Scherbenhaufen Molkenmarkt

Auch beim Runden Tisch Liegenschaftspolitik wird um die historische Mitte gestritten

  • Yannic Walther
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Wettbewerbsverfahren zur Neubebauung des Molkenmarkts wurde im September ohne Sieger beendet.
Das Wettbewerbsverfahren zur Neubebauung des Molkenmarkts wurde im September ohne Sieger beendet.

Manfred Kühne, Leiter der Abteilung Städtebau in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, hat am Freitagvormittag kein leichtes Spiel. Beim mittlerweile 34. Runden Tisch Liegenschaftspolitik geht es um den Molkenmarkt und das Wettbewerbsverfahren, das auf Betreiben von Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt (parteilos, für SPD) ohne Sieger beendet wurde. Geladene Teilnehmer rollen mit den Augen, im Chat der Onlineübertragung lässt sich einiges an Frust nachlesen. Kühne hält das kürzlich erschienene Buch von Matthias Grünzig über das Areal rund um den Fernsehturm hoch. »Sie haben ein faszinierendes Buch veröffentlicht, man kann es so lesen, dass zu DDR-Zeiten höchste qualitative Maßstäbe umgesetzt werden sollten, das wollen wir auch«, sagt Kühne mit Blick auf die Entwicklung des unweit vom Fernsehturm gelegenen Molkenmarkts in Richtung des Autors.

Es ist der nächste Schlagabtausch eines Mitte September eskalierten Streits. Eigentlich sollte damals ein Sieger am Ende des Wettbewerbsverfahrens für die künftige Bebauung des historischen Platzes gekürt werden. Kahlfeldt sagte aber, dass das nie geplant gewesen sei und zog das weitere Verfahren an sich. Viele waren empört. Auch Matthias Grünzig, der als Bürgervertreter das jahrelangelange Verfahren zum Molkenmarkt begleitet hat und der von Manfred Kühne am Freitag direkt angegangen wird.

Bereits Mitte der 1990er Jahre begannen die Planungen für den Wiederaufbau des Quartiers hinter dem Nikolaiviertel, an dessen Stelle nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ein Straßenknoten entstand. 2016 gab es einen Beschluss des Abgeordnetenhauses, mit dem eine Abkehr von der einst angedachten Privatisierung der Grundstücke einher ging. Statt hochpreisigem Wohnungsbau sollten die Landeseigenen die Flächen entwickeln. In einem im vergangenen Jahr beendeten Partizipationsverfahren wurden acht Leitlinien festgelegt, die unter anderem bezahlbaren Wohnraum und eine klimagerechte Entwicklung vorsehen. »Ich habe mich als Anwalt dieses Prozesses gesehen«, sagt Grünzig. Denn auf Grundlage der Leitlinien startete ein Wettbewerbsverfahren, an dessen Ende viele hofften, dass sich der gemeinsame Entwurf von OS Arkitekter und der Czyborra Klingbeil Architekturwerkstatt durchsetzen würde. »Der Entwurf hat von Anfang an alle Vorgaben erreicht«, so Grünzig.

Doch auch der zweite Entwurf des zwischenzeitlich verstorbenen Architekten Bernd Albers und seiner Kollegin Silvia Malcovati hatte sich während des Verfahrens dem von OS Arkitekter und Czyborra Klingbeil angenähert. »Eine Polarisierung war nicht mehr gegeben«, sagt Grünzig. Nachdem sich Senatsbaudirektorin Kahlfeldt entschieden hat, keinen Sieger auszuwählen, kocht die Stimmung nun wieder hoch. »Eine Katastrophe für die Wettbewerbskultur«, nennt es Grünzig.

Kahlfeldt will nun, dass neben einem Masterplan für den Molkenmarkt auch ein Gestaltungshandbuch in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erarbeitet wird. Matthias Grünzig befürchtet, dass am Ende vor allem teure Wohnungen am Molkenmarkt entstehen könnten, weil beispielsweise eine gestalterische Vorgabe, möglichst schmale Townhouses zu bauen, die Kosten explodieren lassen könnten.

»Grünzig müsste eigentlich wissen, dass viele Punkte, die er vorträgt, nicht der Realität entsprechen«, sagt Manfred Kühne von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Er betont, dass die Leitlinien des Partizipationsverfahrens für die Verwaltung bindend seien und die Wohnungen, die am Molkenmarkt entstehen, am Ende pro Quadratmeter 6,50 Euro kalt kosten sollen. Auch Kühne wiederholt Kahlfeldts Mantra: »Es war von Anfang an klar, dass nicht ein Team beauftragt wird, weiterzuplanen.«

Katrin Schmidberger sieht das anders. »Es war ausgemacht, dass es einen Siegerentwurf geben soll. Im Grunde wurde der politische Konsens, wie man so ein Verfahren abschließt, aufgekündigt«, sagt die wohnungspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus. »Es besteht der Verdacht, dass Teile der Senatsverwaltung Eigeninteressen vor Gemeinwohlinteressen stellen.« Schmidberger spielt auf Kahlfeldts persönliches Engagement an. So mischte Kahlfeldt vor ihrem Amtsantritt als Senatsbaudirektorin im Dezember 2021 in der »Planungsgruppe Stadtkern« mit, die dafür warb, einen Teil der Grundstücke am Molkenmarkt zu privatisieren.

Kritik an der Senatsbaudirektorin komme mittlerweile auch aus der SPD. Die Moderatorin des Runden Tisch Liegenschaftspolitik Johanna Sonnenburg berichtet, dass bei einem kürzlichen Treffen von Stadtentwicklungspolitikern und Verbänden auch von SPD-Politikern die Auffassung vertreten werde, am Molkenmarkt stehe man vor einem »Scherbenhaufen«.

Theresa Keilhacker, Präsidentin der Berliner Architektenkammer, will den Fokus vor allem auf ungeklärte Fragen legen. Was sie jetzt besonders interessiere, sei die Entwicklung eines Verkehrskonzept für den Molkenmarkt. »Die Planung von Fahrrad- und Fußgängerverkehr steht zurzeit nicht im Fokus, weil alle nur über historische Fassaden palavern«, sagt Keilhacker.

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