Arbeit in Zeiten von Katastrophen

Die ITH in Linz befasste sich dieses Jahr mit politischer Ökologie

Die nun schon drei Jahre andauernde Covid-19-Pandemie war Anlass, auf einer zweitägigen Konferenz im oberösterreichischen Linz über Epidemien und Katastrophen sowie deren Auswirkungen auf die Arbeitswelt zu diskutieren. Vergangene wie aktuelle Krisen sollten in ihrem ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kontext untersucht werden. Dafür hatten sich 55 Teilnehmer*innen zur Internationalen Tagung der Historiker*innen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH) angemeldet, die teils auch online verfolgt wurde.

Die Veranstalter wollten das Thema durch die Linse der politischen Ökologie beleuchten, Umweltgeschichte und marxistische Ökonomie zusammenführen. Viele Beiträge blieben hier jedoch hinter den Erwartungen zurück. Es genügt eben nicht zu konstatieren, dass der globale Kapitalismus mit der Ausbeutung von Arbeit und Natur maßgebliche Voraussetzungen für Umweltkatastrophen geschaffen hat.

Im ersten Block standen Erfahrungen historischer Epidemien im Zentrum. Dem folgten Vorträge zu technologischen Katastrophen in jüngerer Zeit wie die Methangasexplosion in einer Kohlemine von Hwange in Simbabwe 1972. Trotz sofortiger Rettungsversuche gab es keine Überlebenden unter Tage. Erinnert wurde auch an Gegenwehr, beispielsweise die Proteste der Minenarbeiter von Ermenek und Soma in der Türkei 2019 bis 2021, die ihnen vorenthaltene Rechte zur Arbeitssicherheit und Gesundheitsfürsorge einklagten.

Über den Perspektivwechsel hinsichtlich Umwelt- und Arbeitsschutzfragen bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), den das verheerende Unglück 1984 in einer Pestizidfabrik im indischen Bhopal ausgelöst hatte, sprach Dorothea Hoehtker aus Genf. Die Chemiekatastrophe in einem Betrieb in der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Madhya Pradesh – zu einer Hälfte im Besitz eines US-Konzerns, zur anderen Eigentum des indischen Staates –, die Zigtausende Tote und Verletzte kostete sowie fatale Langzeitwirkungen zeitigte, gilt als die bisher größte ihrer Art.

Ein weiterer thematischer Block widmete sich den Auswirkungen und Folgen der gegenwärtigen Coronakrise für die Arbeitswelt und Arbeitsbedingungen. Diese Vorträge stützten sich zu einem großen Teil auf soziologische Erhebungen. Der soziologische Blick bot einen großen Materialfundus, ließ jedoch zugleich teils das für die Geschichtswissenschaft interessante Resümee vermissen.

Über einige Probleme wie die Folgen von Isolierung durch Heimarbeit oder ständige Erreichbarkeit im Homeoffice wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln weiter zu debattieren sein. Ebenso ist für die vergleichende Betrachtung aktueller globaler Phänomene von Interesse, welche Reaktionen sich aus unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Prägungen ergeben.

Ein wichtiges, oft leider vernachlässigtes Thema hatte im Eröffnungsvortrag der Linzer Tagung Louisa Accari aus London aufgegriffen. Sie verwies auf den hohen Frauenanteil in der Sorgearbeit und die besonders prekäre Lage der hier Beschäftigten.

Schließlich wandte sich die Konferenz Reaktionen auf Katastrophen zu. Dabei wurde der historische Bogen von der Schwarzen Pest 1739 in Buda (damals noch eine eigenständige Stadt, heute Teil der ungarischen Hauptstadt) über die im 19. Jahrhundert wütende Cholera bis hin zu Überschwemmungs- und Feuerkatastrophen in diesem Jahrhundert gespannt. Der Schlussfolgerung, dass Katastrophen nur in einem »New Deal« mit der Natur und nicht gegen sie eingedämmt werden können, ist schwerlich zu widersprechen, auch wenn dies keine sensationell neue Erkenntnis ist.

Die vor Konferenzbeginn tagende Generalversammlung wählte Therese Garstenauer aus Wien zur neuen Präsidentin der ITH. Die diplomierte Soziologin und promovierte Historikerin dürfte schon aufgrund ihrer beruflichen Ausbildung Gewähr bieten für die Fortführung des multidisziplinären Ansatzes der ITH-Konferenzen. Das Amt des Generalsekretärs übernimmt Laurin Blecha, ebenfalls aus Wien. Die Historische Kommission der deutschen Linkspartei und die Rosa-Luxemburg-Stiftung sind mit Jürgen Hofmann im Kuratorium sowie Bernd Hüttner und Mario Keßler im Wissenschaftlichen Beirat vertreten.

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