Die Revolution und ihre Kinder

Die Neue Linke brachte auch in den USA eine Untergrundorganisation hervor: den Weather Underground. Zayd Dohrn, der Sohn von zwei Mitgliedern, hat dazu einen Podcast produziert.

  • Von Tanja Röckemann
  • Lesedauer: 7 Min.
Bernadine Dohrn und Bill Ayers 2012 beim Occupy Wallstreet-Protest in NYC
Bernadine Dohrn und Bill Ayers 2012 beim Occupy Wallstreet-Protest in NYC

Dies ist eine KRIEGSERKLÄRUNG. Es ist die erste Mitteilung aus dem Weather Underground. Überall auf der Welt erwarten Menschen, die gegen den amerikanischen Imperialismus kämpfen, dass wir als Amerikas Jugend unsere strategische Position hinter den feindlichen Linien nutzen, um uns zur Zerstörung des Imperiums zusammenzuschließen. … Revolutionäre Gewalt ist der einzige Weg.« Verlesen wurden diese Worte – nur ein Ausschnitt eines Kommuniqués – im Jahr 1971 von Bernadine Dohrn, ehemalige »Anführerin« der Students for a Democratic Society (SDS) und frisch untergetaucht für den bewaffneten Kampf.

Die Aufnahme wurde damals in den ganzen USA im Radio ausgestrahlt und ist erstaunlicherweise derzeit im Originalton in einem Mainstream-Audioprodukt zu hören: dem Podcast »Mother Country Radicals«, geschrieben und produziert von Bernadine Dohrns Sohn Zayd Ayers Dohrn, geboren 1977 im Untergrund. Seine Eltern sind zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aktiv im bewaffneten Kampf, werden aber vom FBI als Terrorist*innen gesucht; die konkrete Gestalt dieser ungewöhnlichen Kindheit ist eines der Hauptthemen des Podcasts. 

Raus aus der Klasse ...

Die Ereignisse, mit denen sich »Mother Country Radicals« (ein Begriff des schwarzen Revolutionärs Fred Hampton) befasst, liegen im Umkreis des soziopolitischen Aufbruchs, der heute auf das Schlagwort »68« gebracht ist. Dieser Aufbruch hatte in den USA, ebenso wie in der Bundesrepublik Deutschland, die Gestalt einer Student*innenbewegung, entsprang also maßgeblich dem Bürgertum – wobei für den US-Kontext hinzugefügt werden muss: dem weißen Bürgertum. Während dies zwar auch in der BRD hauptsächlich weiß ist, muss für die USA die spezifische Dimension rassistischer Diskriminierung schwarzer Menschen betont werden, die als Vermächtnis der Sklaverei bis heute fortdauert und sich naturgemäß auch in den sozialen Bewegungen ausdrückt(e).

Der SDS in den USA spaltete sich, ebenso wie der bundesrepublikanische, schon 1969; kurz darauf gründet sich der Weather Underground als »bewaffneter Arm« der Bewegung. Anlass für die Spaltung des SDS, so erfährt man in »Mother Country Radicals«, ist der Eintritt der Black Panthers in die Student*innenbewegung, genauer gesagt: die parteiliche Entscheidung Bernadine Dohrns für das Primat des antirassistischen über den feministischen Kampf. Die historische Tonaufnahme des Konfliktes, die das konkrete Ereignis der Spaltung dokumentiert, gehört zu den eindrücklichsten Momenten des Podcasts. Zum Verhältnis der weißen Bürgerkinder zum schwarzen Aktivismus in den Siebzigerjahren erklärte Dohrn jüngst in einem Interview: »Wir sahen es so, dass wir unsere Körper zwischen die Polizei und die schwarzen Revolutionärinnen stellten.« Diese Debatte ist hochaktuell, und ihre Thematisierung im Podcast für gegenwärtige Kämpfe durchaus fruchtbar.

Die narrative Struktur von »Mother Country Radicals« besteht aus drei Erzählebenen: Historisches Tonmaterial aus den 1960er und 1970er Jahren und Zayd Dohrns heutige Gespräche mit seinen Eltern, deren Genoss*innen und ihren Kindern sind eingebettet in Dohrns Perspektive, welche die Rahmenerzählung und den roten Faden des Podcasts bildet. Im Kontrast zur Radikalität der Debatten der Neuen Linken und des Weather Underground, die in den Audioaufnahmen dokumentiert sind, aber auch im Vergleich zu seinen noch immer hoch politischen Eltern kommt Dohrn seltsam unpolitisch daher. Die Entscheidung der damaligen Revolutionär*innen, trotz der (lebens)bedrohlichen Situation im Untergrund Kinder bekommen zu haben, rückt im Laufe des zehnteiligen Podcasts immer mehr ins Zentrum.

Das ist zwar ein höchst valider Vorwurf, dem Dohrns Eltern übrigens nicht mehr entgegenzusetzen haben als denselben, vorsätzlich naiven Egoismus, der noch heute Linke dazu veranlasst, allen widrigen Umständen zum Trotz Eltern zu werden. Aber als dominante Perspektive auf die Entscheidung, bewaffneten Widerstand gegen rassistische, patriarchale, kapitalistische Zustände zu leisten, greift Dohrns Klage viel zu kurz. Anstatt die Unvereinbarkeit von Elternschaft und politischem Kampf zumindest als systematisches Problem zu erfassen, das mitsamt dem Kapitalismus bis heute weiterbesteht, hat seine Kritik eine individualistisch-moralisierende Schlagseite. Die Widersprüche und die Fehler im Denken und Handeln des Weather Underground werden so tendenziell aus ihrem politischen Kontext gelöst – und damit auch weniger auf politischer Ebene verhandelbar.

Womit wir bei der Gretchenfrage für den medialen Umgang mit antikapitalistischen Kämpfen angekommen wären: Werden sie ernstgenommen oder individualisiert und historisiert? Zayd Dohrn jedenfalls betrachtet den Kampf seiner Eltern scheinbar nicht als uneingelöste und insofern fortbestehende Notwendigkeit. Dieses Versäumnis (oder ist es nur Vorsicht?) sowie seine obligatorische Absage an das politische Mittel der Militanz rächen sich in der Hilflosigkeit, mit der Dohrn selbst an mehreren Stellen des Podcasts feststellen muss: Trotz verschiedener sozialer Bewegungen, zuletzt der gigantischen Black Lives Matter-Proteste hat sich an den gigantischen Missständen im Inneren der USA praktisch nichts verändert; nicht einmal ein Rückgang der rassistischen Polizeigewalt ist zu verzeichnen.

Auf die konkreten Aktionen des Weather Underground geht »Mother County Radicals« nicht im Einzelnen ein; dies bleibt der Recherche der interessierten Hörerin überlassen. Klar wird aber, dass die US-Aktivist*innen im Untergrund nach einem Unfall bei der Herstellung einer Bombe im Jahr 1970 entschieden, keine Menschen zu töten. Dieser ebenso bemerkenswerte wie entscheidende Unterschied etwa zur deutschen und italienischen Stadtguerilla führte dazu, dass der Weather Underground sich niemals in der fatalen Weise auf das Herrschaftspersonal fixierte wie die RAF oder die Brigate Rosse.

Viele der gesuchten Weather People blieben übrigens überraschend lange unentdeckt, während die Gruppe noch aktiv war und auch danach. Gab es weniger Denunziantentum als in Deutschland (gut möglich!) oder liegt es an der Größe des Landes? Im Rückblick schwer zu sagen. Jedenfalls versteckten sich die Untergetauchten tatsächlich häufig mitten in den US-Metropolen, im Hippie-Milieu im San Francisco der 1970er Jahre oder, wie Dohrn und Ayers mit ihren Kindern, in den 1980ern mitten in New York City. Außerdem war es in den USA möglich, noch nach einer Haftstrafe und der Brandmarkung als Terrorist*in eine bürgerliche Karriere zu machen: Bernadine Dohrn und Bill Ayers erhielten gar Professuren, Ayers arbeitete in Chicago mit dem späteren US-Präsidenten Barack Obama zusammen. Betont werden muss allerdings, und das tut der Podcast auch: Dies ist ein Privileg der Weißen. Ein derart glimpfliches Davonkommen wie es die weißen Genoss*innen teils erlebten, wäre für schwarze Aktivist*innen schlicht undenkbar (gewesen), von der sozialen Benachteiligung schon in der Herkunft über die Höhe der Haftstrafen bis hin zur ungleich größeren Gefahr, von der Polizei getötet zu werden.

... zurück in die Klasse?

Immerhin halten Dohrn und Ayers auch nach ihrer Re-Integration ins Bildungsbürgertum an ihren radikalen politischen Überzeugungen fest, ebenso wie die anderen Aktivist*innen von damals, die im Podcast zu Wort kommen. Das gibt Hoffnung – und hier findet sich eine weitere Parallele zum deutschen Kontext: Auch die (überlebenden) Protagonist*innen des bewaffneten Kampfes in der BRD bestehen in der großen Mehrheit weiterhin auf der Notwendigkeit, den Kapitalismus abzuschaffen; die Einsicht, dass Fehler gemacht wurden, steht dem nicht entgegen. Auf welche Weise dabei am besten vorzugehen ist, bleibt allerdings bis heute offen. 

Viele Angehörige des Weather Underground wurden jedenfalls nach ihrer Entlassung aus der Haft wieder politisch aktiv und sind es teils noch heute. Dieser wichtige Punkt bleibt auch von »Mother Country Radicals« stehen, ob nun trotz oder wegen der Intention Zayd Dohrns. Und der Behauptung einer Rezension des Podcasts auf dem Onlineportal Buzzfeed, es handele sich beim Weather Underground um eine »heutzutage weitgehend vergessene Gruppierung«, bleibt nur zu entgegnen: Dann umso besser, dass die Organisation und ihr Handeln wieder ins politische Bewusstsein gerückt werden – es ist ein Stück linker Geschichte, und vielleicht hilft’s der Sache!

Der Podcast »Mother Country Radicals« von Zayd Ayers Dohrn ist zu finden unter www.crooked.com/podcast-series/mother-country-radicals/ sowie auf Portalen wie Spotify oder Apple Podcasts.
Die wichtigsten filmischen Auseinandersetzungen mit der US-Stadtguerrilla sind die Dokumentation »Underground«, gefilmt 1976 im Untergrund von Emile de Antonie, Haskell Wexler und Mary Lampson sowie »The Weather Undergound« von Sam Green und Bill Siegel aus dem Jahr 2002.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal