Die Abwesenheit von Wetter

Typisch Sommer (1): Neun Monate Winter und der Rest des Jahres auch kein Sommer?

  • Von Marlon Grohn
  • Lesedauer: 4 Min.
Äh, tja, hat hier irgendjemand einen gewissen Sommer gesehen?
Äh, tja, hat hier irgendjemand einen gewissen Sommer gesehen?

Der Redakteur fragt, ob ich was zum Sommer schreiben kann. Welcher Sommer, frage ich mich und sage: »Klar.« Die Abschaffung des Sommers ist in vollem Gange. Der diesjährige begann mit seinem Ausbleiben und das hat, wie man sich denken kann, mit dem Wetter zu tun. Sommer ist die Abwesenheit von Wetter. Sommer ist Klarheit, Vernunft, Italien, das richtige Leben. Winter ist Stumpfheit, Obskurantismus, Norwegen, Romantik. »Wahrheit ist nicht eine Eigenschaft von Sätzen, sondern von Sommertagen.« (Peter Sloterdijk)

Wenn Ihnen dieser Artikel vollkommen sinnlos und dämlich erscheint, dann liegt es nicht an mir, sondern an jenem Gemisch aus schwülem bis kaltem, sonnenlos-wolkenverhangenem und regnerischem Firlefanz, den Sommer zu nennen nur Deutschen einfällt. »Neun Monate Winter und die restlichen drei keinen Sommer, das nennen die Deutschen ihr Vaterland« – einer der vielen wahren Sätze von Napoleon, der als Korse gewusst haben dürfte, wovon er da sprach. Wie auch der sardische Hotelier, als er mir letztes Jahr erzählte, er habe einmal ein knappes halbes Jahr in Deutschland gewohnt, dann aber doch die Sonne arg vermisst und sei lieber wieder dorthin zurückgegangen, wo der Himmel ewig blau ist, die Zitronen blühen und Antonio Gramsci geboren wurde.

Man muss also ganz von vorne anfangen. Eigentlich schon bei Echnaton, aber der hilft jetzt leider auch nicht mehr. Oder doch: Er hilft schon, aber auf eine andere Weise, die zu erläutern jetzt zu weit führte. Kaum eine Bevölkerung dürfte wetterunmündiger sein als die deutsche. Bei 30 Grad laufen sie in Jacken herum und beschweren sich über die Hitze. Den kompletten hiesigen Begriff, den die Leute von Sommer haben, kann man getrost vergessen (was kein Wunder ist, wenn dieser ständig ausbleibt): Letztens meinte die Nachrichtensprecherin im Radio, es gebe »bei Temperaturen bis 23 Grad ruhiges Sommerwetter«: Dass in der Meteorologie erst ab 25 Grad überhaupt von einem Sommertag gesprochen wird, ignorieren hier selbst die Wetteransager gekonnt, schließlich will ja auch niemand jeden Tag Herbstwetter ankündigen. Wenn der Sommer schon nicht da ist, denken sich die Ärmsten, muss man ihn eben herbeireden.

Der Wahnsinn setzt sich fort mit dem sogenannten Sommeranfang Ende Juni: Dieser trifft bemerkenswerterweise mit dem Kürzerwerden der Tage zusammen, dem »Wintereinbruch mitten im Sommer« (Rainald Goetz). Zur Heruntergekommenheit des Sommerbegriffs gesellt sich eine des Wetterbegriffs überhaupt: Alles abseits von 18 Grad und leichter Bewölkung gilt hier schon als »Unwetter«. Werden einmal länger als zwei Tage Höchsttemperaturen von 32 Grad erreicht, finden sich sofort Boulevardspinner, die von einer »Hitzewelle« sprechen.

Wo es erst beginnt, angenehm zu werden, wird den Sommer-Skeptikern schon wieder alles zu viel, und sie wollen am liebsten gar nichts mehr tun. Prinzipiell nimmt man hierzulande den Sommer, sollte er sich durch einen höchst seltenen Zufall ausgerechnet zu uns verirren, eher als Gefahr wahr: »Saharahitze bis Spitzbergen: Am Siebenschläfer setzt bedrohliches Sommermuster ein«, schrieb letzte Woche einer dieser Clickbait-Saftläden. Sommer als Bedrohung, so tief können nur Deutsche sinken. Als »Hitze« gelten hier inzwischen schon skandinavische Temperaturen von 25 Grad: Schulen geben dann »hitzefrei« und vor Außen-Aktivitäten wird gewarnt.

Wenn man das in normalen Ländern als Maßstab nähme, hätten die Kinder dort nahezu das gesamte Jahr über keine Schule, und man bliebe elf von zwölf Monaten zu Hause. Kalifornier, Ägypter, Brasilianer, ja die halbe Welt würde – gesetzt den Fall, es interessierte sie, was es nicht tut – mitleidig auf Deutschland blicken und mit den Augen rollen. Die Wetter-Unmündigkeit übertrifft hierzulande sogar noch die politische. Ich will gar nicht erst damit anfangen, dass beides miteinander zusammenhängen könnte. So ist es natürlich, aber das ist ein anderes Thema. Gerne würde ich überhaupt erst einmal ausführlich über den Sommer hier am Nordpol (übersetzt für Schlechtwetter-Leugner: Deutschland) schreiben.

Es geht nur nicht. Der Sommer in Deutschland bleibt ein Ideal, wonach sich die Wirklichkeit zu richten hätte. Wir nennen den Sommer die Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt. Ohne Italienreise wird es auch dieses Jahr nichts mit ihm. Meine Empfehlung: Sardinien. Dort, auf dem Capo Testa, von dem aus man bei wolkenlosem Himmel (also immer) die korsischen Berge sehen kann, gibt es eine kleine Bucht am Valle della Luna. Zwischen den Felsenhöhlen am türkis schimmernden Meer mit den vielen bunten Fisch-Schwärmen, da etwa wohnt sehr schön der Sommer. Selbst im Oktober noch.

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