Die bunte Welt der Posamentenknöpfe

Wie die Trachtenschneiderin Sandra Müller dazu beiträgt, ein altes Handwerk vor dem Vergessen zu bewahren

  • Heidrun Lange
  • Lesedauer: 5 Min.
Sandra Müller in ihrer Werkstatt
Sandra Müller in ihrer Werkstatt

Das sind meine Schätze», zeigt Sandra Müller auf Schatullen mit Knöpfen und alten Borten in ihrer Posamenten-Werkstatt in dem kleinen Ort Waldstetten inmitten des Günztals in Bayerisch-Schwaben. In den Regalen sind sorgfältig beschriftete Kistchen und Kartons aufgereiht und unendlich viele Schubladen mit bunten Garnen, fertigen Knöpfen und Knopfrohlingen gefüllt. Die Wände schmücken Heiligenbilder und Familienfotos. Rosa, orange oder blau leuchten die auf Bügeln hängenden, figurbetont geschnittenen und gefalteten Trachtenröcke. Auf den Schürzen, Schößchenjacken aus Spitze und bunten Kleidern, von ihr aus alten Stücken und neuen Stoffen zusammengesetzt und mit filigranen Mustern bestickt, spürt man den Geist der Zeit ebenso wie an den Feierabendkappen mit unterschiedlichsten Verzierungen. Diese entwirft Sandras Freund, der sich von der Leidenschaft der Trachtendesignerin fesseln ließ. «Im 19. Jahrhundert kannte man die Kopfbedeckungen als Hauskappe, Rauchermütze oder Troddelkappe», erklärt die junge Frau. «Sie waren bei den Herren groß in Mode. In Schwaben wurden sie zur Rieser Tracht bis ins 20. Jahrhundert getragen, mit Posamentenknopf und Troddel oder Quaste als Verzierung.»

Sandra Müller setzt eine Brautkrone auf ihren Kopf und ein Lächeln verzaubert ihr Gesicht. Die Krone ist mit klirrenden Kronkorken aus Brauereien behangen. «Meine Familie kommt aus Franken und teilweise aus Hessen. Ich habe in Archiven nachgesehen und mich von historischen Kronen aus beiden Regionen inspirieren lassen.»

Alles hier ist sehr bunt. Sandra Müller liebt die Arbeit in ihrer kleinen Werkstatt, wo sie nicht selten Altes zu Neuem macht. Sorgfältig zerlegt sie dabei die festgezurrten Gewandregeln an ererbten Blusen, Kleidern und Spenzern, um aus den Einzelteilen etwas Neues zu schaffen. Ihre Kreationen kommen an, die 41-Jährige hat gut zu tun.

Schon als kleines Mädchen bewunderte sie ihre Uroma, die ihr Leben lang die Marburger katholische Tracht, eine der letzten regionalen Kleidungsformen Deutschlands, trug. Von ihr bekam Sandra auch die ersten originalen Trachtenstücke vererbt, die ihre Begeisterung für die Trachten wachrief. Während des Volkskundestudiums lernte sie mit den «Kreeweibla» des Forchheimer Landes eine weitere damals noch lebendige Tracht kennen, deren Farbenfreude die junge Frau faszinierte. «Ich wollte dieses alte Handwerk weiterführen und erlernte deshalb die Trachtenschneiderei bei der schwäbischen Trachtenkulturberatung.» Während ihrer Recherchen nach alten Trachten entdeckte sie auch die Posamentenknöpfe und deren buntes Potenzial.

Über die Jahre tauchte sie immer tiefer in die Kunst ein. Wenn Sandra ein Erbstück neu ausrichtet, tut sie das mit viel Gespür. Die Künstlerin arbeitet sich im wahrsten Sinne des Wortes Stich für Stich durch das alte Kleidungsstück und variiert Stoffe und Besätze. Sie kann nicht sagen, wie lange sie dazu braucht. Die Stunden zählt sie nicht.

Neben ihrer Selbstständigkeit als Trachtendesignerin gründete sie 2015 eine Posamentenknopf-Manufaktur. Inzwischen gibt sie für Interessierte auch Knopfmacherkurse. Sie erprobte verschiedene Wege, die komplexe Handwerkstechnik auf einfache Art zu erklären und entwickelte ein eigenes Lehrsystem für Posamentenknöpfe. Wenn sie sich konzentriert über einen Knopfrohling beugt, um mit dem Umwickeln zu beginnen, entstehen mit jeder neuen Garnfarbe neue Muster. Egal ob es ein «Sternen-Zwirnknopf», der «Ottobeurer» oder der «Rokoko Klassiker Knopf» ist, Sandra Müller beherrscht sie alle in Perfektion.

Posamentenknöpfe, die auch Gewickelte oder umsponnene Knöpfe genannt werden, waren insbesondere im 18. Jahrhundert sehr beliebt. Bis heute blieben sie auf verschiedenen regionalen Trachten erhalten, zum Beispiel in der hessischen Schwalm, im schwäbischen Ries, im Forchheimer Land oder in Mittelfranken. Aber auch im norddeutschen Raum, in England und den Niederlanden kann man sie auf Trachten finden. Mit dem Aufkommen der Metallknöpfe schwand die Beliebtheit der Posamentenknöpfe nach und nach, bis sie fast ganz in Vergessenheit gerieten.

Sandra Müller möchte, dass das alte Handwerk nicht in Vergessenheit gerät und zeigt in Workshops gern auch anderen, wie man die Knöpfe aus bunten Fäden herstellt: Dabei wird eine Nadel mit dem Faden außen um den Knopfrohling geführt. Besonders auf die richtige Spannung kommt es dabei an – sie darf nicht zu stark sein, doch auch nicht zu wenig, sonst verrutscht der Faden. Man braucht anfangs schon sehr viel Geduld. Üben, üben, üben, macht sie denjenigen Mut, die noch nicht über die notwendigen Fingerfertigkeiten verfügen.

Bei ihr hingegen sieht alles wie ein Kinderspiel aus. Zwischen ihren Fingern entstehen aus «nackten» Rohlingen und bunten Fäden eins-zwei-fix bunte Kunstwerke – Wagenräder, Sterne, Vierecke und Dreiecke mit Blüten oder Muster, die wie Augen aussehen oder in die kleine Perlen eingestickt sind. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Sandra Müller empfiehlt, die Posamentenknöpfe als Zierde an Kleidungsstücken zu verwenden. Man kann sie aber ebenso zu Broschen, Halsketten oder Ohrringen verarbeiten. Sie schätzt am Knopfmachen auch, dass deren Herstellung keine teure Ausrüstung verlangt. «Alles was ich dafür brauche, kann ich in eine Schachtel packen und überallhin mitnehmen.»

Zu ihren Workshops kommen Leute aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. «Einige meiner ehemaligen Schülerinnen geben inzwischen selbst Kurse, andere gehen ihren Weg im Kunsthandwerk und wieder andere knopfeln nur für sich», erzählt sie. Im Internet kann man verfolgen, wie neue Muster und Technik-Kombinationen entstehen und wie sich die Menschen gegenseitig inspirieren. Es bewegt sich was rund um die Knöpfe. «Wir haben es wohl tatsächlich geschafft, ein altes Handwerk wieder zum Leben zu erwecken», ist sich Sandra sicher.

Hat die Trachtenschneiderin und Knopfmacherin etwas freie Zeit, dann fährt sie gern mit dem Fahrrad zum Ufer des Günzstausees. «Ich schaue mich aufmerksam um, achte darauf, was die Leute anhaben, welche Farbkombination sie gewählt haben und lasse mich für Neues inspirieren.»

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