Fotos am Fenster, Schreckensbilder im Kopf

Anna Volkova flüchtete aus der Ukraine und ließ sich von der Künstlerin Corinne Holthuizen-Habermann fotografieren

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Anna Volkova steht am Dienstag in der Ausstellung vor ihren Porträts.
Anna Volkova steht am Dienstag in der Ausstellung vor ihren Porträts.

Im Flur des Potsdamer Sozialministeriums wird am Donnerstagmorgen eine Fotoausstellung mit Porträts von Flüchtlingen eröffnet, die in Brandenburg Zuflucht gefunden haben. Es sind fast durchweg Frauen und Kinder aus der Ukraine, aber auch ein Iraner und ein Kongolese. Einige der Abgebildeten sind zu dem Termin gekommen. Darunter ein kleines Mädchen, das im Flur des Ministeriums bis ganz nach hinten läuft und ihrem Vater stolz die Fotos zeigt, auf denen sie mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter zu sehen ist. Die Frauen sind schon länger in Brandenburg, der Vater ist jedoch erst in der Nacht eingetroffen. Die Familie ist glücklich, wieder vereint zu sein.

Auf den Bildern lächeln die Menschen in die Kamera der Fotografin Corinne Holthuizen-Habermann – auch wenn sie wie Anna Volkova vor ihrer Ankunft in Deutschland schlimme Dinge erleben mussten. Die 32-jährige Notarsassistentin aus Kiew sah ihren Mann das letzte Mal am 24. Februar um 6 Uhr am Morgen. Es war der Tag des russischen Überfalls. Das Ehepaar hatte Volkovas Mutter besucht, die in einem Dorf nördlich der ukrainischen Metropole lebt – in der Nähe der Stadt Butscha. In Butscha sind dann im April nach dem Rückzug der russischen Truppen 458 Leichen gefunden worden. Nach den bisherigen Erkenntnissen sollen nur 39 eines natürlichen Todes gestorben sein. Andere Zivilisten sind den Untersuchungen zufolge erschossen oder erschlagen worden. Sie lagen teils mit gefesselten Händen auf der Straße. Filmaufnahmen davon gingen um die Welt. Auch an anderen Orten der Region sind getötete Zivilisten entdeckt worden. Doch das Massaker von Butscha erregte die meiste Aufmerksamkeit. Russland bestreitet, dafür verantwortlich zu sein.

„Ich habe zerstörte Häuser und sterbende Menschen gesehen», berichtet Anna Volkova. „Das war sehr, sehr schrecklich.» In den ersten Tagen des Krieges saß sie ohne Heizung und Licht im Keller, auch ohne Internet – abgeschnitten von Informationen, was draußen vorgeht. Im März gelangte sie nach Brandenburg, wohnt jetzt in einem Apartment der deutsch-jüdischen Begegnungsstätte Schloss Gollwitz. Dort arbeitet sie in der Küche und kocht für Kinder und Erwachsene. Den Gästen schmeckt es. „Das macht mir Spaß», versichert Volkova.

In der Schule hatte sie zehn Jahre Deutschunterricht. Jetzt macht sie einen Kurs, um ihre schon sehr guten Sprachkenntnisse zu verbessern. Dauerhaft in der Bundesrepublik bleiben möchte sie allerdings nicht, sondern sofort in die Heimat zurückkehren, wenn dort endlich Frieden herrscht. Sie möchte Besuchern dann zeigen, wie schön die Ukraine sei. „Das schönste Land der Erde», schwärmt sie. Volkova gesteht: „Ich habe großes Heimweh.» Ihr Mann, von Beruf Jurist, dient seit dem 24. Februar als Soldat in der ukrainischen Armee. Einmal täglich findet er zehn Minuten Zeit, mit seiner Frau in Deutschland zu telefonieren. Wo genau er stationiert ist und was er da erlebt, weiß Volkova nicht. Das unterliegt der militärischen Geheimhaltung. Wann sie sich wiedersehen? Wann der Krieg aufhört? Wer weiß das schon. Annas Muttersprache ist Ukrainisch, die ihres Mannes Russisch. Aber seit dem 24. Februar rede er nur noch ukrainisch, wolle die russische Sprache nun nicht mehr benutzen, erzählt sie.

44 großformatige Bilder zeigt die Ausstellung im Sozialministerium. Die Bilder sind transparent und so an die Fenstersscheiben im Flur geklebt, dass die Bilder spiegelverkehrt auch von draußen betrachtet werden können.

„Kunst ist immer ein direkter Weg, Menschen zu berühren», meint Sozialministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) am Donnerstag bei der Eröffnung. „Bilder sagen mehr als Worte. Manchmal findet man auch gar keine Worte.» Der Krieg in der Ukraine verursache millionenfaches Leid. Der russische Überfall sei auf den Tag genau vor neun Monaten erfolgt, erinnert die Politikerin. Zehntausende Ukrainer habe Brandenburg seitdem aufgenommen. Die Ukrainer seien Nachbarn, Kollegen und Freunde geworden.

Nonnemacher begrüßt es, dass die Fotografin Holthuizen-Habermann, die aus der Schweiz stammt und im brandenburgischen Kleinmachnow wohnt, in der Ausstellung „An Gesicht» nicht nur Ukrainer, sondern ganz bewusst auch einen Iraner und einen Kongolesen zeigt. Denn Flüchtlinge wie diese haben es ungleich schwerer in der Bundesrepublik als die Ukrainer. „Die verschiedene Behandlung durch die Behörden ist hochproblematisch», bedauert Nonnemacher. Das dürfte eigentlich nicht sein.

Als sich die Sozialministerin von der Fotografin die mit 1000 Euro aus Lottomitteln geförderte Ausstellung zeigen lässt, entdeckt sie gleich zuerst die Porträts von zwei Ukrainerinnen, die sie schon kennt. Denn die beiden Frauen bereiten im nahegelegenen alten Rechenzentrum deftige Speisen nach ukrainischen Rezepten zu, die gegen eine Spende ausgereicht werden. Nonnemacher selbst und nicht wenige ihrer Mitarbeiter haben dort schon zu Mittag gegessen.

Fotoausstellung "An Gesicht", bis 30. Juni 2023, werktags von 7.30 bis 17 Uhr, Eintritt frei, Sozialministerium, Haus S, Henning-von-Tresckow-Straße 2-13, Potsdam

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