Das menschliche Sakrament

Crossover-Musik im besten Sinne: Für die US-Rocker Clutch ist mal wieder alles im Fluss

Sänger Neil Fallon auf der Bühne, Kopenhagen 2019
Sänger Neil Fallon auf der Bühne, Kopenhagen 2019

Clutch wehren sich gegen die Genrezuschreibung »Stoner Rock«. Obwohl sie als grobe Richtungsangabe durchaus gute Dienste leistet. Das ist so wie bei diesen Scherzstraßenschildern: »New York – 6000 Km«. Die vier Musiker aus Germantown, Maryland, erweitern das ohnehin hybride Genre nicht zuletzt um schwarze Traditionszusammenhänge. Schlagzeuger Jean-Paul Gaster spielt auch schon mal gnadenlos groovenden Siebziger-Funk und Sänger Neil Fallon klingt wie ein übernächtigter Soul Preacher, der seine Gemeinde lautstark auf Linie bringt. Vor allem schaffen sie es, ihre unterschiedlichen Einflüsse zu einem eingängigen Personalstil zu verschmelzen.

In der Pandemie waren sie nicht untätig und haben für ihre feine »Weathermaker-Vault-Series« diverse Klassiker neu eingespielt. Für bemitleidenswerte Ignoranten wie mich, die mit ihrem Eintritt ins Clutch-Universum bis zum zehnten Album »Earth Rocker« (2013) gewartet haben, eine nicht zu unterschätzende Gelegenheit, die Backlist-Kenntnisse nachzuholen.

Das eigene Label ist mittlerweile ein wichtiger Bestandteil ihres kreativen Kosmos. Neil Fallon, der sich via Mail meinen Fragen stellt, stimmt zu: »›Weathermaker‹ erlaubt uns zu tun, was wir wollen, wann wir es wollen. Es minimiert zudem die Zwischenhändler und also Verschwendung. Ich denke, die Fans schätzen die Idee, dass sie die Musik direkt von der Band kaufen können. Klar, es ist mehr Arbeit. Aber die tun wir lieber, als uns nach einem anderen Geschäftspartner umzusehen.«

In ihrer kreativen Wiederveröffentlichunspolitik zeigt sich ein ästhetisches Programm. Die Idee des fertigen Werks ist ihnen komplett fremd, Clutch-Songs entwickeln sich mit der Zeit, sie nehmen sich immer wieder ältere Sachen noch einmal vor und spielen sie neu ein. »Aufnahmen sind statisch und tot. Sofort archiviertes Material«, erklärt Fallon. »Das soll nicht heißen, dass ich aufgenommene Musik nicht gerne höre. Aber die Aufnahme ist noch eine neue Technologie. Live-Musik ist um ein Vielfaches älter als aufgenommene, und sie ist viel potenter. Ich empfinde Live-Musik als eine Art menschliches Sakrament. Die Menschheit hämmert seit Jahrtausenden auf Holzstämmen herum und brüllt Unsinn. Gerade die vergängliche Natur der Live-Musik verleiht ihr eine transzendente Kraft. Ich sage den Leuten lieber, dass wir live besser sind als im Studio. Weil es umgekehrt furchtbar traurig wäre.«

Dementsprechend entstehen ihre Songs im kreativen Austausch aller Bandmitglieder. »Meistens kommt einer von uns mit einem Riff oder im Fall von JP [Gaster] mit einem Beat in den Übungsraum. Wir setzen uns dann damit auseinander, spielen damit herum und möglicherweise inspiriert es einen zweiten Part. Texte sind der langsamste Aspekt. Für jeden Riff, der es auf eine Platte schafft, gibt es mindestens 20, die es nicht schaffen. Meistens, weil mir keine passenden Worte dafür einfallen. Manchmal improvisieren wir einfach und dann passiert etwas Cooles. Manchmal auch nicht. Wir sind eine Demokratie. Wenn ein Song mehr oder weniger fertig ist, ist es schwer zu sagen, wer welchen Part geschrieben hat. So ist das ein viel aufregenderer Prozess, als wenn ein Song wie auch immer der ›Vision‹ einer einzigen Person gehorchen müsste.«

Sie haben sich viel Zeit gelassen für ein Album mit wirklich neuen Songs – oder abgewartet, bis man es vernünftig auf der Bühne präsentieren kann. »Sunrise On Slaughter Beach« ist ein absolut würdiger Nachfolger von »Book Of Bad Decisions« geworden, verspielt, aber nicht prätentiös, eklektisch, das Stoner-Rock-Genre nach allen Seiten öffnend, aber trotzdem ungemein eingängig. Ein Meisterwerk wie »Mountain Of Bone« allein rechtfertigt seine Existenz, und es enthält noch so viel mehr.

Clutch machen im besten Sinne Crossover-Musik, lassen sich befruchten von anderen Genres, aber bleiben trotzdem immer sie selbst. »Der Sound ist untrennbar mit uns vieren als Einzelpersonen und als Gemeinschaft verbunden«, meint Fallon. »Und ich nehme an, es hat einiges damit zu tun, dass bei uns viel nonverbale Kommunikation passiert. Es dauert Jahre, eine solche Beziehung aufzubauen. Fast telepathisch manchmal.«

Auch deshalb ist dieses Band-Kollektiv so homogen. Sie brauchen dieses familiäre Gefühl beim Songschreiben. »Deshalb stellen wir Produzenten ein«, ergänzt er. »Nicht so sehr, weil wir nicht wissen, was wir machen wollen, sondern weil wir einen Diktator auf Zeit brauchen. Wie in den meisten Demokratien lähmt es uns manchmal, dass es zu viele Köche in der Küche gibt. Es ist gut, wenn jemand von außen sagt, dass man DIES tun sollte und nicht DAS.«

Kein Wunder bei den vielfältigen Einflüssen. Ihre stilistische Diversität zeigt sich auch in der Verwendung von im Hardrock eher untypischen Instrumenten. Bläser zum Beispiel. Dieses Mal kommen auch Theremin und Vibraphon zum Einsatz gekommen. »Rock, insbesondere Metal, neigt dazu, sich selbst als ›extremes‹ Genre zu betrachten. Das ist es wirklich nicht. Es ist in vielerlei Hinsicht sehr institutionalisiert und musikalisch konservativ geworden. Solche unkonventionellen Instrumente stoßen uns alle aus unserer Komfortzone. Musikalisches Unbehagen ist etwas Wertvolles.«

Neil Fallons Songtexte sind ebenfalls etwas Besonderes, bisweilen kryptisch, anspielungsreich, auch sprachspielerisch. Eher Poesie als typische Rocklyrics. Sein Lieblingsautor ist Cormac McCarthy. »Er hat die Gabe, das Gewöhnliche übernatürlich und schreckliche Dinge schön klingen zu lassen. Poesie ist oft eingängiger in Songtexten. Ich bin nicht sehr belesen, aber Poesie in Form eines Songs zu konsumieren ist leichter als in einem Buch.«

Ich frage ihn nach ihren Entstehungsbedingungen, ob er ein Notizbuch führt und suggestive Ausdrücke, Phrasen oder Zitate sammelt oder eher intuitiv schreibt. Ein Rezept dafür gebe es nicht, stellt er klar. »Einige Texte sind Jahre früher geschrieben worden, in anderer Form, bevor sie in einem Song enden. Das unmittelbarste Beispiel dafür ist ›Jackhammer Our Names‹. Ich habe 2017 eine Fassung dieses Textes geschrieben. Ich habe nur auf die richtige Musik gewartet, um ihm dort Obdach zu gewähren. Manchmal inspiriert die Musik ein oder zwei Phrasen und dann geht es nur noch darum, eine Welt drumherum zu bauen. Es gibt viele Songs, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, worum es geht, aber ich denke, das ist unterhaltsamer, als genau zu wissen, was etwas ist. Das Mysterium ist der Spaß.« Und der Spaß teilt sich allemal mit.

Clutch: »Sunrise On Slaughter Beach« (Weathermaker)

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