Wenn Robin die Provinz rockt

Der Musicalsommer im hessischen Fulda ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte

Mark Seibert steht als Robin von Loxley auf der Bühne im Schlosstheater Fulda.
Mark Seibert steht als Robin von Loxley auf der Bühne im Schlosstheater Fulda.

Das Schlosstheater ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Knisternde, spannungsvolle Erwartung liegt in der Luft. Als das Deckenlicht verlöscht, halten die Zuschauer kollektiv den Atem an. Langsam öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf zwei Jungen, die sich im Bogenkampf messen. Der eine heißt Guy von Guisbourne, der andere Robin von Loxley. Die Mittelalter-Saga »Robin Hood« um den edlen Kämpfer für die Entrechteten und Geächteten, für Freiheit und gegen Unterdrückung, sie wurde bereits in unzähligen Romanen, Filmen und Serien erzählt. Ein Stoff, der scheinbar nie an Aktualität und noch weniger an Popularität verliert. Dennis Martin und Peter Scholz, Geschäftsführer der Spotlight Musicals GmbH, haben ihn in Musik gegossen – und den Sherwood Forest ins hessische Fulda geholt.

Am Anfang war ein Heiliger

Egal, wo man in dem hübschen Barockstädtchen auch hinblickt, überall springen einem die großformatigen Plakate ins Auge: Ein blondgelockter Robin Hood mit Pfeil und Bogen und eine schöne Lady Marian mit selbstbewusstem Blick machen Lust auf den diesjährigen Fuldaer Musicalsommer. Den gibt es seit 2004. Eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte, die ungefähr so geht: Scholz und Martin, damals Ende zwanzig, machen schon lange zusammen Musik und haben eine verrückte Idee: Warum nicht eine Musical-Company gründen und den 1250. Todestag des Stadtheiligen Bonifatius zum Anlass nehmen, um dessen Lebensgeschichte in ein ebenso buntes wie unterhaltsames Musiktheater zu verwandeln? »Wir waren jung und naiv und wussten eigentlich gar nicht, was da auf uns zukommt«, erzählt Scholz grinsend. Etliche Hindernisse sind zu überwinden, nicht zuletzt die Bedenken der Stadt. Die kreativen Jungunternehmer wünschen sich 30 Show-Termine, die Stadt will gerade mal sechs gewähren. »Schlussendlich haben wir im ersten Jahr 38 Aufführungen gehabt«, berichtet Peter Scholz, der fürs Marketing, die Pressearbeit und die Produktionsleitung zuständig ist, mit unverkennbarem Stolz. Das Erfolgsrezept von Anfang an: Renommierte Darsteller, viele gute Songs, ein hohes Maß an Professionalität.

Bonifatius läuft drei Jahre. Weitere, selbst entwickelte Musicals folgen, allesamt historische Stoffe. Längst ist der Musicalsommer zur Institution geworden, und das Schlosstheater Fulda – einst barocke Reithalle des Fürstabts Amand von Buseck – setzt ein Ausrufezeichen in die deutschsprachige Musical-Landschaft. 2011 dann der Knaller: Scholz und Martin ergattern die Rechte an dem Weltbestseller »Die Päpstin«. Ihr Musical findet gleich im ersten Jahr 75 000 Zuschauer, tourt durch etliche Städte, trägt internationale Aufmerksamkeit ein. Es folgen »Die Schatzinsel« und 2016 gar »Der Medicus«. Musik und Buch stammen stets von Dennis Martin, der die künstlerische Leitung innehat.

Zusammenarbeit mit einem Weltstar

2017 holt er sich prominente Unterstützung. »Bei Robin Hood wollte ich einen bekannten Musiker an meiner Seite haben. Ein Komponist, der nicht nur aufhorchen lässt, sondern auch zum Thema passt«, erzählt Martin. Also fängt er an zu recherchieren. Die Legende des Robin Hood spielt im England des 13. Jahrhunderts. Unter der Regierung von König John ist damals ein gewisser Hubert de Burgh Justiziar des Landes. De Burgh? Moment, da war doch was? Genau – der Mann ist ein direkter Vorfahr des irischen Weltstars Chris de Burgh. Könnte es einen geeigneteren Mitstreiter als die Pop-Legende geben, die Hits wie »Lady in Red« oder »High on Emotion« geschrieben hat? Ein musikalischer Geschichtenerzähler par excellence? »Wir nahmen Kontakt zu seinem Management auf. Chris schaute sich dann die zweite Spielzeit des ›Medicus‹ an. Danach hatte er Vertrauen gefasst, und es war klar: Wir machen das gemeinsam!«, erinnert sich Martin.

Es beginnt eine Art künstlerisches Ping-Pong-Spiel. Die kreative Schaffenskraft blüht, Melodien und Texte entstehen, es wird geprobt, doch dann: Corona! Vollbremsung. Um zwei Jahre muss die Premiere, die eigentlich für 2020 geplant war, verschoben werden. Am Abend des 3. Juni 2022 ist es schließlich soweit. Chris de Burgh reist mit seiner Familie an und sagt: »Ich freue mich riesig, dass unsere Produktion von ›Robin Hood‹ nun endlich im charmanten Fulda auf die Bühne kommt – es ist seit vielen Jahren eine meiner Lieblingsstädte in Deutschland!«

Ein wenig heldenhafter Robin

Mittlerweile hat de Burgh die Show schon mehrfach besucht. Auf stolze 98 Prozent Auslastung kommt Spotlight, bis zum 16. Oktober werden 177 Shows gespielt. Musicalfans aus der ganzen Republik, aus Österreich und der Schweiz fiebern mit, wenn Mark Seibert als Robin Hood den Kampf von Gut gegen Böse ausficht. Wobei der 43-Jährige, der derzeit einer der gefragtesten Musicalstars ist und zwischen Engagements in Wien, Oberhausen und Fulda wechselt, offen zugibt: »Zuerst war ich überrascht, wie wenig heldenhaft unser Robin zu Beginn ist, fast schon ein wenig unsympathisch.« Dennis Martin und Peter Scholz haben die Mittelalter-Saga entstaubt. Ihr Robin flüchtet vor dem hartherzigen Vater in den von König Richard Löwenherz angeführten Kreuzzug. Jahre später, der Vater ist mittlerweile tot, kehrt Robin von Loxley völlig traumatisiert aus dem Orient zurück, ertrinkt in Selbstmitleid und ignoriert die Nöte des einfachen Volkes. Das wird vom narzisstischen König John tyrannisiert und ausgeblutet. Erst die resolute Lady Marian öffnet ihm die Augen. Gespielt wird sie von der 31-jährigen Johanna Zett, die für die Produktion zwischen Berlin und Fulda pendelt. An Fulda liebt sie das Familiäre. »Es ist eine zweite Heimat geworden«, sagt die Darstellerin, die auch schon in München bei »Gefährliche Liebschaften« im Einsatz war.

An diesem Tag ist eine Doppelvorstellung angesagt. Die Matinee-Show liegt bereits hinter den Darstellern. Im Catering-Zelt stärken sie sich für die Abendvorstellung. So auch Reinhard Brussmann, der schon 2004 in der Titelrolle des Bonifatius in Fulda auf der Bühne stand und auch an den Produktionen der »Päpstin« und des »Medicus« mitwirkte. Es ist seine letzte Saison. Nach 44 Jahren Showgeschäft beendet der gelernte Opernsänger seine Karriere in Fulda in einer Doppelrolle als Earl William und als John Little. »Ich will zu einem Zeitpunkt aufhören, wenn die Zuschauer noch sagen: Schade!« Der gebürtige Wiener mit der tiefen Stimme lächelt kurz, dann eilt er in die Kostümabteilung, um sein frisch gereinigtes Gewand abzuholen. Hier führt Andrea Mudrak das Regiment über knapp 400 Kostümteile. Sie näht, flickt, bessert aus, reinigt und fertigt auch mal schnell was Neues an – etwa wenn die Kinder, die bei der Produktion mitwirken, schon wieder aus einem Kostüm herausgewachsen sind. »Wir wollten einen Bezug zur Moderne herstellen – das Grundkostüm der Darsteller besteht aus Skinny Jeans und Lederjacken«, sagt Mudrak.

Dreistündiges Feuerwerk

Eine mobile Stahlkonstruktion – allein das kippbare Mittelteil hat 150 000 Euro gekostet – zaubert die unterschiedlichsten Szenerien auf die Bühne: den Wald von Sherwood, die Burg des Sheriffs von Nottingham, den Tower in London. Drei Stunden lang wirbelt das Ensemble über die Bühne. Es kämpft und feiert, rebelliert und intrigiert, liebt und leidet, mordet und raubt, stirbt und erhebt sich wieder aus der Asche. Fetzige Songs und gefühlvolle Balladen, dramatische und komödiantische Szenen wechseln sich ab. Blickt man sich einmal verstohlen im Zuschauerraum um, so sieht man nur gebannte Gesichter. Als zum Schluss der größte Ohrwurm des Musicals zur Melodie von Chris de Burghs berühmtem Hit »Don’t Pay the Ferryman« erklingt, reißt es das Publikum von den Sitzen. Am liebsten würden wohl alle mitsingen, wenn das Ensemble noch einmal die geballten Fäuste in die Luft reißt und lauthals schmettert: »Freiheit für Nottingham, wir sind zum Kampf bereit! Freiheit für Nottingham, wir sind die Stimme der Gerechtigkeit!«

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