Einzug der Glücksvögel

Alljährlich im Herbst legen rund 80 000 Kraniche einen Zwischenstopp im Rhinluch ein

Auf dem Weg ins Winterquartier
Auf dem Weg ins Winterquartier

Mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages ist es vorbei mit der idyllischen Ruhe in und um Linum: Die Kraniche kommen! Mit ohrenbetäubendem Lärm fliegen sie über das Dorf und eine Weide hinweg. Die Kühe beeindruckt das Spektakel am Himmel schon lange nicht mehr, sie fressen seelenruhig weiter. Denn seit ein paar Wochen geht das nun schon so – jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang. Wenn die Kraniche sich tagsüber auf den abgeernteten Mais- und Getreidefeldern die Bäuche vollgeschlagen haben, fliegen sie zum Schlafen hinüber auf die Feuchtwiesen im Linumer Bruch.

Der Einzug der Kraniche lockt jetzt allabendlich auch viele Zaungäste an. Den Kopf in den Nacken gelegt, ein Fernglas vor den Augen oder durch riesige Kameraobjektive beobachten sie das Naturschauspiel am Himmel. Es ist genau so wie in dem Gedicht, das sich seit Kindertagen im Gedächtnis eingegraben hat: »Die Kraniche fliegen im Keil, so trotzen sie besser den Winden. So teilen sie besser die Kräfte weil: Die Starken bilden den vorderen Teil, und die Schwachen fliegen hinten.«

Viele Keile sind da über den Köpfen der Beobachter zu sehen, jeder Vogel fliegt im Windschatten eines anderen, nur der an der Spitze scheint allein auf seine eigene Kraft angewiesen zu sein. Doch die Choreografie des »Tanzes« schreibt Teamgeist vor, denn plötzlich lässt sich der Anführer zurückfallen, reiht sich weiter hinten ein und ein anderes Tier übernimmt für eine Weile die Führung. Das alles passiert in Windeseile und mit ohrenbetäubendem trompetenartigem Geschnatter.

Aber was ist das? Ein markdurchdringendes Fiepen übertönt den vermeintlichen Gleichklang. Es kommt von einem Kranich, der aufgeregt und ganz allein wilde Kreise dreht, so als ob er verzweifelt nach etwas sucht. »Das ist ein Jungtier, das seine Familie verloren hat«, erklärt Lisa Hörig, die als Mitarbeiterin der Storchenschmiede Linum an vielen Abenden mit Gästen die Kraniche im Luch beobachtet. Angespannt verfolgen die Zuschauer den jungen Kranich. Immer wieder fliegt er in einen Schwarm hinein – und wird von dem Verband sofort wieder hinausgedrängt. Nach einer gefühlten Ewigkeit verstummen die kläglichen Rufe endlich, er hat seine Familie gefunden und fliegt nun mit ihr zum Schlafplatz. Der Kleine muss wohl in den nächsten drei Wochen noch viel lernen, damit er auf der langen Reise zu den Überwinterungsplätzen in Südeuropa nicht verloren geht.

Rund 60 000 Kraniche sind für einen Zwischenstopp auf dem Weg ins Winterquartier bereits im brandenburgischen Rhinluch eingetroffen, das zu den bedeutendsten Rastplätzen in Europa gehört. Etwa 80 000 werden es bis Anfang November sein. Sie haben den Sommer in ihren Brutgebieten in Skandinavien, dem Baltikum und Ostpolen verbracht. »In den letzten Jahren nahm die Zahl der Tiere, die hier bei uns ein kurzes Zwischenspiel geben, stetig zu«, erzählt Lisa Hörig. Auf den abgeernteten Mais- und Getreidefeldern finden sie reichlich Nahrung, um sich Kraftreserven für den langen Flug in ihre Winterquartiere in Spanien und Südfrankreich anzufressen.

Spätestens Ende November kehrt wieder Ruhe rund um Linum ein: Dann machen sich die Vögel auf ihre lange, beschwerliche Reise gen Süden. Sie fliegen in großen Verbänden, mehrere Hundert Kilometer am Tag mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 60 bis 80 Stundenkilometern. »Mit Rückenwind schaffen sie über kurze Strecken auch schon mal 130 km/h. Einige Paare, und es werden immer mehr, bleiben aber inzwischen ganzjährig in Mitteleuropa«, erzählt Lisa. »Grund dafür dürfte die Klimaveränderung sein. Waren es in Deutschland in den 70er Jahren noch etwa 800 Paare, so sind es inzwischen schon mehr als 11 000.«

Bereits Mitte Februar fliegen die Kraniche zurück in ihre Sommerquartiere, um Familien zu gründen und für Nachwuchs zu sorgen. Spätestens jetzt trennen sich die Eltern von ihren im Vorjahr großgezogenen Kindern. Die müssen nun selbst zurechtkommen. Obwohl sie dazu eigentlich schon wenige Wochen nach der Geburt in der Lage gewesen wären, lassen sie sich gern weiter im Hotel Mama verwöhnen und akzeptieren das später bei ihrem eigenen Nachwuchs genauso. Mit der Brutzeit ist das vorbei, aus der geselligen und scheinbar verschworenen Gemeinschaft werden mehr oder weniger Einzelgänger, die mit Nestbau und Aufzucht der Jungen alle Schnäbel voll zu tun haben. An einer von Wasser umgebenen abgeschiedenen Stelle bauen sie ihre etwa ein Meter im Durchmesser messenden Nester, in dem das Weibchen Ende März bis Anfang April zwei, selten auch drei Eier ablegt. Nach 30 Tagen schlüpfen die Küken, rund 120 Gramm bringen die Winzlinge auf die Waage. Doch sie können sofort auf ihren eigenen Füßen stehen und schon nach 24 Stunden gehen sie mit ihren Eltern erstmals gemeinsam auf Nahrungssuche. Anfangs werden sie noch gefüttert – mit Würmern, Schnecken, Insekten oder auch Getreidekörnern. Kraniche sind nicht wählerisch, sie gelten als Allesfresser. Abends kuscheln sich die Küken dann im Nest unter Vaters oder Mutters wärmendes Federkleid. Nach vier Wochen wiegen sie bereits gut zwei Kilogramm, und statt des flauschigen Daunengefieders tragen sie nun schon ihr erstes robusteres Jugendkleid. Obwohl sie nun längst in der Lage sind, ihre Nahrung selbstständig aufzunehmen, lassen sie sich noch immer gern von ihren Eltern füttern. Spätestens nach zehn Wochen können die Jungtiere fliegen, nun geht es zusammen mit Vater und Mutter auf Erkundungstour in entferntere Futtergebiete. Die Flugübungen dienen auch der Kräftigung der Muskulatur, denn bis zur ersten großen Reise in den Süden ist es nicht mehr weit.

Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit aus einem winzigen Küken ein ausgewachsener Kranich wird. Sieben Kilo bringt ein Männchen auf die Wage, fünf bis sechs ein Weibchen. Die eleganten Vögel werden etwa 1,20 Meter groß und haben eine Flügelspannweite von 2,20 Meter. Etwa 20 Jahre alt können sie in freier Wildbahn werden. Nach fünf bis sechs Jahren sind sie geschlechtsreif, bis dahin ziehen sie in Junggesellentrupps umher. »Wenngleich man Kranichen nachsagt, dass Paare ein Leben lang monogam zusammenleben, so stimmt das genauso wie bei den Menschen«, sagt Lisa Hörig.

Dank umfangreicher nationaler und internationaler Schutzmaßnahmen gilt der Kranich nicht mehr als gefährdet. Dennoch steht der Vogel unter besonderem Schutz. Und das nicht erst jetzt. Schon 1610 gab Johann Sigismund, Markgraf zu Brandenburg, offiziell bekannt, »… daß von dato an, einer, er sey auch wer er wolle, so einen Kranich scheußt, mit 40 Talern bestraft wird«. Auch wenn das mit einem Edikt von 3. Oktober 1722 aufgehoben werden sollte, in dem verkündet wurde »dass jedem erlaubt seyn soll, Kraniche zu schießen«, standen die Tiere wohl bei den meisten Menschen immer unter einem besonders guten Stern. Ihre elegante Schönheit, ihre in der Brutzeit anmutigen Balztänze und der beeindruckende Vogelzug faszinierten sie seit jeher. Seit Jahrhunderten gilt der Kranich als ein Symbol der Wachsamkeit und Klugheit. Im japanischen Volksglauben, wo er für Glück und Langlebigkeit steht, soll derjenige, der 1000 Origami-Kraniche faltet, gar von den Göttern einen Wunsch erfüllt bekommen.

Noch bleiben ein paar Tage, um den »Vogel des Glücks« bei seinen Reisevorbereitungen zu beobachten. Dabei sollte man aber ein paar Dinge beachten, damit die Tiere nicht gestört werden: Bitte nicht die abgesperrten Wege überschreiten. Da die Tiere sehr vorsichtig und scheu sind, liegt ihre Fluchtdistanz bei mindestens 300 Metern. Diese darf man keinesfalls unterschreiten, denn werden die Vögel aufgescheucht, verbrauchen sie unnütz Energie, die sie für den Weiterflug in ihre Überwinterungsgebiete dringend benötigen. Gegenüber Autos zeigen die Tiere weniger Scheu. Bei einer Beobachtung aus der Deckung des Fahrzeugs heraus kann es gut passieren, dass man sie ganz aus der Nähe beobachten und fotografieren kann. Doch bitte: Niemals mit Blitz! Am besten ist es ohnehin, sich einer geführten Tour anzuschließen. Die Kranich-Guides kennen die besten Beobachtungsplätze und wissen jede Menge über die schönen scheuen Tiere zu erzählen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal