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Höchste Zeit für eine Agrarwende

Die Klimakrise ist da. Der Umbau der Landwirtschaft muss nun endlich kommen, meint Olaf Bandt.

Klimawandel und Landwirtschaft: Höchste Zeit für eine Agrarwende

Bereits im Juli sind die Temperaturen auf bis zu 40 Grad gestiegen. Der Hochsommer 2022 brennt sich sprichwörtlich ins kollektive Gedächtnis als neuer Rekordsommer. Wälder stehen in Flammen, Gletscher schmelzen. Die Trockenheit ist in Deutschland dramatischer als im Hitzesommer 2018: Die Böden speicherten in den letzten Jahren viel weniger Wasser, denn es war lange vielerorts zu trocken.

Die Klimakrise steht nicht mehr nur vor unserer Haustür, sie hat die Schwelle bereits überschritten. Sehr deutlich spürt auch die Landwirtschaft ihre Auswirkungen. Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir sprach jüngst am Rande des EU-Agrarministertreffens in Brüssel von »Schreckensszenarien« in Südeuropa. Trockenheit, Starkregen und Ernteausfälle seien inzwischen auch Probleme der EU. Das gilt nicht zuletzt für einige Regionen Deutschlands, wo die anhaltende Trockenheit auf Dauergrünland und Weiden sichtbare Spuren hinterlassen hat.

Die Folgen sind dramatisch: Viele Tierhalter*innen haben zu wenig Futter. Im Ackerbau kann es zu Ernteeinbußen kommen. Die Klimakrise wirkt sich unterschiedlich aus, denn die Regenmengen sind regional äußerst schwankend. Insbesondere in Brandenburg, wo es wenig regnet und die Böden sandig sind, herrscht große Sorge. Gleichzeitig sinken die Pegelstände der Flüsse auf ein Minimum. Das bedeutet, dass Wasserentnahmen aus Flüssen und Grundwasser für die Bewässerung nur noch sehr begrenzt möglich sein wird.

Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Politisch und finanziell müssen die agrarökologischen Maßnahmen für eine klimaresiliente Landwirtschaft viel stärker gefördert werden. Um die negativen Folgen der Hitze zu begrenzen, müssen die industriellen Agrarsysteme grundlegend umgebaut werden. Nur so können wir uns auf Wetterextreme besser vorbereiten. Die Landwirtschaft muss bunter und kleinräumiger werden. Wir brauchen mehr widerstandsfähige Äcker, mehr Humus im Boden, Agroforstsysteme, bei denen Bäume zwischen Getreide stehen, und Weiden. Das muss politisch unterstützt werden.

Vor allem von Öko-Betrieben können konventionelle Kolleg*innen hier lernen: Gegen die immer häufigeren Dürren einerseits und zunehmenden Starkregen andererseits hilft der Humusaufbau, denn humusreiche Böden können mehr Wasser speichern. Humus kann aufgebaut werden, indem eine vielfältige Fruchtfolge eingehalten wird, bei der viele Pflanzenreste und Wurzeln im Boden bleiben. Dazu gehören auch der Anbau von Pflanzen wie Lupinen, die Luftstickstoff binden, das Ausbringen von Stallmist und Kompost sowie der Anbau von Kleegras, Untersaaten und Zwischenfrüchten. Tierischer Dung ist hier zentral. Auch Strukturelemente wie Hecken halten Wasser in der Landschaft, denn sie kühlen und verdunsten Wasser. Angesichts der Dürre wirken sich alte Fehler umso stärker aus. Vielerorts wurden Landschaften trockengelegt. Dies muss rückgängig gemacht werden.

Auch die genannten Agrofrostsysteme sind Teil der Lösung. Zum Glück wird sich da in der neuen Förderperiode der EU-Agrarpolitik manches verbessern. Allerdings sind die Prämien gering, der Anreiz dürfte mäßig sein. Hinzu kommt ein Mix weiterer Maßnahmen und Instrumente. So braucht es gezieltere Bewässerung von Gemüse- und Obstkulturen, bei denen es ohne zusätzliches Wasser nicht geht. An einigen Stellen muss sicher auch auf den Anbau wasserbedürftiger Pflanzen verzichtet werden und ein Austausch in der Fruchtfolge stattfinden. Es braucht einen großen Werkzeugkasten, denn mit einzelnen Maßnahmen lässt sich die Krise nicht mehr beherrschen.

Es wäre daher fahrlässig, allein nach technischen Lösungen zu suchen. Neue Pflanzen aus dem Gentech-Labor, die trockenheitsresistent sein sollen, sind eine trügerische Hoffnung. Sie führen nur zu mehr Abhängigkeit von Agrarkonzernen. Hinzu kommen ökologische Risiken und versenkte Forschungsmilliarden. Das Geld muss stattdessen in einen grundlegenden Umbau der Landwirtschaft gehen.

Olaf Bandt ist Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

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