Hola Rollkoffer!

Von der Techno-Party in der Airbnb-Wohnung bis zum Fotografieren von Müll: Touristen sind oft anstrengend für alle anderen

Auch im Szeneviertel San Telmo in Buenos Aires beanspruchen Touristen viel Wohnraum.
Auch im Szeneviertel San Telmo in Buenos Aires beanspruchen Touristen viel Wohnraum.

In Zeiten von Globalisierung, boomenden digitalen Übernachtungsplattformen und auf steuerfreies Flugbenzin setzenden Billig-Airlines erleben wir jedes Jahr mit Sommerbeginn das Ausschwärmen erlebnishungriger Touristen. Die suchen ebenso andalusische Trockengebiete, das niederbayerische Hinterland wie auch großstädtische soziale Brennpunkte von Berlin-Neukölln bis Süd-London auf. Die durchaus berechtigte Kritik genervter Anwohner an diesem Phänomen gleitet nicht selten in xenophobe und rassistische Stereotype ab. Gleichwohl ist es nicht immer leicht, den Alltag gelassen zu gestalten, wenn sich Rollkoffersymphonien und Hitzewellen überlagern, in der untervermieteten Wohnung nebenan jede Nacht eine Techno-Party gefeiert werden muss und im linken Kneipen-Kollektiv beim Frühstücksbuffet junge weitgereiste Menschen begeistert den günstigsten statt den Solipreis zahlen und sich über die Tische hinweg fröhlich zubrüllen: »It’s all vegan and it’s so cheap!«

Natürlich verstört es einige, wenn ihnen auf engen Gehwegen ganze Horden selbstbewusst das Fußvolk zur Seite klingelnde und dabei wacklig auf Leihfahrrädern dahinstrampelnde, sich im breitesten Bible-Belt-Amerikanisch unterhaltende Touristen begegnen und in den Sommermonaten kaum mehr jemand den Müll trennt, weil die Untermieter aus woher auch immer einfach alles bis hin zu den abgenagten Hühnerknochen in den lustig gelben Container schmeißen, weil da noch Platz ist. Die Zweckentfremdung von Wohnraum für touristische Übernachtungen ist übrigens nicht nur in Berlin, sondern auch anderswo strittiges Thema, zum Beispiel in San Telmo, einem ehemaligen Hausbesetzer-Kiez im argentinischen Buenos Aires. Wer aber nun denkt, die ganze sommerliche Belastung des alltäglichen Lebens wäre nur noch schwer zu ertragen, sollte nicht vergessen, dass es in Barcelona immer noch einen Zacken schlimmer ist.

In dieser wundervollen am Meer gelegenen Großstadt mit Altbauwohnungen in Schrankgröße quetschen sich nicht nur urbane Lifestyle-Touris durch die engen Gassen, sondern dazu auch noch alle anderen touristischen Typen, kamerabewehrt, den Reiseführer im Anschlag und brüllende Bälger hinter sich herziehend. »Freizeit-Aktivisten« der Marke Ballermann suchen nach der nächsten Saufquelle, bildungsbürgerliche Nerds stehen derweil unbeholfen im Weg und inspizieren die gegen Abend überall abgestellten Müllsäcke auf der Suche nach urbanen Kunstwerken. Dagegen sind die hiesigen Verhältnisse von Friedrichshain über Haidhausen bis Altona ziemlich harmlos. Doch bitte: Nicht hinfahren, um das zu überprüfen! In Barcelona sind schon genug Leute. Manchmal reicht es, sich einfach etwas vorzustellen.

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