Höllenfeuer

Black Midi hat ihr drittes Album auf den Markt gebracht

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.
Chef der Hölle will auch die britische Band Black Midi sein.
Chef der Hölle will auch die britische Band Black Midi sein.

Progressive Rock und Postpunk kennen vordergründig wenig Überschneidungen. In dem einen Genre wird versucht, mittels Brillanz an allen Instrumenten Erhabenheit zu fabrizieren. Im anderen geht es um Intensitätsproduktion und Entschlackung mit minimalen Mitteln. Die britische Band Black Midi verbindet seit ein paar Jahren beides. Auf den ersten beiden Alben, »Schlagenheim« (2019) und »Cavalcade« (2021), waren Noise und Verzerrung noch tragende Säulen, neben dem unfassbar vertrackten Schlagzeugspiel von Morgan Simpson. Das Schöne an diesen Stücken war und ist, dass man ihnen ihre Durchkomponiertheit anmerkt und sie zugleich wirken, als seien sie Produkte einer zwar konzentrierten, aber eben auch sehr, sehr lustigen Jam-Session.

Der erste Wirkungszusammenhang der Band waren der Londoner Club The Windmill und das lose angeschlossene Label Speedy Wunderground, das sich in den letzten Jahren zur Brutstätte einiger der interessantesten britischen Bands entwickelt hat (Squid und Black Country, New Road haben hier ihre ersten Sachen veröffentlicht). Diese Speedy-Wunderground-Bands verbindet, dass sie auch den ausgeleiertsten Koordinatensystemen – Indierock zum Beispiel, oder, wie im Falle von Black Midi, Progressive Rock – Sounds, Melodien und Strukturen abpressen, die klingen wie neu, als wäre es das erste Mal. Und tatsächlich fällt es gar nicht so leicht, für die Musik von Black Midi Referenzen zu finden.

Also besser erstmal ohne: Auf ihrem dritten Album »Hellfire« hat die mit dem Ausstieg des zweiten Gitarristen Matt Kwasniewski-Kelvin zum Trio gewordene Band das Instrumentarium nochmal erweitert, um Bläser und Streicher, die, wie auch alle anderen Instrumente, möglichst viel Klang auf möglichst engem Raum produzieren. Konstante in diesem streng durchgetakteten, aber fast überschießenden Gebrodel ist das bereits erwähnte Schlagzeug, eine präzisere Spielweise wird man zumindest jenseits von Jazz gerade nicht finden. Der Noise wurde auf »Hellfire« weiter reduziert, stattdessen sind immer wieder Big-Band-artige-Bläser- und Folk-Passagen zu hören, die der ganzen Unternehmung, hier dann doch einmal eine Referenz, etwas Zappaeskes verleihen. Was auch anstrengend sein kann, wie überhaupt die ausgestellte Cleverness in den Ohren von Hörerin und Hörer die Grenze zur musikalischen Klugscheißerei reißen könnte, je nachdem, wo da die subjektive Schmerzgrenze liegt.

Andererseits macht das alles wieder zu viel Spaß, um zu nerven. Ein Stück wie das siebenminütige »The Race is About To Begin« kann sonst gerade einfach keiner spielen. Musiker*innen, die solche Bassläufe technisch hinbekommen, sind eh selten, und niemand sonst kommt auf solche Ideen – eine Art Mini-Suite, die in den ersten Minuten mit bestürzend sicherem Tritt musikalische Überdrehung inszeniert, dann abbricht und in einen Peter-Gabriel-artigen Balladenteil übergeht, um sich von da an ins Jazzrock-Nirvana zu spielen, angetrieben von einem immer schnelleren Sprechgesang von Gitarrist Geordie Greep. Dass Black Midi in ihren Songs außerdem ziemlich gute Geschichtenerzähler sind, sei zumindest noch angemerkt.

Alles in allem könnte »Hellfire« sich als etwas sehr Seltenes entpuppen: ein Album mit hyper-vertrackter, idiosynkratischer Musik, das aber von fast allen gemocht wird. Progressive rock for the people sozusagen.

Black Midi: Hellfire (Rough Trade/Beggars Group/Indigo)

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