Etwas Besseres als ein weiterer Glaskasten

Am alten Gasometer von Münster hat sich ein Kulturzentrum etabliert. Doch es ist in Gefahr

  • Von Maurice Lötzsch
  • Lesedauer: 7 Min.
Altes Gasometer in Münster
Altes Gasometer in Münster

Außerhalb der Innenstadt Münsters, direkt hinter der Schnellstraße B51, steht ein hohes gelb-orangenes, rundes Stahlgerüst. Hier, wo der Lärm der Autos langsam abebbt, hat sich eine Gruppe von Aktivist*innen einen selbstverwalteten Raum geschaffen. Ein soziales und kulturelles Zentrum der alternativen Szene ist hier am ehemaligen Gasometer entstanden. Seit März 2021 mietet und bewirtschaftet der Verein Sozialpalast das Areal. Seine Mitglieder wollen der Utopie vom guten Leben kulturellen Nährboden geben. Sie haben ein niederschwelliges und vielfältiges Angebot für möglichst viele verschiedene kulturelle Interessen auf die Beine gestellt.

Das Projekt ist eigentlich ein Erfolg. Doch beim Betreiberkollektiv wächst die Sorge. Denn der Traum vom »Haus mit Hof und Kessel« ist bedroht. Das gut einen Hektar große Areal, das sich noch im Besitz der Stadtwerke, also der öffentlichen Hand, befindet, ist in deren Augen »totes Kapital«. Geht es nach den Stadtwerken, sollen der alte Gasometer und das umliegende Gelände an einen zahlungskräftigen Investor verkauft, grundlegend saniert und vielleicht mit einem Büroturm bebaut werden. So will man sich die bis zu fünfstelligen Beträge sparen, die jedes Jahr in die Sicherung des maroden Kesselgerüsts fließen.

Dagegen rebelliert das Kollektiv. Es wirbt für die weitere Nutzung als Kulturzentrum und will zugleich ein Wörtchen bei der Stadtentwicklung mitreden. Die Kulturschaffenden fragen: Wem gehört eigentlich die Stadt – Investoren oder denen, die dort leben und öffentliche Räume schaffen?

Rund 100 Menschen engagieren sich in der sozialen und künstlerischen Initiative Sozialpalast. Sie entfernten hier schubkarrenweise Brombeersträucher und anderes Gestrüpp, nachdem sie das Gelände übernommen hatten. Seit 2005 lag das Areal brach, nachdem die Stadtwerke die Gasversorgung auf einen größeren unterirdischen Speicher im Stadtteil Albachten umgestellt hatten. Der riesige Kessel verschlingt dennoch hohe Summen für die Instandhaltung. Ein Abriss ist aber keine Option, denn die Gebäude auf dem Gelände stehen unter Denkmalschutz.

Um die Kosten für den Erhalt des Gasometers zumindest teilweise zu decken, entschieden sich die Stadtwerke für eine Vermietung an die Kulturschaffenden, die im vergangenen Jahr Fördermittel in Höhe von rund 40 000 Euro erhielten. »Wir haben einen gemeinnützigen Verein gegründet und mussten Verwaltungs- und Organisationsstrukturen aufbauen«, erzählt Erik Biembacher, der die intensive Anfangszeit miterlebt hat. »Die erste wichtige Markierung von uns in Richtung Öffentlichkeit war die Beleuchtung des Stahlgerüsts, die bei Dunkelheit ein starkes Signal nach außen sendet: Wir sind hier!«

Der Verein sorgte für Strom und Wasser auf dem Gelände und richtete den Garten her, der den Namen »Hackschnetzelparadies« bekam. Mit einem großen Fest fiel im Juni 2021 dann der Startschuss für einen intensiven Sommer am »Gazometer«, wie ihn das Kollektiv nennt. Doch auf die Euphorie folgte bald Ernüchterung, denn der Nutzungsvertrag war nur auf ein Jahr begrenzt. Das war den Aktivist*innen zu wenig, doch in Münster müssen politisch aktive Menschen mit wenig zufrieden sein. Die Orte für die alternative Szene lassen sich hier an einer Hand abzählen.

Die Verhandlungen mit den Stadtwerken verlaufen häufig zäh, denn nach einem Wechsel in der Geschäftsführung wurde ein Verkauf wieder forciert. »Wir waren bereits 2013 mit einer temporären Kunstaktion im Gasometer. Damals suchten die Stadtwerke lange vergeblich nach Dauernutzungsformaten und Käufer*innen. Es gab allerdings keine tragfähige Idee«, erzählt der 49-Jährige. »Unter den damaligen Bedingungen wäre es heute vermutlich einfacher für uns. Dennoch stellt sich für uns die grundsätzliche Frage, ob kommunales Eigentum überhaupt verkauft werden sollte.«

Das Kollektiv erstritt sich Aufmerksamkeit: Bei vielen Terminen wurden Kontakte in die Lokalpolitik geknüpft. Viele Abgeordnete der in der Stadt regierenden Parteien Grüne, SPD und Volt besuchten den Gasometer und diskutierten mit den Kulturschaffenden. Aber das Stadtplanungsdezernat hat bereits Pläne für das Gelände ausgearbeitet: Die sehen vor, das Areal zu sanieren und mit Hilfe von Investor*innen zu bebauen. Es könnte um einen Büroturm im Kessel und Nutzflächen rundherum ergänzt werden. Das wäre natürlich das Aus für das Kollektiv. Denn ein Bürogebäude, eines mit kommerziellem Zweck also, ließe sich nicht mit der bisherigen Nutzung des Geländes in Einklang bringen.

Ein Beispiel für die kommerzielle Nutzung eines früheren Gasometers gibt es in Berlin-Schöneberg. Dort fungiert ein baugleiches Stahlgerüst als weithin sichtbare Landmarke. Der 1913 gebaute Kessel wurde 1994 ebenfalls unter Denkmalschutz gestellt und ein Jahr später außer Betrieb genommen. Doch Boden, besonders für Gewerbeflächen, ist in Berlin ein rares und wertvolles Gut. So kam es 2007 zum Verkauf des Geländes an einen privaten Projektentwickler. Nachdem die Firma es jahrelang mit einer fliegenden Kuppel für Veranstaltungen nutzbar gemacht hatte – unter anderem war die Polit-Talk-Sendung »Günther Jauch« hier vier Jahre zu Gast gewesen –, reichte der Eigentümer 2020 einen Bauantrag ein. 35 000 Quadratmeter Bürofläche direkt im Stahlgerüst des Gasometers sind dort geplant. Der mit Glas verkleidete Turm soll dann mit Veranstaltungsräumen und einer Dachterrasse ergänzt werden.

Die Berliner Bezirkspolitik stimmte zwar für den Umbau des Schöneberger Gasometers. Doch es gibt viel Kritik an dem Vorhaben. Allein wegen der Größe des Bauwerks fürchten Anwohner*innen eine Verschattung. Andere sehen das markante historische Stahlgerüst durch die Schaffung eines Glaskastens in Gefahr. 2021 setzte der Verband Deutscher Kunsthistoriker den Gasometer schließlich auf die Rote Liste der bedrohten Industriedenkmäler. Eine Bürgerinitiative unter dem Namen »Gasometer retten!« setzte es sich zum Ziel, die Bebauung zu verhindern. In der Folge unterzeichneten mehr als 10 000 Menschen eine Petition dagegen. Doch am Ende siegte der Ruf des Geldes. Dem Bebauungsantrag wurde stattgegeben, 2000 Mitarbeiter*innen der Deutschen Bahn sollen den Büroturm ab 2024 nutzen.

Biembacher, der die Entwicklungen in Berlin seit langem verfolgt, hofft, dass sich dieses Szenario in Münster nicht wiederholt. »Der Unterschied ist, dass der Schöneberger Gasometer bereits vor der Planung zum Büroturm verkauft wurde. Unser Gasometer ist noch in kommunaler Hand und könnte dort auch verbleiben.« Von Vorteil könnte zudem sein, dass das Kollektiv in Münster eine konkrete Nutzungsalternative aufzeigt. »Wir sehen in unserem Ansatz eine sinnvolle Nutzung für eine ausgesprochene Problemimmobilie und zugleich einen Beitrag zeitgemäßer Stadtentwicklung von unten.«

Auf einer Tanzdemonstration im Frühjahr unter dem Motto »Gazo bleibt!« hat das Kollektiv noch eine Verlängerung des Nutzungsvertrags bis Ende September 2022 gefeiert. Aber es war nur ein Erfolg auf Zeit. Denn mittlerweile ist die Luft für das Projekt Sozialpalast wieder dünn geworden: Im Juni informierte die Stadtverwaltung auf einer Bürger*innenversammlung alle Interessierten über ihre nun offiziellen Pläne. Die Stadtwerke haben kein Interesse, das Gelände weiterhin zu bewirtschaften und würden es gerne veräußern. Die Stadt Münster möchte das Gelände an Investor*innen verkaufen. Eine Machbarkeitsstudie wurde bereits in Auftrag gegeben, ein Konzeptvergabeverfahren soll bald darauf folgen. Am Ende wird der Stadtrat über die Ideen abstimmen.

»Muss denn ein Büroturm ausgerechnet in das Gerüst eines ehemaligen Teleskopstahlbehälters gebaut werden?«, fragt Biembacher. »Das Spannende an dem riesigen leeren Kessel ist doch, dass dort viele gute Ideen entstehen, aber bisher keine Idee ihn wirklich füllen konnte.« Auch sei das Gelände eher unattraktiv für eine kommerzielle Nutzung. Rund um den Gasometer gibt es nämlich kein verfügbares Bauland. Auch die Schaffung von Wohnraum ist ausgeschlossen, und der Denkmalschutz stellt eine weitere Hürde dar.

Bis es zu einer Entscheidung kommt, heißt es für die Aktivist*innen: weiter Klinken putzen. Mit einem mittlerweile fest verankerten Kulturprogramm, vielen Veranstaltungen von Theateraufführungen bis zum Wintermarkt und dem dort ansässigen Kreisverband der Falken Münster sind viele Kooperationen entstanden, die meisten Akteur*innen wollen weitermachen. Am Ende wird sich der Stadtrat zwischen dem Geld von Investor*innen und dem Erhalt eines unabhängigen, für alle Bürger*innen zur Verfügung stehenden Kulturangebots entscheiden müssen.

Der Rat der Stadt Münster wünscht sich derzeit eine Mischnutzung aus Büro-, Gastronomie- und Kulturfläche auf dem Gelände, lässt dem Verein Sozialpalast aber durchaus eine Chance für eine Hintertür offen. Christoph Kattentidt (Grüne), Ratsherr in Münster, sagte in einem WDR-Interview dazu, er könne sich vorstellen, dass der Verein ein geeignetes Konzept auf die Beine stelle. Zugleich betonte er: »Wir sagen zu, nicht ausschließlich nach dem Geld zu entscheiden, aber natürlich spielen die finanziellen Dinge auch eine Rolle.«

Biembacher sieht jetzt Bürger*innen wie auch Politiker*innen der Stadt in der Pflicht. »Im Gegensatz zur rein ökonomisch orientierten Planung müssen Politik und Öffentlichkeit entscheiden: Was ist uns die Bewahrung, aber auch die Transformation durch experimentierfreudige, sozial orientierte Ansätze öffentlicher und leerstehender Liegenschaften wert?« Es bleibt spannend im Münsteraner Südosten.

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