Risse in der gläsernen Decke

Wer Hebamme werden will, muss neuerdings studieren. Die Akademisierung ist dabei auch frauenpolitisch relevant

Hebamme ist kein reiner Gefühlsjob, wie manche vermuten. Nun wird der Beruf in Deutschland auch wissenschaftlich gelehrt.
Hebamme ist kein reiner Gefühlsjob, wie manche vermuten. Nun wird der Beruf in Deutschland auch wissenschaftlich gelehrt.

Wie um eine echte Patientin vor den Blicken der Besucherin zu schützen, beugt sich Melita Grieshop zur High-Fidelity-Simulationspuppe herab. Rasch zupft sie das weite lila T-Shirt bis über die blanken Oberschenkel. Die Haare der Puppe fallen wie ein aufgeschlagener Fächer ins Kissen. An ihren Gelenken stecken Schrauben.

Grieshop ist seit 2014 Studiengangsleiterin und Professorin für Hebammenwissenschaft an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB). Die Räumlichkeiten des sogenannten Skills Lab sind heute leer. Die Studierenden sind derzeit in den Praxiseinsätzen. Hebammenwissenschaft ist ein duales Studium. »Skills Lab heißt übersetzt Fertigkeitenlabor«, erklärt Grieshop. »Hier können elementare Fertigkeiten ausgebildet und die Fähigkeiten der Studierenden trainiert werden.« In Skills Labs wird das spätere Arbeitsumfeld simuliert: Behandlungsliegen, Sitzbälle, eine Badewanne in der Mitte des Raums, eine Sprossenwand aus Birkenholz.

Sie sind in der beruflichen Bildung von Gesundheitsberufen keine Seltenheit mehr. Alles sieht aus wie im Krankenhaus. Mit einem Unterschied. Grieshop zeigt auf die Kameras an der Decke, dann auf ein Fenster, hinter dem die Rückseite von Monitoren zu erkennen ist. »In einer Schulungssituation werden von den Lehrenden von dort aus, dem Regieraum, an den Puppen Blutungen simuliert oder Emotionen.« Dann sind die angehenden Hebammen gefragt: Was, wenn sich die Herzfrequenzen verändern? Sind die Vitalwerte stabil? Vielleicht wäre das, was Grieshop zuvor ganz beiläufig getan hat, ein Hinweis gewesen, den eine Lehrperson über die Lautsprecher in den Kreißsaal gegeben hätte: »Bitte die Intimsphäre der gebärenden Person schützen. Ihr T-Shirt ist verrutscht. Ziehen Sie es ihr doch bis über die Oberschenkel herunter.« Oder hätte sie es einer angehenden Hebamme diskret über einen Sender ins Ohr geflüstert?

Der Hebammenberuf ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt. Es sind die Hebammen, die Depressionen bei Müttern nach der Geburt des Kindes erkennen, den Stuhl des Kindes einschätzen und neu gewordenen und werdenden Eltern Sicherheit geben können. Nun wurde die Ausbildung von Hebammen europaweit vereinheitlicht. Auf Grundlage einer EU-Richtlinie gilt seit 2022: Wer Hebamme werden möchte, muss ein Bachelorstudium absolvieren.

Die Studierenden sollen lernen, Statistiken kritisch zu bewerten, englische Fachpublikationen zu analysieren. Und sie können nach dem Studium weiter in der Wissenschaft tätig sein. Hebammen seien zwar schon immer qualitativ gut ausgebildet worden, sagt Melita Grieshop. Doch mit einer wissenschaftlichen Ausbildung bekommen sie den Abschluss, der ihren Befugnissen und der damit einhergehenden Verantwortung entspricht. »Deswegen ist die Akademisierung für mich auch ein frauenpolitisches Thema.« Die gläserne Decke, die bislang Aufstiegsmöglichkeiten verhindert hat, bekomme dadurch endlich einige Risse.

Ein paar Tage später tritt Hebamme Janika Müller aus der Mittagshitze in den kühlen Vorraum des Kreißsaals im St.-Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof. Sie läuft den Flur entlang, Türen werden geöffnet und geschlossen. Es piepst. Müller grüßt, holt einen Stuhl und bugsiert ihn in den Kreißsaal. Dann schwingt sie sich auf den Stuhl. Die Hebamme hat gerade eine Examensprüfung abgenommen. »Ein Anamneseverfahren, das wird vier bis sechs Wochen vor der Geburt gemacht. Die Prüfung findet für die Studierenden im dritten Lehrjahr statt«, erläutert sie.

In dem akademischen Lehrkrankenhaus sind allein im vergangenen Jahr über 4500 Babys zur Welt gekommen. Nach eigenen Angaben ist das St.-Joseph-Krankenhaus damit die geburtenstärkste Einzelklinik in Deutschland. Als Praxisanleiterin für die Studierenden plant Müller Tagesziele und Lerninhalte. Täglich leitet sie Lernende an. Sie zeigt, wie Infusionen gelegt werden und ist dabei, wenn angehende Hebammen die ersten Geburten betreuen. Dabei dokumentiert sie ihre Arbeit akribisch. Lernende haben neuerdings ein Recht auf 25 Prozent Praxisanleitung während ihrer Einsätze. Das ist bei über 50 anzuleitenden Personen auf sechs Praxisanleitende eine Ansage.

Derzeit ist tariflich noch nicht geregelt, was Praxisanleitende für diese Mehrarbeit bekommen sollen. Jedes Krankenhaus kann selbst bestimmen, wie viel ihnen gezahlt wird. Da kommt es vor, dass gesagt wird, es gebe kein Geld. »Dabei tragen Praxisanleitende die große Verantwortung, neue Kolleginnen gut auszubilden. Eine Vereinbarung über deren Entlohnung tariflich festzulegen, wäre bei der Arbeit, die sie leisten, angebracht«, sagt Müller. Auch deswegen fehlt es in den Krankenhäusern an Praxisanleitenden. Und die sind wichtig, um hohe Studierendenzahlen zu ermöglichen.

Janika Müller arbeitet seit 2013 als Hebamme. Sie hat noch eine klassische Ausbildung absolviert. Gerade von Hebammen, die eine Ausbildung gemacht haben, wurde in der Vergangenheit Kritik an der Akademisierung geübt. Was, wenn Studierte bevorzugt würden? »Ich glaube nicht, dass das passiert. Es wäre nur ein Problem, wenn es einen Gehaltsunterschied macht.«

Der Personalmangel in den Kliniken ist auch im Hebammenberuf akut. Fast 80 Prozent der Geburtsstationen haben Schwierigkeiten, freie Stellen zu besetzen. Manche schließen ganz. Der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Frank Louwen, warnte 2019 vor den Folgen der Vollakademisierung. Durch sie würde die Zwei-Klassen-Gesellschaft verstärkt, Engpässe in den Kreißsälen könnten ansteigen. »Wir haben einen Fachkräftemangel. Gerade deswegen müssen wir den Beruf attraktiver machen. Das beginnt bei der Ausbildung«, findet Müller. Seit diesem Jahr bekommen angehende Hebammen während des Studiums ein Gehalt von 1515 Euro. Der neue Tarifvertrag erfasst auch Zusatzzahlungen bei Schichtarbeit, Anspruch auf 30 Tage Urlaub, Jahressonderzahlungen und betriebliche Altersvorsorge. Ein Anfang.

Eine, die unter diesen neuen Bedingungen studiert, ist Paula Beck. Als sie den Kreißsaal betritt, lächelt sie. Das sieht man trotz Maske. Sie ist im zweiten Semester des Studiengangs Hebammenwissenschaft an der Evangelischen Hochschule. Das St.-Joseph-Krankenhaus ist ihr Praxisort. Beck sagt: »Die Geburt ist ein ganz intimes Ereignis. Für die werdenden Eltern und für mich als Hebamme. Eine gute Kommunikation als Fundament verhilft der Gebärenden zu mehr Selbstwirksamkeit bei der Geburt. Eine Frau zu fragen, ob man sie anfassen darf, kann in diesen Grenzsituationen bereits einen großen Unterschied machen.«

War es das, was Melita Grieshop ihr einmal ins Ohr flüsterte, als sie mit anderen Studierenden im Skills Lab übte? Paula Beck ist froh, dass sie in ihrer Ausbildung lernt, wie sie aktuelle wissenschaftliche Inhalte in ihrer beruflichen Praxis einsetzen kann. Und umgekehrt. Dabei steht das Wohlergehen der Gebärenden für sie im Mittelpunkt. Denn nicht jede Geburt ist schön. Es sind rohe Momente im Leben einer Person, die Gebärenden haben Schmerzen. Manchmal verlaufen sie nicht so wie geplant. »Die Perspektive der Frauen einzunehmen und womöglich schwierige Geburtssituationen aufzuarbeiten und zu besprechen, auch das gehört zum Beruf.« Für Beck ist es der feministische Aspekt der Arbeit, der sie antreibt. Um die Arbeit zu gewährleisten, sagt Grieshop, brauche es noch mehr Praxisorte. Derzeit sind 45 Studierende an der EHB eingeschrieben. Es haben sich deutlich mehr beworben.

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