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La deutsche Vita

Lebensfreude unter Strahlenbeschuss

»Lebensfreude« bedeutet in Deutschland auch Sport unter praller Mittagssonne.
»Lebensfreude« bedeutet in Deutschland auch Sport unter praller Mittagssonne.

Die Deutschen waren mal die Stinkstiefel Europas. Und die Springerstiefel sowieso. »Hart wie Kruppstahl« zertrampelte man den Kontinent, um ihn sich gefügig zu machen. Das ging gehörig nach hinten los. Seitdem erkundet man fremde Länder lieber mit dem Ferienbomber als mit der Fliegerstaffel. Auf diesen touristischen Vorstößen macht man eine seltsame Erfahrung. Andere Staaten mögen ärmer und wirtschaftlich unterentwickelter sein, doch haben die Menschen dort eine Eigenschaft, die den preußisch geprägten Deutschen seltsam anmutet: Lebensfreude.

Die hätte man auch gern. Und also nimmt man sich vor, beim Fronturlaub, pardon, bei der Rückkehr in die Heimat selbst mal diese »Lebensfreude« zu praktizieren. Als die Streber Europas wollen die Deutschen natürlich auch darin die Besten sein. »Flink wie Windhunde« stürzen sie sich, kaum dass die ersten schwachen Strahlen der Februarsonne hervorbrechen, unter die Heizpilze der Außengastronomie – es ist schließlich Terrassenwetter! Und im Bemühen, die im täglichen Rattenrennen schwindenden Kräfte zu erneuern, exerziert man Wellness-Wochenenden. So ist der Akku montags wieder halbwegs gefüllt.

Doch zu keiner Zeit zeigt sich die neu entdeckte deutsche »Lebensfreude« so überdeutlich wie im Sommer. Menschen in südlichen Ländern mögen Siesta halten und in abgedunkelte, kühle Häuser flüchten, doch der Teutone nimmt unerschrocken den Kampf mit der Mittagssonne auf (um hinterher eine Haut zu haben, die »zäh wie Leder« ist). Man traut seinen Augen nicht, was sich im Hochsommer zwischen 12 und 15 Uhr draußen abspielt. Der gemeine Deutsche scheint eine überbordende Angst zu haben, das pralle Leben oder eher die pralle Sonne zu verpassen. Vor allem Extremsportarten wie Joggen bei Ozonhöchstwerten und Ballspiele auf schattenlosen Wiesen erfreuen sich großer Beliebtheit.

Aber auch passive Passanten werden an ihre Grenzen gebracht. Mit steigenden Temperaturen sinkt das Schamgefühl. Während man sich in Spanien und Italien auch bei 35 Grad im Schatten des Nutzens langbeiniger Hosen bewusst ist, zieht der Germane gern blank. Nicht jedem steht bauchfrei, und man wünschte sich, es gäbe in deutschen Haushalten mehr Ganzkörperspiegel – zur Abschreckung. Wer diese optischen Übergriffe überlebt, hat sich seine abendlichen Cocktails mehr als verdient. Einst das klassische Bargetränk für den gepflegten melancholiegetränkten Absturz »in the wee small hours« (Frank Sinatra), ist es heute eine Art alkoholartige Brause, die »Lebensfreude« symbolisieren soll (also das, was früher »Schampus« und »Pikkolöchen« war). Diese zusammengepanschten Getränke, für die sich jeder ausgebildete Barkeeper schämen würde, sind in der Regel pappsüß wie Limo und in der Wirkung verheerend. Das muss es sein, was Deutsche unter »Work hard, party hard!« verstehen.

Simultan postet man auf Instagram, Snapchat oder Whatsapp Fotos, die dokumentieren, was man gerade »Tolles erlebt«. Denn was nützt die »Lebensfreude«, wenn man sie nicht der Weltöffentlichkeit präsentiert. Auch in puncto Eigenwerbung verlangt der Sommer permanenten Einsatz. Er nötigt den Kombattanten physisch wie psychisch alles ab.

Das fordert auf Dauer seinen Tribut. Mit dem ersten Herbsttief stürzt auch die Laune ab. Dann jammert eine ganze Nation, wie ihr der Dauerregen aufs Gemüt schlage. So schnell wird »Lebensfreude« weggespült.

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