Hopfen für die Nachtruhe

Die traditionelle Bierwürze enthält Bestandteile, die hormonelle Prozesse beeinflussen können

  • Von Anke Nussbücker
  • Lesedauer: 5 Min.
Das größte Hopfenanbaugebiet der Welt befindet sich in Bayern.
Das größte Hopfenanbaugebiet der Welt befindet sich in Bayern.

Laut einer Erhebung der Krankenkasse DAK leiden rund zehn Prozent der Erwerbstätigen unter wiederholten Schlafstörungen. Rund ein Viertel der Bevölkerung Deutschlands klagt darüber, dass ihr Schlaf nicht erholsam genug ist. Im Laufe der Corona-Pandemie hat sich bei einem Viertel der Menschen zudem der Tag-Nacht-Rhythmus in die späte Nacht hinein verschoben. Gängige, frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel, pflanzliche Heilmittel und diverse Schlaf- und Nerventees versprechen Abhilfe bei Schlaflosigkeit. Sie füllen die Regale in Apotheken, Drogerien und Lebensmittelmärkten. Jedoch sind nicht alle Produkte für jeden empfehlenswert und hilfreich.

In neueren Studien zählt die Heilpflanze Hopfen zu den sogenannten Phytohypnotika. Mit Hopfen, der hauptsächlich als würzende und antibakterielle Zutat in Bier bekannt ist, lässt sich auch ein Tee für den Abend bereiten. Über ein bis zwei Wochen eine Stunde vor dem Schlafengehen getrunken, kann dieser helfen, wieder erholsamer zu schlafen und den Tag- und Nacht-Rhythmus besser einzupendeln.

In der Antike gaben die Römer der Pflanze den Namen »Wolf der Weidenbüsche«, weil die sich um jeden Stab, Baumstamm oder Strauch windenden, bis zu zwölf Meter langen Hopfentriebe einen Garten förmlich überwuchern können. Dennoch lohnt es sich, je eine männliche und eine weibliche Pflanze für die eigene Hausapotheke wachsen zu lassen. Im Frühling werden die jungen Hopfensprossen abgeschnitten und wie Spargelspitzen gekocht. Im Altertum war der junge, noch nicht verholzte »Hopfenspargel« ein beliebtes Gemüse der ärmeren Menschen. Heute gilt er in Luxus-Restaurants als seltene und teure Delikatesse und wird in Sahnesoße mit pochiertem Hühnerei serviert.

Hopfen mit der botanischen Bezeichnung Humulus lupus gehört zur Familie der Hanfgewächse. Für die Verwendung als Medizinpflanze dienen die Hopfenzapfen, die sich zwischen August und Oktober an den weiblichen Pflanzen zeigen. Auch in der Stadt an wenig befahrenen Plätzen könnte man sich einen Zweig mit den wie an Weinreben hängenden Zapfen abzwicken und in einem trockenen Raum als Wintervorrat aufhängen. Die Blätter der Hopfenpflanze ähneln vom Aussehen her dem Weinlaub, sie kräftigen, als Tee aufgegossen, einen empfindlichen Magen oder Darm.

Die in den weiblichen Blütenzapfen vorkommenden Substanzen wie Humulon und Lupulon wirken positiv auf die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Außerdem enthalten diese Zapfen Stoffe, die unter dem Begriff Phytoöstrogene zusammengefasst werden und an Rezeptoren der weiblichen Sexualhormone andocken.

Früher beobachteten in der Hopfenernte tätige Frauen bei sich selbst eine verfrühte Menstruation. Anwendungen von Hopfen besonders in Phasen der hormonellen Umstellung und bei Schlafstörungen in der Pubertät oder in den Wechseljahren liegen daher nahe. Aber auch ältere und betagte Menschen, welche oftmals einen leichteren Schlaf mit weniger Tiefschlafphasen haben, können Hopfenzapfen für ihre Gesundheit nutzen.

Will eine Frau die Heilpflanze als Tee oder Kapsel zu sich nehmen, empfiehlt sich die Kombination mit Pflanzen wie Frauenmantel, Mönchspfeffer oder Schafgarbe, die das Hormon Progesteron enthalten. Zu einer Teemischung passt eine nervenstärkende Pflanze wie Grüner Hafer.

In wissenschaftlichen Studien wird Hopfen oft mit Baldrian kombiniert, der eine allgemeine Beruhigung verspricht und bei nervösem Herzklopfen hilft. Auch Kombinationen mit Passionsblume und Lavendel haben sich als wirksam erwiesen. Es lohnt, einen Versuch über circa zwei Wochen zu starten, um herauszufinden, welche Pflanzen jeweils persönlich gut helfen.

Kleineren Kindern würde man bei größerer abendlicher Unruhe eher Kamille, Fenchel, Melisse oder Zitronenverbene geben. Die übliche Dosierung für Kapseln und Tabletten mit Lavendel wird erst für Jugendliche ab zwölf Jahren empfohlen.

Um wieder besser zu schlafen, ist ein täglicher Spaziergang bei Tageslicht wichtig, um den Organismus mit dem natürlichen Sonnenlicht auf Tagesaktivität einzustimmen. Auch der vormittägliche Aufenthalt auf dem Balkon oder am Fenster kann dazu beitragen, dass sich der Tag-Nacht-Rhythmus stabilisiert.

Hopfen kann bei leichteren Einschlafschwierigkeiten gut helfen. Viele Menschen versuchen sich in diesem Zusammenhang mit Alkohol – wie dem täglichen Bier – zu sedieren. Die sprichwörtliche Bier-Ruhe und das schnellere Einschlafen nach Biergenuss täuschen aber darüber hinweg, dass viele Menschen nach kurzer Zeit mit zu wenigen Stunden Nachtschlaf wieder aufwachen und dann keinen Schlaf mehr finden. Zudem erholt sich das Gehirn nach dem Alkoholkonsum nicht genug, um den Anforderungen des Lebens gewachsen zu sein.

Im Mittelalter mit seiner oftmals schlechten Trinkwasserqualität mit häufigen mikrobiellen Kontaminationen hatten Bier und Wein durchaus ihre Vorteile für die Gesundheit der Menschen. Infolge des Gärungsprozesses und durch den Zusatz von Hopfen wurden beim Bierbrauen die meisten gesundheitsgefährdenden Bakterien abgetötet. In Gegenden Deutschlands, wo kein Weinbau möglich war, erhielten Mönche eine Tagesration von einem bis zu drei Liter Bier. Dadurch entstand in den Klöstern eine rege Tradition der Bierherstellung.

Heutzutage führt der tägliche Biergenuss zu starkem Übergewicht, dem Bierbauch, in dessen Folge eine Zuckerkrankheit resultieren kann. Immerhin enthält eine Flasche Bier von einem halben Liter bereits circa 25 Gramm Malzzucker, für dessen Verbrennung man schon eine halbe Stunde Volleyball spielen müsste.

Nicht zu unterschätzen ist der Suchtfaktor auch bei Bier, dessen Alkoholgehalt etwas niedriger als bei Wein liegt. Zu viel Hopfen, vor allem in Form von Bier, kann bei Männern ein unerwünschtes Brustwachstum und eine hellere Stimme hervorrufen. Die östrogenartigen Substanzen im Hopfen führen damit quasi zu einer »Verweiblichung« des männlichen Hormonhaushalts.

Bei Frauen ab dem 50. Lebensjahr steigt mit regelmäßigem Alkoholkonsum das Risiko für Brustkrebs. Der Heilpflanze Hopfen, als Tee, Kapsel oder Tablette genutzt, wird eher eine Minderung von Geschwulstwachstum zugesprochen. Evidenzbasierte Studien über Krebsvorbeugung durch Hopfen stehen noch aus. Gesichert ist aber, dass Hopfen auch von Frauen mit östrogenabhängigem Brustkrebs angewendet werden darf. Bis zu zwei Gramm Hopfenzapfen pro Tag können diese Frauen laut Europäischer Arzneimittelbehörde ohne Bedenken gegen ihre Schafprobleme einnehmen.

Die Medizinpflanze Hopfen schenkt uns also erholsamen Schlaf. Daher können wir auch dieser wild wuchernden Pflanze einen Platz im Garten einräumen.

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