Komplett Lost

Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot ist im Kaninchenbau verschwunden – und zwar nicht aus Versehen

Freie Rede, kurzer Sinn: Ulrike Guérots Ausführungen sind manchmal wirr, aber das Problem liegt wonaders.
Freie Rede, kurzer Sinn: Ulrike Guérots Ausführungen sind manchmal wirr, aber das Problem liegt wonaders.

Das Ganzheitliche sei irgendwie verloren, es gebe kein »body, mind, soul«, alles werde vom Algorithmus der Nullen und Einsen und den »Webdesign 2+0-Geschichten« beherrscht, nur noch Schwarz und Weiß, Gut und Böse, gesellschaftliche Spaltung, kein »Drittes, das die Polarisierung bricht«. Das erzählte jüngst die Bonner Professorin für Politikwissenschaft, Ulrike Guérot, in dem kurzen Video einer Podiumsdiskussion, das in den sozialen Medien die Runde machte. Das linksliberale Urteil fiel einhellig aus: Jetzt sei sie vollends abgedriftet, vom Weg abgekommen, einfach »komplett lost«.

Das ist oft die Reaktion auf Personen des öffentlichen Lebens, denen man bei der Radikalisierung ins Verschwörungs- oder Querdenkenmilieu zusieht: Der Vegankoch Attila Hildmann, die deutschen Schauspieler*innen, die keine Maske mehr tragen wollten, der italienische Philosoph Giorgio Agamben oder eben die irrationale Kulturkritik Guérots, die sich ja schon länger auf solchen »Abwegen« befand. Ihr Hang zu Selbstgerechtigkeit und Größenwahn ließ sich bereits erahnen, als sie mit viel Pathos für eine Republik Europa agitierte – immerhin zusammen mit dem sozialdemokratischen Kapital-des-21.-Jahrhunderts-Statistiker Thomas Piketty.

Aber was ist mit diesem Urteil von »Abwegen« und »lost sein« eigentlich gemeint? Aus liberaler Perspektive müsste solch ein pastorales Motiv vom rechten Weg äußerst suspekt wirken. Wer sollte diesen denn bestimmen oder anderen vorschreiben? Eher ist es eine Anspielung auf den berühmten Kaninchenbau aus dem Kinderbuch »Alice im Wunderland« und meint Realitätsverlust. Alice fällt in ein tiefes Loch und verliert sobald den Sinn dafür, wie seltsam es eigentlich ist, in einem dunklen Tunnel einem sprechenden Kaninchen hinterherzulaufen.

Eigentlich ist mit dem Urteil also die Trennung von Wahn und Vernunft verbunden. Interessanterweise widerspricht das genau der intellektuellen linksliberalen Tradition, die immer darauf bestanden und es kritisiert hat, dass die Normalität ein Herrschaftsverhältnis ist: Michel Foucaults ganze Arbeit zu Macht und Subjektivität fußt auf seiner Auseinandersetzung mit »Wahnsinn und Gesellschaft«, Funny van Dannen machte sich liebevoll über die erbarmungswürdigen »Freunde der Realität« lustig und vom magischen Realismus bis in die Matrix-Filme wurde dem Realitätsverlust ein subversives Moment zugesprochen.

Auf dieses beziehen sich jene, die scheinbar dem Irrationalismus und Wahn verfallen sind: Rebellentum, Querdenken und Widerstand sind ja die politischen Schlagwörter solches Denkens, wohingegen die Vernunft nur Faktenchecks und Konformismus anzubieten habe. Ulrike Guérot sieht sich selbst als Mutige, die die Wahrheit ausspricht, denn – so der Titel eines ihrer Bücher – »wer schweigt, stimmt zu«. Ihre Wahrheit soll eben sein, dass die angebliche Vernunft (der Nullen und Einsen, des Algorithmus und so weiter) auf Seite der Herrschaft steht.

Das kann natürlich nicht bedeuten, sie hätte plötzlich Recht damit und irrationale Wahnvorstellungen eine herrschaftskritische Berechtigung. So ist es eben mit Ideologien, sie machen Richtiges falsch. Die Kritik daran macht sich aber selber blöd, wenn sie dem nur »komplett lost« entgegenhalten kann. Es verharmlost das politische Kalkül dieser Akteure, die auf den Massenerfolg von Wahnvorstellungen zählen können. Die Aufgabe wäre es, dem wieder ein echtes Kriterium für Realitätsbezug und Wahnsinn zu entgegnen.

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