Panik oder reeller Plan?

Moskaus Teilmobilmachung wird den Krieg in der Ukraine weiter anheizen

Nach der russischen Teilmobilisierung hat der Grenzverkehr nach Finnland zugenommen.
Nach der russischen Teilmobilisierung hat der Grenzverkehr nach Finnland zugenommen.

Seit Kriegsbeginn läuft in der Ukraine nichts so, wie es die Kreml-Strategen planen. Nach einigen territorialen Erfolgen im Sommer erlitt die russische Armee nun schwere Niederlagen. Die vom Westen massiv aufgerüsteten ukrainischen Streitkräfte haben es geschafft, an zwei Frontabschnitten von der hinhaltenden Verteidigung zum Angriff überzugehen. Am 29. August begann einer im Süden. Im Raum Cherson wurden zwei Brückenköpfe attackiert, die die russische Armee jenseits des Dnepr gebildet hatte. Mit Hilfe US-amerikanischer HIMARS-Raketenwerfer zerstörten ukrainische Truppen russische Logistikwege, mit T-72-Panzern und BMP-Schützenpanzern aus Polen und Tschechien errang man propagandistisch wirksame Geländegewinne.

Noch deutlicher sind die ukrainischen Erfolge seit Anfang September im östlichen Gebiet bei Charkiv. Dabei kamen MLRS-Raketenwerfer sowie Panzerhaubitzen 2000 – beides wurde auch aus Deutschland geliefert – zum Einsatz. Die hochmobilen Angriffsspitzen zwangen die dort von Moskau kommandierten Einheiten zu wilder Flucht, die zum Teil erst an der regulären russischen Grenze endete. Das war offensichtlich ein Achtungszeichen, das den russischen Präsidenten nun zu einer Antwort auf »die Bedrohung durch den Westen«, der »das ukrainische Volk in Kanonenfutter verwandelt«, zwang.

Wladimir Putin beließ es bei einer »Teilmobilisierung«. Das hat Gründe. Eine totale Mobilmachung aller – nicht nur militärischen – Kräfte ist durch russisches Recht klar geregelt. Dazu müsste sich das Land in einem formellen Kriegszustand befinden. Der unterscheidet sich klar von der in Moskau weiterhin propagierten »militärischen Spezialoperation« gegen Nazis in Kiew und eine zu enge Anlehnung der Ukraine an den Westen.

Allerdings könnten die für vier besetzte Regionen angekündigten Referenden, in denen über einen Anschluss an Russland »entschieden« wird, eine neue Situation schaffen. Die »nach dem Willen der Bevölkerung« erfolgende offizielle Deklaration besetzter Gebiete zu russischem Territorium würde es dem Kreml ermöglichen – jenseits aller völkerrechtlichen Fakten – zu behaupten, dass Russland von der mit der Nato verbündeten Ukraine angegriffen wird. Dadurch wäre eine extreme Eskalation der ohnehin gefährlichen Lage denkbar. Putin wies nachdrücklicher als bislang auf einen möglichen Atomwaffeneinsatz hin.

Bislang gibt es im Westen nur wenige Optimisten, die sich vorstellen können, dass der Kreml mit der aktuellen Eskalationsstufe nach einem Weg zur Deeskalation sucht, um den Krieg einzufrieren und zumindest einen Teil der bisherigen Gewinne zu sichern. Sollte das der Fall sein, sind Washington und die Nato diplomatisch extrem gefordert. Man muss Moskau wie Kiew gesichtswahrende Optionen für einen Waffenstillstand anbieten.

Auf einen nennenswerten zivilen Widerstand gegen Putin oder gar einen politischen Umschwung zu hoffen ist aktuell vermutlich eine Illusion. Ebenso wie siegestrunkene Äußerungen mancher Militärs. Ben Hodges, unlängst noch kommandierender US-General in Europa, fühlte sich nach Putins Aufruf zur Teilmobilisierung gar »an Hitler erinnert, der in den letzten Tagen des Dritten Reiches Jungen und alte Männer für die Wehrmacht ausbildete. Ironie des Schicksals … Putin tut, was die Nazis taten.«

Derzeit beträgt die Frontlänge in der Ukraine rund 1200 Kilometer. Russlands Generale haben – nach umfangreichen Gelände- und Materialverlusten – die gegnerischen Angriffe bremsen können. Doch sind die bislang eingesetzten russischen Kräfte zu schwach und deren Moral zu gering, um mit einer in die Tiefe gehenden Offensive zu antworten. Hilft da die in Moskau verkündete Einberufung von Reservisten?

Nicht heute, nicht morgen. Ungediente Wehrpflichtige einzuziehen macht aktuell wenig Sinn. Deren Ausbildung wäre langwierig und würde erfahrene Kräfte binden. Gefordert ist vor allem in die Reserve entlassenes Militärpersonal im Alter von 27 bis 60 Jahren sowie andere Spezialisten wie Ärzte oder Instandhaltungspersonal. Es geht dabei, so erklärte Verteidigungsminister Sergej Schoigu, um rund 300 000 Frauen und Männer. Nato-Experten mutmaßen, dass Russland aktuell 250 000 Militärs und weitere 250 000 Paramilitärs in Reserve hat.

Was können die Einberufenen leisten? Man könnte mit ihnen von Verlusten betroffene Fronteinheiten auffüllen. Das wäre eine Option ohne strategischen Gewinn. Zumal die Reservisten zuerst mit Material versorgt werden müssten, das aus der Langzeitkonservierung zu holen ist. Das dauert. Die Verstärkung von Logistiktruppen würde nur ein Teilproblem lösen. Eine Ablösung ganzer Fronttruppen – die bereits seit acht Monaten im Einsatz sind – durch neu gebildete Einheiten wäre allenfalls eine numerische Stärkung. Effizienter wäre es, mehr reguläre Truppen aus östlichen Teilen Russlands durch Reserveeinheiten abzulösen. So könnte man erfahrene, aber bislang geschonte Soldaten an die Ukrainefronten »werfen«.

Besagter Ex-US-General Hodges geht »davon aus, dass die ukrainischen Streitkräfte weiterhin Druck auf die russischen ausüben und ihnen keine Chance geben werden, sich zu erholen«. Andere westliche Militärexperten trauen der Ukraine – trotz fortgesetzter westlicher Hilfe – diese Kraft nicht zu. Sie halten es für wahrscheinlicher, dass Russland mit geringen neuen Kräften die aktuellen Frontabschnitte sichert und im Hinterland strategische Reserven bildet. Mit denen könnte Moskau dann im Frühjahr versuchen, eine Offensive tief ins Innere der Ukraine vorzutragen. Dadurch würde der Krieg noch umfassender, noch länger, noch brutaler.

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