Mehr Zeit und Geld

Stephan Lessenich leitet seit einem Jahr das Frankfurter Institut für Sozialforschung. Die neue Ausrichtung ist ein Gradmesser kommender linker Kämpfe

  • Von Florian Geisler
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Frankfurter Institut für Sozialforschung ist seit jeher mit der Selbstreflexion des Marxismus betraut – eine auch heute dringende Aufgabe.
Das Frankfurter Institut für Sozialforschung ist seit jeher mit der Selbstreflexion des Marxismus betraut – eine auch heute dringende Aufgabe.

Mit Anerkennung ist es im Kapitalismus so eine Sache. Pflegekräfte – die einstigen Helden der Pandemie – mussten kürzlich satte elf Wochen allein für vernünftige Betreuungsschlüssel streiken. Von höheren Löhnen oder kürzerer Arbeitszeit war nicht einmal die Rede. Mehr Zeit und mehr Geld wären aber nötig, um die Menschen überhaupt wieder an politischer Gestaltung teilhaben zu lassen, damit es nicht ständig zu solchen Fehlentwicklungen wie in den Kliniken kommt. Die Politik der Anerkennung ist gescheitert.

Ein solcher Perspektivwechsel lässt sich auch an einer Personalie nachvollziehen. Am traditionsreichen Frankfurter Institut für Sozialforschung wurde vergangenes Jahr der Staffelstab übergeben. Das Institut war immer schon einflussreich als politischer Stichwortgeber – von der Sozialdemokratie bis zur radikalen Linken. Seit einem Jahr nun hat mit Stephan Lessenich ein Soziologe der Teilhabe die Leitung von Axel Honneth übernommen, jenem großen Theoretiker der Anerkennung, der das Institut viele Jahre geführt hatte. Ein Wechsel, der es in sich haben könnte.

Denn Lessenich interessiert sich für die Kehrseite der Anerkennung, das Radfahrerprinzip: Nach unten treten, nach oben buckeln. Wie kommt es – so die Grundfrage etwa seiner programmatischen Schrift »Die Grenzen der Demokratie« –, dass dieses Prinzip in modernen Industriegesellschaften so unglaublich verbreitet ist? Warum akzeptieren wir sang- und klanglos, dass andere die Zeche für unsere Simulation eines friedlichen Zusammenlebens im Westen zahlen müssen? Sind wir wirklich so unsolidarisch, dass es uns nicht einmal stört, wenn die Politik korrupt ist, weil es uns selbst vergleichsweise wenig kostet?

Das meint nicht einfach nur Politikverdrossenheit. Der westliche Fortschritt schafft selbst die Bedingungen dafür, dass fortschrittliche Ideen grundlegend beschädigt werden. Kaum jemand glaubt mehr, dass Demokratie, Wahlen oder Protest wirklich etwas an der Realität zum Besseren verändern, oder dass Staaten wirklich für ein Gemeinwohl einstehen könnten. Jene stumme Enttäuschung in und durch die moderne Demokratie philosophisch und vor allem soziologisch wieder zum Sprechen zu bringen, darin liegt das Potenzial von Lessenichs Ansatz.

Vonseiten der Soziologie gibt es dazu nämlich wirklich einiges zu sagen. Etwa, in welchen räumlichen Dimensionen sich die Grenzen der Solidarität heute bewegen: die internationale Arbeitsteilung einer »Externalisierungsgesellschaft« oder eine kritische Geographie der Städte, wo soziale Ungleichheit Tag für Tag in Beton gegossen wird. Das Frankfurter Institut sieht Lessenich in der Pflicht, sich den offensichtlichen Problemen des verfaulenden Kapitalismus und den geordneten Zusammenhang der Kämpfe dagegen anzunehmen. Nächstes Jahr steht das hundertjährige Jubiläum der »marxistischen Studienwoche« an, mit der das Institut einst gegründet wurde. Das wird Gelegenheit zur Reflexion bieten, wie an eine historisch-materialistische Sozialforschung angeschlossen werden kann, auch wenn der Stand der Klassenkämpfe ein ganz anderer ist.

Menschen werden nicht unsolidarisch geboren. Die Strukturen ihres Alltags und ihrer Lebensweise, denen man die Ausgrenzung nicht immer ansieht, bringen sie dazu. Und es ist viel zu einfach, die Augen davor zu verschließen. Die Aufgabe des politisch-sozialen Kampfes ist daher, so Lessenich 2021 in einem Interview, genau diesen Schleier des Nicht-Wissen-Müssens zu heben. Das betrifft auch die Sozialforschung selbst: Wenn sie das Bewusstsein für diese Mechanismen schaffen will, muss sie Auskunft geben können, wohin ihre Kritik führt. Ob ein solch politischer Anspruch der Sozialwissenschaft gelingen kann, dafür wird Frankfurt ein Gradmesser bleiben.

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