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Suchen, sammeln, surfen

Øster Hurup an Dänemarks Ostküste eignet sich als Basis für viele Aktivitäten

  • Geraldine Friedrich
  • Lesedauer: 6 Min.
Tim beim Krabbenangeln.
Tim beim Krabbenangeln.

Wenige Minuten nach der Ankunft beginnt die Jagd in Øster Hurup. Kaum ist das Ferienhaus bezogen, geht es die 300 Meter zum Strand. Am Meer entlang stürmen Vater und Sohn vorneweg, die Mutter schlendert dagegen gemütlich hinterher. Es dauert vielleicht zehn Minuten, dann funkelt es am Meeressaum: Bernstein, einen halben Zentimeter groß. Eine halbe Stunde später dasselbe noch mal. Vater und Sohn gucken fasziniert. »Bernstein – echt?«, fragt Tim. Ja, echt.

Øster Hurup ist eine kleine Gemeinde in der Region Himmerland und liegt an der Nord-Ostküste Dänemarks am Kattegat. Der Sandstrand ist kleinkind-freundlich, das Meer wird nur langsam tief. Für Bernstein-Jäger perfekt sind die zahlreichen Häufchen aus Tang, die am Strand liegen, denn in ihnen verfangen sich die Millionen Jahre alten Baumharz-Klümpchen. Gerade nach stürmischen Tagen spült die See besonders viel Tang an und damit steigen auch die Chancen auf das whiskybraune Gold. Das Geheimnis der Finderin: langsam gehen, mit dem Blick nach unten, wie beim Pilzesammeln.

Als wären die Bernsteine ein gutes Omen, entpuppen sich die Wäldchen um Øster Hurup im August als kleines Pilzparadies. Statt goldbraunem Baumharz sprießen hier goldbraune Scheidenstreiflinge hervor, eine essbare Pilzart der Gattung Wulstlinge, zu der auch die Knollenblätterpilze gehören. Daher sollten nur Kenner die Art Amanita fulva oder dessen graues Pendant Amanita vaginata (Scheidenstreifling eben!) sammeln. Doch das Glück bleibt der Familie hold, und so finden sie an einem Weg in direkter Nähe eines beliebten Wanderparkplatzes prächtige Steinpilze.

Gegenüber auf der anderen Seite der Landstraße 541 liegt Dänemarks größtes Naturschutzgebiet namens Lille Vildmose (= kleines Wildmoor). In dem bewaldeten, teils moorigen 7800 Hektar großen Gelände leben seit einigen Jahren auch Elche. Wer auf Elch-Pirsch gehen möchte, tut das am besten kurz vor Sonnenuntergang. Ähnlich wie in südafrikanischen Nationalparks fährt man einfach mit seinem Auto auf geteerten Straßen durch das große Gelände. Im Gegensatz zu Südafrika kann man hier auch einfach aussteigen, da von Elch & Co keine Gefahr droht. Am besten sucht man sich einen der Aussichtstürme aus und wartet darauf, dass die Elche vorbeiziehen – oder auch nicht. Auch ohne Elch lohnt es sich zu parken und einfach durch den Märchenwald zu flanieren.

Stichwort sammeln, suchen, fangen: Im Hafen des südschwedischen Fischerdörfchens Viken hat Tim einst Krabbenangeln kennen und lieben gelernt. Die dänischen Artgenossen im Hafen von Øster Hurup stehen den schwedischen in nichts nach: Sie wohnen in Scharen unter den Steinen im seichten Hafenbecken. Die Jagd nach den Schalentieren funktioniert übrigens komplett einfach: Tim klemmt Wurststücke aus dem Supermarkt an seine Angel (eine Wäscheklammer mit Schnur tut’s notfalls auch) und lässt diese an einem Faden dort ins Wasser, wo er die Tiere vermutet. Beißt eine Krabbe an, besteht die Kunst darin, sie samt Schnur mit der einen Hand schnell nach oben zu ziehen und gleichzeitig vorsichtig in den Kescher, den die andere Hand hält, zu drapieren. »Denn sonst lassen die Krabben vor Schreck die Wurst los und fallen wieder ins Wasser«, erklärt Tim. Aus dem Kescher platziert der Zwölfjährige die Tiere dann in den Eimer mit Wasser, wo sie mit ihren Artgenossen eine WG auf Zeit eingehen. Heißt: Sie können in Ruhe ihre Wurst fertig fressen und werden anschließend wieder freigelassen. Tim bleibt nicht lange alleine, bald gesellt sich ein fünfjähriger Anton mit seinem Vater dazu. Besonders nett in Øster Hurup: Wer keine Ausrüstung dabei hat, kann sie sich einfach am Hafen gratis ausleihen. Plastikeimer, Kescher und Angeln hängen dort auf Vertrauensbasis aus.

Nur eine halbe Autostunde von Øster Hurup entfernt liegt der Mariagerfjord, ein 38 Kilometer langer Meeresarm, der aus dem Kattegat ins Landesinnere bis zum Städtchen Hobro hineinragt. Dort startet im Yachthafen (von Hobro aus links entlang des Wassers) ein leicht zu bewältigender zehn Kilometer langer Wanderweg namens »Panoramaruten«. Es geht vorbei an Kühen, vielen Obstbäumen und Schafen, letztere lassen sich zur Freude des Nachwuchses sogar streicheln. Nach etwa 2,5 Stunden entspanntem Wandertempo erreicht man einen Ort namens Bramslev Bakker, wo man auch gut baden kann. Dort besteht an der Anlegestelle die Möglichkeit, wieder mit einem Schaufelraddampfer namens »Svanen« (Schwan) in 30 Minuten zurückzutuckern.

Nur wenige Autominuten von Hobro entfernt, auf der anderen Fjordseite, warten drei Kajaks auf die Familie. Erst will Tim nur zusammen mit seinem Papa in einem Boot paddeln, doch dann löst sich die anfängliche Skepsis an diesem sonnigen, windstillen Tag dank Carsten Nørgård, Inhaber des Kajakverleihs, schnell auf. Der 59-Jährige hat vor 16 Jahren seinen Bauernhof mit Schweinen, Kühen und Obst verkauft und mit seinem Kajakverleih seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, denn als Hobbysegler kreuzte er einst die Weltmeere. »Ich habe einfach beschlossen, das anzubieten, was ich selbst gerne in meiner Freizeit mache«, erzählt Nørgård. Dank drei Kindern und bislang vier Enkeln weiß er auch, wie man einen angehenden Teenager an eine bislang unbekannte Sportart heranführt: Nach einer Weile Paddeln fordert er Tim zu ein paar akrobatischen Übungen heraus, beispielsweise lässt er ihn mit beiden Beinen auf zwei verschiedenen Kajaks balancieren. Irgendwann landen Sohn und Mutter im angenehm kühlen 21 Grad warmen und flachen Wasser.

Zum Surfen eignen sich Mariagerfjord und die Ostküste Dänemark weniger, aber: In 75 Minuten fährt man von Øster Hurup mit dem Auto an die Westküste nach Løkken, dem Surfer-Paradies Nordjütlands. Vater und Sohn entpuppen sich innerhalb von nur zwei Stunden als begeisterte und durchaus talentierte Wellenreiter und wollen gar nicht mehr aufhören. Løkken mit seinem sehr aufgeräumten breiten Bilderbuch-Sandstrand ist ein schöner Tagesausflug, lässt sich aber mit einer Übernachtung auch gut mit dem Fårup Sommerland kombinieren. In dem Vergnügungspark warten auf Adrenalinjunkies sieben Achterbahnen und ein Freibad mit zig Wasserrutschen.

Im Vergleich zu den deutlich größeren überfüllten deutschen Freizeitparks wirkt das Fårup Sommerland geradezu entspannt und deutlich weniger kommerziell. So gibt es im Park auch viele Grillstellen, in denen Familien ihr mitgebrachtes Essen zubereiten können. Der Zugang zum riesigen Freibad samt Rutschen in allen Längen und Schwierigkeitsgraden ist im Eintrittspreis zum Vergnügungspark enthalten.

Übrigens: Auch eine Kombi von einer Woche am Meer und zwei oder drei Tagen Stadt-Trip mit Kultur und spannenden Museen ist in Nordjütland möglich. Dänemarks drittgrößte Stadt Aalborg am Limfjord liegt ziemlich in der Mitte von Øster Hurup, Løkken und Fårup Sommerland, von jedem Ort jeweils nur 30 bis 45 Minuten entfernt. Die Industriestadt punktet mit moderner Architektur und Industrieromantik – und hat ein nettes Hafenschwimmbad (Eintritt gratis) mit Sprungturm und Kletterwand.

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