Rekordprofite der Krisengewinner

Für etliche Unternehmen zahlen sich die instabilen Lieferketten oder steigende Energiepreise aus

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Rohsalzförderung in der Schachtanlage Hattorf des Kali- und Salzproduzenten K+S
Rohsalzförderung in der Schachtanlage Hattorf des Kali- und Salzproduzenten K+S

Corona und die Folgen des Krieges in der Ukraine belasten die Bilanzen sehr vieler Unternehmen. Das liegt neben den bekannten Lieferengpässen auch an den stark gestiegenen Kosten für Transport und Energie, Rohstoffe und Materialien. Einigen Branchen und Konzernen geht es dennoch erstaunlich gut. Das böse Wort von den »Krisengewinnern« macht die Runde.

Allen voran werden die Ölkonzerne dafür angeprangert, von der angespannten Wirtschaftslage zu profitieren. Deren »Übergewinne« bewogen die EU-Kommission bereits im März dazu, Mitgliedstaaten zu gestatten, »befristete steuerliche Maßnahmen zu Zufallsgewinnen ausnahmsweise beschließen zu können, um einen Teil dieser Gewinne für die Umverteilung an die Verbraucherinnen und Verbraucher vorzusehen«. Italien und andere EU-Staaten haben bereits eine Sondersteuer auf hohe Krisengewinne erhoben oder planen eine solche. Dabei, so die EU-Kommission, müssten »übermäßige Marktverzerrungen« vermieden werden.

Die gibt es allerdings krisenbedingt bereits vielerorts, so in der Energiewirtschaft. Eon beliefert allein in Deutschland 14 Millionen Menschen mit Strom und Gas. In ganz Europa zählt der Düsseldorfer Konzern mehr als 50 Millionen Privat- und Geschäftskunden. Als Betreiber von Netzen und als Vertriebskanal erzeugt Eon kaum Energie selbst. Aufgrund seiner Marktmacht kann das Unternehmen aber die höheren Einkaufspreise an seine Kunden weiterreichen, je nach Land und Kundengruppe in unterschiedlichem Maß: In Großbritannien beispielsweise soll der Durchschnittskunde nach Medienberichten für Strom und Gas jährlich statt 2000 nun sogar 3000 Pfund zahlen. Trotz oder wegen der Energiekrise konnte Eon im ersten Halbjahr seinen Umsatz um 60 Prozent steigern, während die Gewinne nur leicht rückläufig waren.

Vor Kraft strotzt auch der andere deutsche Energieriese. RWE kann in seinen Kohlekraftwerken preiswert Energie erzeugen. Günstige Lüfte beflügelten zudem die Windkraftanlagen des Konzerns, und auch das Solargeschäft legte im ersten Halbjahr sonnige Zahlen vor. Die steigenden Strompreise bescherten dem Konzern, der ebenfalls in Düsseldorf seine Zentrale hat, eine üppige Sonderkonjunktur. Ab Oktober sollen dann noch drei Braunkohlekraftwerke wieder ans Netz gehen. Für das ganze Jahr erwartet RWE dank der Sonderkonjunktur nun einen Gewinn von 5 bis 5,5 Milliarden Euro statt wie ursprünglich geplant 3,6 bis 4 Milliarden.

Hohe Preise kassiert auch K+S. Das Kasseler Unternehmen ist mit Kaliprodukten einer der vier größten Anbieter auf der Welt. Kalidünger gehört neben Stickstoff, Phosphat und Kalk zu den wichtigsten Düngemitteln, die Pflanzen lebenswichtige Nährstoffe liefern. K+S profitiert von der insgesamt wachsenden Nachfrage und der Schwäche der Konkurrenz: Die russische Uralkali und die belorussische Belaruskali sind infolge der Sanktionen von weiten Teilen des Weltmarkts abgeschnitten. Der Umsatz von K+S verdoppelte sich im ersten Halbjahr auf 2,7 Milliarden Euro, der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen stieg auf 1,2 Milliarden Euro – vor Jahresfrist waren es lediglich 237 Millionen Euro gewesen. So wurden die Mehrkosten für Energie, Materialien und Logistik locker weggesteckt.

Zur »privaten Gelddruckmaschine« (»FAZ«) mutierten zuletzt Logistik und Schifffahrt, allen voran die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd, die weiterhin von den Engpässen profitiert, die seit Corona die globalen Lieferketten zum Zerreißen anspannen. Die anhaltenden Kapazitätsengpässe in den Häfen – diese kassieren dafür hohe Lagergebühren – und überlastete Infrastruktur im Hinterland führen zu überdurchschnittlich langen Umlaufzeiten bei Schiffen und Containern. Schiffsraum ist daher knapp, und Reeder können hohe Frachtraten bei ihren Kunden durchsetzen. Obwohl im ersten Halbjahr die Zahl der von Hapag-Schiffen transportierten Container im Jahresvergleich fast gleich blieb, verdoppelte sich so der Umsatz auf rund 17 Milliarden Euro, und der Gewinn verdreifachte sich auf 9,1 Milliarden Euro. Damit stieg die Umsatzrendite auf sagenhafte 53 Prozent.

Trotzdem zahlt Hapag-Lloyd – wie andere Reedereien in der EU auch – kaum Steuern. Der Grund ist die sogenannte Tonnagesteuer. Diese pauschale Miniabgabe löste in den 1990er Jahren direkte Subventionen für die damals kriselnde Seeschifffahrt ab. Ganz leer geht dabei auch die Hansestadt Hamburg nicht aus: Sie hält als drittgrößter Aktionär 13,9 Prozent der Aktien von Hapag, was ihr schon für 2021 eine Dividende von fast einer Milliarde Euro einbrachte.

Nicht allein in Deutschland profitieren die Aktionäre bestimmter Unternehmen von der Krisenkonjunktur. »Trotz Sorgen vor horrenden Energiepreisen, steigenden Zinsen und einer wachsenden Rezession nehmen Firmen weltweit so viel Geld in die Hand wie noch nie, um damit ihre eigenen Aktien zurückzukaufen und einzuziehen«, berichtet das »Handelsblatt«. Damit werden indirekt die Aktionäre beschenkt, denn Konzerne verknappen das Angebot an Aktien, wodurch sich Gewinne und Dividenden auf weniger Anteilsscheine verteilen, was dann üblicherweise die Kurse nach oben treibt.

Allein die großen US-Konzerne kündigten innerhalb eines Jahres neue Aktienrückkaufprogramme mit einem Volumen von insgesamt 985 Milliarden Dollar an. Das ist nach Berechnungen des Finanzdatenspezialisten S&P Dow Jones eine Rekordsumme. Statt Preisschocks zu dämpfen und mehr zu investieren, führen die Konzerne hohe Übergewinne ein und schütteten diese dann über Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre aus, lautet die Kritik von Ökonomen.

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