Das Autoritätsproblem der Rechten

Theatralisch flippt ein Teil des Publikums auf Schwarze Elben und kämpfende Heldinnen aus. Und was machen wir? Ihnen die Welt erklären. Warum?

Warum darf jetzt diese oder jene Frau, Schwarze, dieser oder jener schwule Charakter dort sein, wo er ist? Ist das, in einem Fantasy-Film, »realistisch«? Leute, auf ein Wort: Was soll der Scheiß? Lasst mich in Ruhe den Film sehen!
Warum darf jetzt diese oder jene Frau, Schwarze, dieser oder jener schwule Charakter dort sein, wo er ist? Ist das, in einem Fantasy-Film, »realistisch«? Leute, auf ein Wort: Was soll der Scheiß? Lasst mich in Ruhe den Film sehen!

Elben, Zwerge, Meerjungfrauen – und alle Schwarz! In den vergangenen Wochen konnte man sich mal wieder nicht entziehen. Überall lief das Thema herauf und herab. Dabei macht es die Sache nicht unbedingt besser, wenn man zwar die wütenden Beiträge über Schwarze Fantasyfiguren selber nicht auf den eigenen Kanälen hat, dafür jedoch all die Verteidigungen. Klar entlockt es mir einen kurzen Moment der Freude, mitzukriegen, wie Schwarze Kinder auf Arielle reagieren. Aber ich mag ganz ehrlich mit Ihnen sein: Ich habe keinen Bock mehr.

Heute sind es Schwarze Figuren, morgen ist es wieder sexuelle Orientierung, übermorgen sind die Leute davon genervt, Frauen dabei zusehen zu sollen, wie die Frauen sind, ja, und dann auch noch Subjekte eines Handlungsstrangs. Ich bin es leid, die – sorry – strunzdämlichen Argumente zu lesen, zu denen auch ich mich hin und wieder hinreißen lasse, sie zu liefern, mit denen irgendwelchen rechten Schneeflocken geduldigst jene Welt erklärt wird, von der sie sich überfordert zeigen. Warum darf jetzt diese oder jene Frau, Schwarze, dieser oder jener schwule Charakter dort sein, wo er ist? Ist das, in einem Fantasy-Film, »realistisch«? Leute, auf ein Wort: Was soll der Scheiß? Lasst mich in Ruhe den Film sehen!

Auch in der völlig histrionisch von »Konservativen« angezettelten »Debatte« um irgendwelche »Verbote« von Winnetou-Büchern ließ sich ein Strang des immer selben Empörungsmechanismus beobachten, der, glaube ich, im Diskurs noch zu wenig Beachtung gefunden hat. Es ist eine spezifische Form von rechtem Anti-Autoritarismus, der sich in solchen Wellen immer wieder Luft verschafft. Ohne dass es direkt ausgesprochen wird, erheben sich die Freizeitempörten dabei über das Urteilsvermögen von Leuten, die sich meist zunächst wissenschaftlich und dann beruflich aufs Intimste mit ihren jeweiligen Kunstformen beschäftigen – sei es in Film, Literatur oder Gaming.

Denn hinter der Entscheidung eines Verlags, ein Buch wegen problematischer Inhalte vollkommen freiwillig nicht mehr auf den Markt zu bringen, stecken genauso komplexe Prozesse des Austauschs von Argumenten und des Abwägens zu berücksichtigender Aspekte wie hinter derjenigen, minimal von der bald hundert Jahre alten Vorstellungswelt eines J. R. R. Tolkien abzuweichen. Diese Entscheidung ist überdies eine, die nicht einfach aus Diskursangst oder durch zwielichtige Schattenmächte angeordnet wird, sondern eine, zu der eine Vielzahl verantwortlicher Menschen beiträgt, die ihr Handwerk verstehen. Das ist freilich kein hinreichendes Argument, aus dem sich ergäbe, Kritik tunlichst zu unterlassen. Aber in all dem rechten Geheul der vergangenen Wochen schien deutlich auf, dass bereits die leiseste Ahnung von solchen Betriebsabläufen völlig fehlt – ja fehlen muss.

Schließlich würde die nur dabei stören, dasjenige zu tun, worum es unbewusst eigentlich geht: Die machtgeladene Einforderung, dass Herrschaftsverhältnisse und Privilegien gefälligst so bleiben sollen, wie sie sind – dass weiterhin die starke Eigengruppe und ihre Bedürfnisse im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen sollen. Dass es gefälligst in einer so angeordneten Welt, auch und gerade in der Kunst, keinen Anschein einer Zärtlichkeit geben darf, die eben diese Anordnung infrage zu stellen vermag. Ein Teil des Publikums flippt ritualisiert aus, wenn nun ausgerechnet Autoritäten eine solche Zärtlichkeit an den Tag legen. Dass die sich längst nicht mehr nur aus weißen Hetero-Cis-Männern rekrutieren, ist hier nicht einmal im Traume vorstellbar.

Die Wut darüber, dass dem Publikum marginalisierte »Schwächlinge« als Held*innen vorgesetzt werden, lässt es gegen eine Autorität rebellieren, die in seinen Augen selber schwach geworden ist. Wir aber reagieren mit diskursiver Verhätschelung. Wie wäre es also, wir geben die autoritäre Antwort, nach der sie sich so sehnen und ignorieren ihr erwachsen-infantiles Geschrei – so lange, bis sie gelernt haben, sich selbst zu beruhigen?

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