Werbung
  • Kultur
  • Dirndl und Lederhosen

Was ist deutsch?

Anlässlich des G7-Gipfels wurde im Netz über Dirndl, Lederhosen und deutsche Traditionen diskutiert

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 3 Min.
"Welches Deutschland soll das eigentlich abbilden?", wurde nach dem Empfang der G7-Teilnehmer*innen am Münchner Flughafen gefragt.
"Welches Deutschland soll das eigentlich abbilden?", wurde nach dem Empfang der G7-Teilnehmer*innen am Münchner Flughafen gefragt.

Bei der Frage, was Deutschland und Deutsche ausmacht, scheiden sich selbstverständlich die Geister: Goethe und Wagner, der Tatort im Ersten, Pünktlichkeit, Bier, Würstchen mit Kartoffelsalat – oder aber beleidigt zu sein, wenn man »Kartoffel« genannt wird, während man selbst darauf besteht, das N-Wort zu sagen. Diese Woche wurde der G7-Gipfel im Netz zum Anlass genommen, um über bayerische Trachten als Symbol für Deutschland zu diskutieren.

Im Zuge des Treffens tanzten nämlich Buben den Schuhplattler, und man kleidete sich in Dirndl und Lederhosen, um den Staatsbesuch aus aller Welt zu begrüßen. Höchst fragwürdig, meinten manche auf Twitter. »Welches Deutschland soll das eigentlich abbilden?« fragte etwa Dario Schramm, ehemaliger Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, zusammen mit einem Foto vom Empfang des US-Präsidenten Joe Biden. Der lief an der Seite von Markus Söder, vorbei an einer Schar von Frauen und Männern in Volkstracht.

Man dürfe sich nicht wundern, wenn im Ausland gedacht wird, Deutsche würden in Dirndl und Lederhosen herumlaufen und literweise Bier trinken, lautete so mancher Kommentar. Martin Hagen, FDP-Abgeordneter im bayerischen Landtag, twitterte hingegen: »Viel Mimimi auf Twitter wegen des Empfangs der G7-Gäste. Ja, wenn man im Ausland an Deutsche denkt, dann denkt man oft an bayerische Tracht. Dafür sollte der Rest der Republik uns Bayern nicht beleidigen, sondern dankbar sein: Vorher dachte man nämlich an Pickelhauben.« Und auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder fand die traditionsreiche Begrüßung natürlich toll und dankte bei einer Pressekonferenz allen Trachtlern, Blaskapellen und Gebirgsschützen, die im Einsatz waren. »Sie waren hervorragende Repräsentanten für unser Land«, so Söder.

Aber welches Land eigentlich? Deutschland oder Bayern? Oder Nordrhein-Westfalen? Erfunden wurde das Dirndl nämlich von den Brüdern Moritz und Julius Wallach. »Geburtsort der beiden Gründer: Ostwestfalen-Lippe. Weil sie Juden waren, wurden sie später von den Nationalsozialisten verfolgt, konnten aber 1939 in die USA emigrieren. Mehrere ihrer Geschwister wurden während der Schoah ermordet«, weiß der Historiker und Journalist Joachim Telgenbüscher, der mit dem Twitter-Account »Verrückte Geschichte« über kuriose geschichtliche Ereignisse informiert.

Und wenn man schon stolz auf seine Traditionen im Freistaat Bayern ist, dann sollte doch das Oktoberfest nicht unerwähnt bleiben. Ein alljährliches Event, bei dem man sich erst den Magen mit Bier flutet, um kurze Zeit später noch die letzte Galle aus dem Körper zu spucken. Die Wiesn danach: eine einzige Stolperfalle aus Alkoholleichen. Ach, und was konnten wieder Frauen begrapscht werden, ohne dass jemand gesagt hätte: »Das ist aber sexuelle Belästigung!« Aber freilich: Die Kunst, besoffen durch die Straßen zu ziehen, beherrscht man auch im Rheinland. In Berlin ist es kein Fest, sondern Alltag.

Ex-»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt hatte seine ganz eigene Erklärung für die Brauchtums-Debatte auf Twitter: »Wo Tracht getragen wird, funktioniert Deutschland am besten. Wo Deutschland am besten funktioniert, haben noch nie Linke regiert, weil Menschen in Tracht Linken nicht trauen. Deswegen hassen Linke Tracht. So einfach ist das.« Andere sehen im Tragen traditioneller Kleider sogar »Integration in Höchstform« – etwa wenn eine Asiatin ein Dirndl anzieht. So einfach ist das also.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal