Ist der Ruf erst ruiniert ...

Almería in Andalusien wird meistens unterschätzt – zu Unrecht

  • Ulrike Wiebrecht
  • Lesedauer: 5 Min.
Alcazaba ist die größte noch erhaltene maurische Festung in Andalusien.
Alcazaba ist die größte noch erhaltene maurische Festung in Andalusien.

Almería: Ist das nicht da, wo Tomaten in hässlichen Mega-Gewächshäusern reifen? Wo weiße Plastikplanen die Landschaft wie Leichentücher bedecken? Ja, das stimmt. Und es stimmt auch, dass die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz auf den ersten Blick nicht viel ansehnlicher ist als die Gemüseanbaugebiete. Gesichtslose Mietshäuser, die in den 1960er oder 70er Jahren hochgezogen wurden, verstellen den Blick aufs Meer. Lieblose, funktionale Architektur, die rund um das historische Zentrum wie ein Krebsgeschwür gewuchert ist. Kein Wunder, dass Almería, das weit entfernt von der Hauptstadt Sevilla an der östlichen Mittelmeerküste liegt und sich wie das Stiefkind Andalusiens fühlt, nicht den besten Ruf hat. Manche tun es sogar abschätzig als Nordafrika ab. Oder als Dritte Welt.

Aber man weiß ja: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Und das tut Almería dann umso trotziger. Wobei die Spanier weitgehend unter sich bleiben. Ob in legendären Tapas-Lokalen wie der Casa Puga oder an den zwölf Kilometer langen Stadtstränden – ausländische Touristen muss man mit der Lupe suchen. Was nicht nur bedeutet, dass hier vieles preiswerter ist als in anderen Städten, ein Café solo gerade mal 1,50 Euro kostet und zu alkoholischen Getränken köstliche, kostenlose Tapas serviert werden. Es gibt auch so gut wie keine Souvenirshops oder Fastfood-Lokale, die die traditionelle Küche verdrängen. Wer über den Paseo de Almería läuft oder unter dem Schatten spendenden Blätterdach der Rambla flaniert, kann andalusisches Leben in Reinkultur erleben – einschließlich der entsprechenden Lautstärke.

Auf den zweiten Blick überraschen die Museen. Nicht allein, dass das Centro Andaluz de Fotografía, das Archäologische Museum oder das für Stadtgeschichte in wunderbar hergerichteten historischen Gebäuden oder preisgekrönten Neubauten untergekommen sind und ihre Themen gut aufbereiten – der Eintritt ist auch fast immer gratis. Maria Angeles, die in Almería als Stadtführerin arbeitet, ist davon zwar nicht begeistert. »Was nichts kostet, wird auch nicht wertgeschätzt«, meint sie. Dafür fühlt man sich hier nicht ausgenommen wie an vielen Touristen-Hotspots. Außerdem gibt es nirgendwo Schlangen. Höchstens beim Bürgerkriegsmuseum El Refugio, das mit seinen vier Kilometer langen unterirdischen Bunkeranlagen die tragische Geschichte Spaniens einschließlich des Beschusses von Almería durch deutsche Torpedoboote am 31. Mai 1937 aufarbeitet, empfiehlt es sich, vorab eine Führung zu reservieren.

Höhepunkt im wahrsten Sinn des Wortes ist aber die Alcazaba: Nicht über Granada, sondern über Almería thront die größte noch erhaltene maurische Festung Andalusiens. Im 10. Jahrhundert unter dem Kalifen Ab dar-Rahman III. erbaut, ist sie sogar ein paar Jahrhunderte älter als die Alhambra. »Sie wurde nie eingenommen, allerdings durch Erdbeben zerstört«, erklärt Maria Angeles. Die 1000-jährigen Mauern stehen noch. Von einstigen Gebäuden und Bädern sind nur Reste geblieben, die teilweise rekonstruiert wurden. Dabei vergleicht die Stadtführerin die Alcazaba gern mit einer alten Dame: »In der Jugend war sie eine Schönheit. Später, als ein Facelifting fällig wurde, hat es der Schönheitschirurg, wie es bisweilen passiert, ein bisschen übertrieben.« Mit dem Chirurgen ist Francisco Prieto-Moreno gemeint, Architekt und Konservator der Alhambra, der die Alcazaba in den 1950er Jahren instandsetzen sollte. Inspiriert von der Burg in Granada fügte er Elemente hinzu, die dort gar nicht hingehören. Wo einst Soldaten wohnten, legte er beispielsweise Gärten an. Anstelle von Kasernen werfen Zypressen und Granatapfelbäume dekorative Schatten über Treppen und Wege, dazwischen plätschert kühles Nass in Wasserläufen und hübschen Brunnen. Auch wenn sie nicht authentisch sind – sie sind das Lieblingsmotiv der Instagramer. Fast so schön wie der atemberaubende Blick von der Alcazaba auf das darunterliegende Häusermeer, das sich zwischen Hafen, Stränden und Bergen ausbreitet.

Ganz in der Ferne grüßen die Umrisse des Cabo de Gata. Und wenn es noch eines Arguments bedarf, um einem Almería schmackhaft zu machen, dann ist es die Landschaft rund um das Kap östlich der Stadt. Über 65 Kilometer ziehen sich die unverbauten Strände des Naturparks und Unesco-Biosphärenreservats Cabo de Gata die Küste hinauf, einer schöner als der andere. Mit der Playa de los Muertos bei Agua Amarga oder der Playa de los Genoveses bei San José können es nur wenige Strände in Spanien aufnehmen. Schon gar nicht mit der Playa de Mónsul. Mit dem charakteristischen Felsen, der wie ein Ungeheuer aus der Vorzeit auf dem Sand hockt, gibt sie die Kulisse für unzählige Spiel- und Werbefilme ab. Unter anderem jene Szene von »Indiana Jones«, in der Sean Connery die Möwen vom Strand aufscheucht, um das Flugzeug der Verfolger zum Absturz zu bringen. Die laden nicht nur zum Baden ein. Sie eignen sich auch ideal zum Wandern – zumindest außerhalb der Sommersaison. Selbst im Winter darf man bei 342 Sonnentagen auf milde Temperaturen hoffen, Regen ist die – von Einwohnern ersehnte – Ausnahme. 

Auch wenn die Etappen von einem Ort zum anderen überschaubar sind, ist das Panorama immer wieder spektakulär: vorn das Mittelmeer, hinten die archaische, wüstenähnliche Sierra de Cabo de Gata, die das Ergebnis einer regen Vulkantätigkeit vor Millionen von Jahren ist. Zwergpalmen, Agaven, Kakteen und Wacholder säumen die Wege zwischen den weißen Dörfern, hier und da schmiegt sich eins der typischen Cortijos genannten Bauernhäuser in die braunen Hügel, die sich in stilvolle Unterkünfte verwandelt haben. Kein Zweifel: Wer sich an Sevilla, Córdoba oder Granada sattgesehen hat, kann in Almería ein unterschätztes und umso faszinierenderes Stück Andalusien entdecken – und die Gewächshäuser getrost übersehen!

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