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Die Krise macht uns Beine

Energiesparen wird zum zentralen Projekt – für Politik und Verbraucher, meint Manfred Kriener

  • Von Manfred Kriener
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Lage ist ernst. Erstmals in der Geschichte unseres Landes könnte in diesem Winter die Energie ausgehen. Die Preise sind schon jetzt horrend. Die Reaktionen auf die größte Energiekrise Europas reichen von medial genüsslich inszenierter Lustangst (»Jetzt kommt’s knüppeldick«) über die hektische Suche nach Ersatzpower bis hin zu dunklen Schaufenstern und: Energiespar-Appellen. Die naheliegende Strategie, den Energiebedarf zu senken, wird indes nur halbherzig umgesetzt. Stattdessen hat etwa der unsinnige Tankrabatt den hohen Verbrauch noch subventioniert und dadurch das zu Einsparungen motivierende Preissignal abgeschwächt. Gleichzeitig wurden die Aufrufe, Energie zu sparen, durch Polemiken von der Seitenlinie ins Lächerliche gezogen. »Die Wahrheit liegt nicht in der Dusche«, amüsierte sich Bayern-Chef Markus Söder, während der Schwabe Winfried Kretschmann den Waschlappen ins Spiel brachte, der seitdem zum running gag für eine unernst und weitgehend faktenfrei geführte Energiespar-Debatte geworden ist. Dass tatsächlich 30 bis 50 Prozent des häuslichen Energieverbrauchs – ohne Hungern und Frieren – leicht eingespart werden könnten, ist der Nation so fremd wie die Vokabel »Energiesuffizienz«.

Energiesparen also als Schlüssel zur Energiesicherheit. Die Bundesregierung ging schon mal mit schlechtem Beispiel voran. Die von der Internationalen Energieagentur erfreulich schnell vorgelegte Empfehlungsliste für eine sparsame europäische Energiepolitik als Antwort auf Putins Krieg wurde komplett ignoriert. Verschärfte Tempolimits, wechselnde Fahrverbote für gerade und ungerade Autonummern, Verbot von Inlandsflügen, mehr Homeoffice und so weiter. Die Liste war lang und konkret – und sie hatte tatsächlich das Zeug, die eskalierenden fossilen Preise zu bändigen. Nichts davon wurde umgesetzt. Jetzt sollen die Verbraucher in ihrem eigenen kleinen Kosmos Energie sparen. Nie waren Strom, Gas, Kohle und Öl teurer, nie hat sich intelligentes Sparen mehr rentiert.

Tatsächlich befürwortet eine überwältigende Mehrheit der Deutschen den sparsamen Umgang mit Energie. Eine fast ebenso große Mehrheit hat indes noch nie an einer Energieberatung teilgenommen und kennt auch den eigenen Energieverbrauch nicht. Sie behauptet aber forsch, dass es in der eigenen Wohnung keine großen Einsparpotenziale gebe, weil man ja schon energiebewusst lebe. Doch im real existierenden Zuhause zwischen Tiefkühltruhe, Heizlüfter und Vollwaschgang ist der gemeine Deutsche als Energiesparer eine Niete. Kleiner Auszug aus dem Sündenregister: energiefressende Wäschetrockner, halbleere Waschmaschinen, vorgeheizte Backöfen, Elektrogeräte im Stand-by-Schlummerbetrieb, drei Quadratmeter große Fernseher, Tiefkühltruhen und riesige Kühlschränke, die dann auch noch neben dem Kochherd stehen. Dazu das unveräußerliche Recht, auch im tiefsten Winter im T-Shirt durch eine kuschlige – pro Kopf immer größere! – Wohnung zu spazieren und zum Brötchenholen in den 200-PS-Stadtpanzer zu steigen. Wir leben weit über unsere ökologischen Verhältnisse. Auch dafür bekommen wir jetzt die Rechnung serviert.

Und langsam sollten wir uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass diese Krise kein kurzfristiges Zwischenspiel ist. In den hohen Energiepreisen steckt auch die Perspektive der Endlichkeit. Die fossilen Energievorräte gehen unweigerlich zur Neige und wenn ein großer Versorger ausfällt oder boykottiert wird, steht die Welt kopf.

Künftig muss der vernünftige Umgang mit Energie zum Leben gehören wie das Zähneputzen und Bettenlüften. Er muss politisch flankiert werden durch ein Energieeffizienz-Gesetz, Verbrauchsobergrenzen für Elektrogeräte, bessere Reparaturfähigkeit, natürlich auch durch Tempolimit, Klimaticket und vieles mehr. Ja, diese Krise ist schmerzhaft. Aber sie wird uns Beine machen – zu einem ressourcenleichteren Leben.

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