbot einsetzt. Zu diesem Vorfall stellte die AfD eine parlamentarische Anfrage. In einer Stellungnahme erklärte Ateş: »Ich werde mich von der AfD nicht instrumentalisieren lassen.« Sie habe »Freunde in allen Parteien«, jedoch nicht in der AfD.

Zur Geburtstagsfeier sind Lokal- und Bundespolitiker*innen geladen. Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) zieht wie alle die Schuhe aus, um auf dem Gebetsteppich zum fünfjährigen Bestehen zu gratulieren. Er lobt die Hartnäckigkeit und den Optimismus der Gemeinde, nennt sie einen »Motor der Diskussion«, der Vielfalt voranbringe.

Auch die Integrationsbeauftragte von Neukölln, Güner Balcı, der Berliner CDU-Landeschef Kai Wegner und der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) kommen vorbei. Balcı spricht die finanziellen Schwierigkeiten der Moschee an. Sie hoffe, dass neben der Ibn-Rush-Goethe-Moschee viele weitere derart progressive Gemeinden gegründet werden. Dafür jedoch brauche es Personen, die so viel Gegenwind vertragen wie Seyran Ateş.

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