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Martina Voss-Tecklenburg: »Wir sind Vorbild für Diversität«

Die Bundestrainerin spricht vor der EM über Vorzüge und Versäumnisse im deutschen Fußball der Frauen

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 8 Min.
Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg will mit ihren Fußballerinnen bei der EM viel erreichen.
Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg will mit ihren Fußballerinnen bei der EM viel erreichen.

Sie haben von 1984 bis 2000 selbst für die deutsche Nationalmannschaft 125 Länderspiele bestritten. Es war eine Epoche, in der der EM-Titel fast wie auf Knopfdruck nach Deutschland ging. In Ihrer Vita stehen vier gewonnene EM-Titel von 1989 bis 1997. Was ist bei Ihnen als prägendste Erinnerung haften geblieben?

Die Frage ist total einfach zu beantworten: der erste EM-Titel 1989, weil es einfach ein besonderer Rahmen war. Es ging mit dem Halbfinale gegen Italien in Siegen los, wo wir ins Elfmeterschießen mussten. Ich galt mit als sicherste Schützin und habe gleich den ersten Ball fünf Meter übers Tor geschossen – den suchen sie heute noch. Unsere Torhüterin Marion Isbert hat dann drei Elfmeter gehalten und den entscheidenden selbst verwandelt. Plötzlich wussten die Menschen: Es gibt eine deutsche Frauen-Nationalmannschaft, die im Endspiel der Europameisterschaft steht.

Und dann?

Fährst du nach Osnabrück zum Finale und auf einmal ist das Stadion an der Bremer Brücke ausverkauft, das Fernsehen überträgt live – und du spielst dich gegen Norwegen in einen Rausch. Mit dem Moment wurde für die gesamte Entwicklung des Frauen- und Mädchenfußballs in Deutschland etwas losgetreten. Auch wie wir anschließend gefeiert haben, ist für mich noch heute präsenter als das, was danach kam.

Also ist es rückblickend eigentlich deplatziert, oft nur das damals für den EM-Titel überreichte Kaffeeservice zu erwähnen?

Das wird total zu Unrecht in den Vordergrund geschoben. Wir waren Amateure, der DFB durfte uns damals gar kein Geld zahlen. Es war eher eine symbolhafte Geste, die sich die Funktionäre überlegt haben. Eigentlich ist es doch lustig, dass eine Männerwelt auf die Idee kam, den Frauen ein Kaffeeservice hinzustellen. Es steht übrigens noch zuhause bei mir in der Küche, und es ist immer wieder schön, es anzuschauen (lacht).

Warum war Deutschland in den Folgejahren im Frauenfußball so viel besser als andere Nationen und wurde bis 2013 insgesamt acht Mal Europameister?

Wir sind in einer Welt groß geworden, in der wir nur mit den Jungs unterwegs waren, uns durchsetzen mussten, und wo wir eine andere Überzeugung in uns getragen haben. Ich habe mich mit Birgit Prinz (die Rekordspielerin arbeitet als Teampsychologin bei den DFB-Frauen, Anm. d. Red.) über das Thema noch mal unterhalten: Wenn eine von uns mal draußen gesessen hat, kamen wir mit einem Selbstverständnis auf den Platz, dass wir das Spiel verändern. Wir hatten mit Gero Bisanz einen überragenden Trainer und eine hohe Identifikation mitgebracht. Wir hatten amateurhafte Strukturen, aber im Herzen waren wir Topprofis! Ich habe überall geschaut, wo kann ich mich verbessern. Dafür habe ich beim MSV Duisburg mittrainiert und meinen Arbeitgeber so gewählt, dass ich möglichst viel Fußball spielen kann – mit dem Wissen, dass ich damit aber kein Geld verdiene, aber es war meine Leidenschaft. Deutschland ist eben eine Fußball-Nation, und das ist geschlechterunabhängig gewesen.

Können Sie diese Eigenschaften bei Ihren Spielerinnen verankern?

Wir wollen ja nicht immer von früher reden, aber wir können versuchen, an diesen Themen zu arbeiten. Ich glaube ja immer noch, dass auch wir eine richtig gute Mannschaft bei der EM sein werden, wenn unsere Spielerinnen eine innere Überzeugung von ihrer Leistungsfähigkeit besitzen. Da sind uns andere Nationen vielleicht ein bisschen voraus.

Warum?

Das hat mit unserer Ausbildung im Fußball zu tun. Vieles ist sehr strukturiert, auch sehr kaserniert. Es ist wenig kreativ, dafür sehr gleichförmig geworden – auch in unserer Gesellschaft. Typen, die ausbrechen, sind selten geworden. Es geht meist darum, keine Fehler zu machen, keine Schwäche zu zeigen – und am besten auch keine schlechten Noten zu schreiben. Dazu kommt: Wir sind einfach kein Sportland! Wir haben keine Sportkultur wie Island. Ein kleines Land, aber der Sport spielt überall eine wichtige Rolle.

Hierzulande nicht?

Ich habe mit unserem DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf kürzlich darüber gesprochen, dass der Sport politisch nicht optimal vertreten ist. Wir sind in der Schule die Ersten, die beim Sportunterricht kürzen. Hallenbäder werden geschlossen, Turnhallen für andere Dinge benötigt, in der Coronakrise waren Sporteinrichtungen monatelang geschlossen. Die Kinder werden immer übergewichtiger, obwohl erwiesen ist, dass Aktivität auch das Lernvermögen steigert. Auf dieser Grundebene ist Deutschland für mich kein Sportland mehr. Das macht es schwer. Übrigens auch bei der Wertschätzung von denjenigen, die Sporttreiben zu ihrem Beruf gemacht haben. Da sind die Niederlande für mich ein klassisches Beispiel: Dort gehen die Menschen zum Fußball, zum Eisschnelllauf, zum Radrennen und feiern sich, aber auch den Sport. Das ist für mich auch eine Ursache für den Talentemangel in Deutschland.

Erklärt das auch, warum Deutschland im Frauenfußball nicht mehr die Führungsposition inne hat?

Die Spanier setzen seit Jahren auf eine freie Spielkultur, um die Kreativität zu fördern; die Engländer haben viele Jahre vor uns erkannt, dass ihre Talentausbildung eine andere sein muss, wenn möglichst viele oben ankommen sollen. Und in der Schweiz ist es an der Akademie so, dass noch im Fußballinternat auch noch zwei andere Sportarten gelehrt wurden. Da fehlt mir hier auch noch ein bisschen was. Das sind aber Themen, die müssen Politik, Gesellschaft und Sportverbände gemeinsam anpacken – am besten schon im Kindergarten und in der Grundschule.

Die Zahl der aktiven Spielerinnen ist von einst knapp 280000 auf zuletzt 187000 geschrumpft, in Corona-Zeiten hatte sich die Zahl sogar mehr als halbiert. Sehen Sie keinen Widerspruch darin, dass der DFB in Person eines Direktors Oliver Bierhoff das Halbfinale für die Frauen-EM in England einfordert?

Wir sind immer noch die Fußball-Nation Deutschland und davon überzeugt, dass wir hohe Ziele setzen müssen, um so intensiv weiterzuarbeiten. Ich würde nicht davon erzählen, wenn ich nicht absolut vom Potenzial meiner Mannschaft überzeugt wäre. Früher haben vor einer EM vielleicht zwei, drei andere Nationen gesagt, sie wollen Europameister werden, heute sind es sechs, sieben. Dass wir dazugehören, bringt auch einen Anspruch für die Zukunft mit sich: Was machen wir denn, wenn die Zahl der Mädchen und Frauen, die Fußball spielen, noch weiter absinkt? Natürlich könnte man auch mit weniger Spielerinnen noch erfolgreich sein, aber einer unserer Aufträge ist ja, Erfolge zu erzielen und eine Strahlkraft nach unten zu haben, um Mädchen und Jungs zu animieren, Fußball zu spielen.

Sie sprechen wie selbstverständlich von Mädchen und Jungs. Es hat sich auch beim DFB eine Menge getan, um den Fußball der Frauen- und Mädchen zu fördern. Doch von gleichen Prämien wie anderswo ist der Verband weit entfernt. Trotzdem sind 60 000 Euro für den Titel bei dieser EM eine Rekordprämie. Was sagen Sie zur Equal-Pay-Debatte?

Ich finde gut, dass unser Verband mehr an die Spielerinnen weitergibt, wenn auch mehr hereinkommt. Der Auftrag an die Fifa und die Uefa ist, dass es irgendwann ein Prämiensystem gibt, wo es für alle gleich ist – das würden wir uns wünschen. Ich sage aber auch, dass das, was im Männerfußball passiert, einfach überdimensioniert ist. Das sind Bereiche, die der normale Fan nicht mehr nachvollziehen kann. Deshalb möchte ich mich gar nicht an Zahlen binden, sondern es muss sich annähern: Beim Männerfußball weniger und bei uns vielleicht ein bisschen mehr.

Sie gehen also nicht so weit wie die Verbände von Spanien, Norwegen oder neuerdings Niederlande und die Schweiz, die die Prämien für Frauen und Männer angeglichen haben?

Man kann darüber nachdenken, irgendwann die Prämien für die Nationalmannschaften der Männer, der Frauen und die U21 anzugleichen, weil diese drei Teams vorneweg marschieren. Aber es ist nicht möglich, dass die Frauen für einen Titel 400 000 Euro bekommen. Das kann sich kein Verband in Europa leisten, so lange der Männer-Fußball die Sportart Nummer eins ist, die alles andere überstrahlt. Generell spüre ich ja, dass Frauen und Männer auch in unserem Verband immer mehr zusammenwachsen.

Wie gut ist Ihr Verhältnis zu Hansi Flick?

Für die Kürze der Zeit haben wir schon sehr viel Austausch gehabt. Wir haben uns vor einigen Wochen mit beiden Trainerteams getroffen und sehr lange zusammengesessen. Es ist so, dass ich mit Hansi schon mehrfach lange telefoniert habe. Und wir merken beide, dass es sich lohnt, in den Austausch zu gehen, der auch über die Akademie, die Direktion Nationalmannschaften oder das Teammanagement zustande kommt.

Ihre Kapitänin Svenja Huth redet wie selbstverständlich davon, dass sie den Urlaub bis zum Trainingslager genutzt hat, um ihre Lebensgefährtin zu heiraten. Es wäre im Gegenzug kaum denkbar, dass so etwas von einem männlichen Nationalspieler zu hören wäre.

Die Männer sagen doch auch, wenn sie heiraten! (lacht laut).

Sie wissen ja, was gemeint ist.

Ich hoffe, dass wir ein Vorbild für Diversität sind! Bei uns werden viele gesellschaftlich relevante Themen mit großer Offenheit gelebt. Diesen werteorientierten Umgang miteinander haben sich die Spielerinnen selbst erarbeitet. Letztlich muss jede selbst entscheiden, ob sie so etwas wie eine gleichgeschlechtliche Heirat öffentlich macht. Der Umgang mit solchen Themen ist bei uns viel offener und vielleicht auch mit einem größeren Selbstbewusstsein versehen. Ich find’s toll, wenn man sich in seiner Lebensbeziehung nicht verstecken will, aber man muss auch nicht alles nach außen tragen.

Sie bringen ja selbst eine facettenreiche Vita mit. Kommen da Spielerinnen bei diesen Themen auf Sie zu?

Wir sprechen über so, so viele Dinge: Das geschieht automatisch. Dabei geht es auch um das Thema Kinder. Wir haben so viele spannende Themen, dass wir an den Tischen selten noch über Fußball reden. Das zeigt einfach, welche großartigen Persönlichkeiten und spannende Menschen wir bei uns haben. Bedingt dadurch, dass Frauen Kinder auf die Welt bringen, setzen sie sich anders mit diesen Themen auseinander als Männer. Es hat ja eine andere Konsequenz während der Karriere.

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