Schauen, schnalzen, schmecken

Ein herbstlicher Bummel über Roms schönste Märkte

  • Von Sandra Ehegartner
  • Lesedauer: 7 Min.
Marktszene auf dem Mercato di Testaccio in Rom
Marktszene auf dem Mercato di Testaccio in Rom

Laut ist’s und riechen tut’s auch nicht immer gut. Dafür gibt es römisches Alltagsleben pur. Manchmal geht es richtig grob zu, und wer die Sprache nicht versteht, könnte meinen, es würde lauthals gestritten, wenn raue Rufe durch die Markthallen schallen und die Verkäufer derbe Scherze machen. Das ist auf den nicht ganz so bekannten Märkten natürlich noch besser als auf den touristischen, doch auch dort ist das Spektakel sehenswert. Und nicht nur Hobbyköche können von römischen Hausfrauen noch etwas lernen. Zum Beispiel, dass kritisches Schauen und abwägendes Schnalzen zum Marktbesuch gehören und dass es nicht auf die Schönheit des Standes ankommt.

Jeder Stadtteil verfügt über mindestens einen großen Markt, die Kernöffnungszeiten sind von 7 bis 14 Uhr, früh morgens ist die Atmosphäre besonders authentisch. Manche der Märkte bestehen nach wie vor aus ihren gewachsenen Konstruktionen, ehemals Provisorien aus Wellblech, schwacher Beleuchtung und einem nicht immer ganz durchschaubaren Gangsystem. Andere sind brandneu, hell und fast ein bisschen zu sauber. Eines ist allen gemeinsam: Die Liebe der Menschen zu guten Produkten.

Der hippe Bauernmarkt am Circus Maximus

Regional, nachhaltig, biologisch – der Bauernmarkt San Teodoro trotzt seinem antiken Umfeld mit hippem, nachgerade wokem Bewusstsein. Oder war Nachhaltigkeit früher gar kein Modethema, sondern Alltag? Kein Zweifel, die Produkte aus der Region haben durchaus Ähnlichkeit mit denen einstiger Römermärkte. Da ist nichts blank poliert oder aussortiert wegen ungeraden Wuchses. Der ehemalige römisch-jüdische Fischmarkt war im Mittelalter Anlaufstelle für die Boote aus Ostia, und auch heute noch gibt es einen Fischstand mit silberglitzernden Schuppentieren. Ein Stück weiter wird Ziegenkäse in allen Varianten angeboten, dazu Honig und Nüsse. Wenn’s beim Kochen schnell gehen soll, werden handgemachte Nudeln und Gnocchi angeboten, und wer sich nun gar nicht mehr bändigen kann bis zum heimischen Herd, der setzt sich an einen der bunten Tische und lässt sich mit Wein aus den umliegenden Bergen und garantiert hausgemachten Köstlichkeiten verwöhnen. Für den Verdauungsspaziergang geht’s entweder aufs Forum Romanum oder auf den Circus Maximus.

Der romantische Blumenmarkt
Campo dei Fiori

So muss das römische Leben sein! Auf einer Piazza, eingerahmt von verwitterten alten Häusern und fröhlichen Straßencafés von Stand zu Stand ziehen, hier eine Tomate befühlen, dort eine Weintraube kosten, Artischocken in allen Größen bewundern, dazwischen einen Cappuccino oder ein Glas Wein trinken – was kann es Schöneres geben? Wären da nicht die mahnende und düstere Gestalt des auf dem Scheiterhaufen hingerichteten Mönches Giordano Bruno und die gesalzenen Preise, man könnte sich auf dem ehemaligen Blumenmarkt wie im Paradies fühlen. Obwohl immer noch viele Bewohner des »centro storico« hier einkaufen, ist der Wandel hin zur Touristenattraktion spürbar. Neben Blumen, Obst und Gemüse haben sich inzwischen leider auch die unvermeidlichen Souvenirstände breitgemacht. Im Herbst haben Marktbummler die Gelegenheit, den Profis beim Zuschneiden der stacheligen Artischocken zuzusehen. Hobbyköche finden ein breites Angebot an Gewürzmischungen für die gängigsten italienischen Gerichte sowie gut gereiften Parmiggiano und Pecorino. Ein frisch am Stand zubereitetes Panino con Porchetta, ein Brötchen mit Schweinebraten, ist die ideale Stärkung für weitere Erkundungen.

Der Multikulti-Markt
Nuovo Mercato Esquilinio

Anfang des neuen Jahrtausends ging ein Stöhnen durch Rom. Der traditionsreiche und charakteristische Freiluft-Lebensmittelmarkt auf der Piazza Vittorio in der Nähe des Bahnhofs musste umziehen – in ein aufwändig renoviertes Gebäude hinter der Piazza. Schöner sollte es werden, wettersicherer und hygienischer. Zeitgleich fanden auch in dem Stadtteil Veränderungen statt. Die Gegend wurde multikultureller und damit auch die kulinarischen Bedürfnisse. Heute stehen in der großen Markthalle viele indisch- und chinesischstämmige Händler mit ihren Produkten. Currymischungen, Zitronengras und Okras liegen in trauter Harmonie neben typisch römischem Gemüse wie Artischocken, Zichorie und Lattuga. Auch die Fischauswahl ist beachtlich. Um die lebenden Seespinnen und Riesenkrabben, die in Styroporkisten vor den Ständen stehen, macht man instinktiv einen Bogen. Sowieso gilt: zart besaitet sollten Besucher nicht sein, wenn sie durch die Reihen wandern. Viele Händler blicken streng, die Sprache klingt rau und die vereinzelten Blumenstände können die anderen Gerüche nicht immer überdecken. Wer vorwiegend exotische Spezialitäten in multikultureller Umgebung sucht, ist hier bestens aufgehoben. Die Preise sind für römische Verhältnisse ausgesprochen moderat.

Der moderne Markt
Mercato di Testaccio

Nach dem Um- und Neubau ist aus dem einst etwas wilden Markt ein hochmoderner Komplex geworden, der von Glas und Stahlkonstruktionen sowie den Farben weiß und grau dominiert wird. Beinahe klinisch sauber wirkt er dadurch. Unter den Marktgängen können die Besucher einen Blick auf die beim Bau gefundenen Tonvasen und weitere Ausgrabungsschätze erhaschen. Der Markt verfügt über das klassische Sortiment: Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch, frische Pasta, Wurst und Käse. Außerdem werden noch Comics, Bücher und allerlei Kunsthandwerk angeboten. Gegenüber den Markthallen liegt der alte Schlachthof, in dem heute Kunst und Räume für Theateraufführungen zu finden sind. Wer nach dem Einkaufen eine Pause braucht, setzt sich in eines der Marktcafés und beobachtet das Treiben im römischsten aller römischen Viertel. Immerhin hat der AS Rom hier seinen Ursprung und das Auge der »Lupa«, der Wölfin und Symbolfigur des Vereins, wacht riesengroß von einer Hauswand über Markt und Viertel.

Der traditionelle Open-Air-Markt
Mercato Gianicolense

Seit nunmehr 20 Jahren wird leidenschaftlich über die Renovierung eines der größten römischen Märkte diskutiert. Viele Mängel weist der betagte Markt auf, der mit seinen 125 Ständen zu den großen Freiluftmärkten Roms zählt. Die Parkplatzsituation bei San Giovanni di Dio ist katastrophal, die Hygieneverhältnisse würden deutschen Kontrolleuren den Angstschweiß auf die Stirn treiben, nur die Lichtverhältnisse sind ausgesprochen schmeichelhaft. Sie sorgen dafür, dass auch streng blickende Rentnerinnen noch als bellissime bionde, wunderschöne Blondinen, tituliert werden. Vermutlich ein Versuch, die kritische römische Hausfrau gütig zu stimmen. Sind auf einigen Märkten – vor allem im Zentrum – heute kaum mehr römische Händler zu finden, so sieht und spürt man, dass auf dem Mercato Gianicolense Händler und Kunden einander seit Generationen kennen und schätzen. Die Ware kommt – wie die Anbieter – fast ausschließlich aus dem römischen Umland. Und so wird der Fischhändler Michele wegen seines sehr durchdringenden Organs vom gegenüberliegenden Metzger Gianni auf die Schippe genommen und wer Gnocchi am richtigen Tag (Donnerstag) ordert, wird beifällig gefragt: Con quale sugo?, mit welcher Soße man sie zu servieren gedenkt. Alles in allem ist der Gianicolense ein absolut authentischer Markt, freundlich, professionell und Vertrauen einflößend. Hier wird eingekauft, was Stunden später gekocht und verzehrt wird.

Der Einkaufsstraßenmarkt Mercato dell’Unità

Näher am Vatikan geht fast nicht: Diese Nachbarschaft und die Lage an der lebhaften Via Cola di Rienzo sind auch der Grund, warum die Verkäufer in der neoklassizistischen Markthalle heute noch existieren können. Ansonsten hat die Anzahl der Marktstände im Laufe der Jahre drastisch abgenommen. Schade, denn die Markthalle ist wunderschön und bietet nicht nur Vatikanbesuchern und Schaufensterbummlern eine bodenständige Oase zum Staunen und Verweilen. Konnte man früher noch das ganze Marktsortiment vorfinden, so muss auch hier der Supermarktkonkurrenz Tribut gezollt werden. Obst, Gemüse und Snacks werden in der Hauptsache angeboten, und auch die Öffnungszeiten haben sich der schicken Umgebung angepasst. Bis abends kann eingekauft werden. Im Eingang, direkt neben dem Blumenhändler, ist ein kleines Café, in dem der Espresso inmitten von Pflanzen und Blumen besonders gut schmeckt.

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