So schnell fahren die Preußen nicht

Brandenburg feiert neue Plusbusse, verspätet sich aber bei der Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken

Ein neuer Plusbus der Linie 950 steht am Dienstag vor der Stadthalle von Erkner.
Ein neuer Plusbus der Linie 950 steht am Dienstag vor der Stadthalle von Erkner.

»Plusbusse sind eigentlich Regionalexpresszüge auf der Straße«, formuliert am Dienstag Brandenburgs Infrastrukturminister Guido Beermann (CDU) bei einem Termin in der Stadthalle von Erkner. Vor der Tür stehen zwei sogenannte Plusbusse. Drei neue Linien mit solchen Schnellbussen gibt es seit dem Fahrplanwechsel am Sonntag, davon zwei mit Endpunkt am Bahnhof in Erkner: die 950 von Strausberg nach Erkner, die 435 von Fürstenwalde nach Storkow und die 420 von Erkner nach Neuenhagen. Die ersten beiden Busverbindungen gab es vorher schon. Die 950 ist bereits die Buslinie mit den meisten Fahrgästen im Landkreis Märkisch-Oderland gewesen. Bei der 420 ist neu, dass sie nicht mehr in Schöneiche endet, sondern bis zur S-Bahnstation Neuenhagen verlängert wurde. Damit endet die absurde Situation, dass Fahrgäste den Weg über Berlin nehmen und dort am Ostkreuz umsteigen mussten.

Plusbusse verkehren stündlich und im Gegensatz zu Schulbussen auch am Wochenende. Ihre Fahrpläne sind darauf ausgerichtet, dass die Reisenden ohne lange Wartezeiten in die Bahn umsteigen können. Dazu müssen die Züge dann aber auch pünktlich sein. Bei der Regionalbahn 26, die in Strausberg hält, kamen im Oktober und November nur etwas mehr als 60 Prozent der Züge pünktlich. Jürgen Roß, Bereichsleiter beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, nennt dies am Dienstag »ärgerlich« und will es nicht beschönigen. Beim Regionalexpress 1, der in Erkner hält, klappe es aber sehr gut, sagt er. Dabei hat just in diesem Moment fast zeitgleich der RE1 eine erhebliche Verspätung. Die auf den Bahnsteigen Wartenden schütteln darüber den Kopf und üben sich in Geduld. Wer dieser Tage in Berlin und Brandenburg mit der Bahn reist, ist schon zufrieden, wenn der Zug überhaupt kommt und nicht gleich ganz ausfällt.

Bei den Bussen ein ähnliches Problem. Den Verkehrsbetrieben mangelt es an Personal und dann fallen auch noch Kollegen krankheitsbedingt aus. Da sei man dann teilweise gezwungen, den Verkehr auszudünnen, bedauert Gernot Schmidt. Der SPD-Landrat von Märkisch-Oderland fordert dementsprechend »kein 9-Euro-Ticket, sondern zuverlässige Verbindungen«. Auch wenn Brandenburg nicht so wahrgenommen werde: »Wir sind eine Wachstumsregion geworden.«

Es gibt damit immer mehr Berufspendler, Schüler und auch Senioren, die auf Bus und Bahn angewiesen sind. »Wir brauchen‹s, wir brauchen‹s dringend«, sagt Landrat Schmidt zum Öffentlichen Personennahverkehr. »Es werden immer mehr Menschen in die Region ziehen. Man kann Preuße werden, auch wenn man nicht hier geboren ist.«

2014 wurden im Landkreis Potsdam-Mittelmark die ersten drei Plusbuslinien Brandenburgs eingerichtet. Inzwischen gibt es im Bundesland 37 solcher Linien, seit 2019 die erste in Märkisch-Oderland von Strausberg nach Bad Freienwalde. Der Landkreis Oder-Spree ging zunächst leer aus, erhielt aber nun am Sonntag seine ersten Plusbus-Verbindungen. Dabei soll es aber nicht bleiben. Ein Plusbus von Müncheberg nach Fürstenwalde sei als nächstes geplant, erklärt Gundula Teltewskaja, die als Beigeordnete in der Kreisverwaltung Oder-Spree für die ländliche Entwicklung zuständig ist. Von Beeskow nach Eisenhüttenstadt bräuchte es auch einen, und eine Anbindung von Müllrose hätte nach Ansicht der Beigeordneten »Potenzial«. Darüber hinaus wünsche sich die Bevölkerung insbesondere alte Busverbindungen in den Süden zurück, etwa nach Lübben oder Cottbus, weiß Teltewskaja.

Aber das alles muss finanziert werden. Der Öffentliche Nahverkehr ist ein Zuschussgeschäft. Der Staat muss ordentlich zubuttern. Infrastrukturminister Beermann kennt die Problemlage, die auch mit der vergleichsweise geringen Bevölkerungsdichte zu tun hat. 86 Einwohner je Quadratkilometer leben in Brandenburg, 311 seien es in Baden-Württemberg. »Wir sind in einer Region der weiten Wege.« Nur im unmittelbaren Berliner Umland sieht es anders aus. Aber die Plusbusse sind nach Überzeugung von Beermann eine Erfolgsgeschichte. »Allein 2022 wurden fünf neue Plusbusse umgesetzt. Zum Jahresende legen wir einen Endspurt hin und bringen drei neue Strecken an den Start. Im Landkreis Oder-Spree feiern wir sogar Premiere«, freut sich der Minister. »Damit kommen wir dem Ziel, gut vernetzte, klimafreundliche Mobilitätsangebote in ganz Brandenburg zu schaffen, einen weiteren Schritt näher.« Das Land wolle die Landkreise und ihre Verkehrsbetriebe weiterhin dabei unterstützen, Plusbusse einzuführen. Zwölf sind gegenwärtig in der Planung.

Nicht in den Jubel zum Fahrplanwechsel einstimmen, auch wenn dieser einen großen Fortschritt bedeute, mag der Landtagsabgeordnete Andreas Büttner (Linke). Es bleibe noch »viel zu tun, wenn wir die Verkehrswende schaffen und den Verkehrsanteil von Bahn und Bus bis 2030 deutlich steigern wollen«. Minister Beermann solle seine Hausaufgaben machen, anstatt sich mit fremden Federn zu schmücken. Schließlich basierten die jetzigen Verbesserungen auf dem Landesnahverkehrsplan 2018 und wurden noch von der damaligen rot-roten Landesregierung »konzipiert, ausgeschrieben und vergeben«, erinnert Büttner. Der Nahverkehrsplan 2023 aus dem Hause Beermann hingegen habe bereits Verspätung und enthalte zahlreiche offene Baustellen. So fehlten konkrete Pläne für die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken mit Zeitplänen und Finanzierung. »Zu einer seriösen Verkehrspolitik gehört auch, den neuen Fahrplan im Frühjahr auszuwerten«, findet Büttner. »Dann muss geschaut werden, wo sich Lücken zwischen Plan und Wirklichkeit auftun. Wo es hakt und zum Beispiel Anschlüsse nicht funktionieren, ist dann nachzusteuern.«

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Das beste Mittel gegen Fake-News und Rechte Propaganda: Journalismus von links!

In einer Zeit, in der soziale Medien und Konzernmedien die Informationslandschaft dominieren, rechte Hassprediger und Fake-News versuchen Parallelrealitäten zu etablieren, wird unabhängiger und kritischer Journalismus immer wichtiger.

Mit deiner Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Sei Teil der solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

Vielen Dank!

Unterstützen über:
  • PayPal