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Die Konflikte werden wieder härter

Tarifexperte Thorsten Schulten über die Tarifauseinandersetzungen im kommenden Jahr

  • Simon Poelchau
  • Lesedauer: 5 Min.
8,5 Prozent in zwei Jahren erzielte die IG Metall für die Elektro- und Metallbranche.
8,5 Prozent in zwei Jahren erzielte die IG Metall für die Elektro- und Metallbranche.

Das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat jüngst ausgerechnet, dass die Tariflöhne dieses Jahr im Schnitt um 2,7 Prozent gestiegen sind, was wegen der hohen Inflation zu einem Reallohnverlust von 4,7 Prozent führte. Wie werden sich nächstes Jahr die Löhne entwickeln?

Interview

Thorsten Schulten leitet das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Mit dem Ökonom und Politologen sprach Simon Poelchau über die Herausforderungen der Gewerkschaften bei den Tarifrunden im kommenden Jahr.

Der diesjährige Reallohnverlust ist auf einem historisch hohem Niveau. Er ist auch so hoch, weil in vielen Branchen dieses Jahr nicht über Löhne verhandelt wurde. In anderen Branchen wie in der Metall- und Elektrobranche werden zudem die Abschlüsse erst nächstes Jahr wirksam. Insofern wird es im nächsten Jahr deutlich höhere Tarifabschlüsse geben, auch wenn nicht einfach zu prognostizieren ist, wie hoch die Zuwächse am Ende sein werden.

Wird es nächstes Jahr wieder zu Reallohnverlusten kommen?

Nach bisherigen Prognosen wird die Inflation im nächsten Jahr vermutlich etwas geringer ausfallen. Trotzdem wird es für die Gewerkschaften eine große Herausforderung sein, die Reallöhne zu sichern. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es in verschiedenen Bereichen wieder zu Reallohnverlusten kommt, auch wenn sie nicht so hoch ausfallen dürften wie in diesem Jahr.

Die IG Metall hat für die Metall- und Elektrobranche für nächstes und übernächstes Jahr Lohnerhöhungen in zwei Stufen von insgesamt 8,5 Prozent sowie zwei Einmalzahlungen von je 1500 Euro erzielt. Ist der Abschluss eine Blaupause für nächstes Jahr?

Eine Blaupause ist der Abschluss in der Metall- und Elektrobranche sicherlich nicht. Es gab im letzten Jahr auch Abschlüsse im Niedriglohnsektor wie zum Beispiel im Gastgewerbe, die deutlich höher waren. In diesen Abschlüssen wurde unter anderem auch die Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro tarifvertraglich nachvollzogen. Hinzu kommt, dass nächstes Jahr in Branchen verhandelt wird, in denen deutlich weniger verdient wird als in der Metall- und Elektrobranche. Da wird der Druck deutlich höher sein, hohe prozentuale Lohnforderungen durchzusetzen und nicht so sehr auf steuerfreie Einmalzahlungen zu setzen. Denn die Preise werden dauerhaft hoch bleiben.

Für knapp elf Millionen Beschäftigte laufen nächstes Jahr die Tarifverträge aus und müssen neu verhandelt werden. Die erste größere Tarifrunde beginnt im Januar mit den Verhandlungen für die Beschäftigten von Bund und Kommunen. Verdi fordert für sie 10,5 Prozent

Das ist eine sehr offensive Forderung. Zudem fordert Verdi einen Festgeldbetrag von mindestens 500 Euro mehr Gehalt im Monat. Das ist eine soziale Komponente, die vor allem den unteren Tarifgruppen zugutekommt. Diese Tarifrunde wird sicherlich sehr viel Ausstrahlungskraft auf die übrigen haben. Denn die Verhandlungen sind nicht nur die ersten im nächsten Jahr, sondern auch die größten. Bei den Verhandlungen im öffentlichen Dienst geht es um knapp 2,8 Millionen Beschäftigte. Aber auch die Anfang nächsten Jahres anstehenden Verhandlungen bei der Post könnten spannend werden.

Inwiefern?

Mit rund 140 000 Beschäftigen ist die Tarifrunde zwar deutlich kleiner. Mit 15 Prozent ist die Tarifforderung aber eine der höchsten, die es derzeit gibt. Die Deutsche Post ist ein klassischer Krisengewinner. In der Corona-Pandemie konnte sie massiv ihren Umsatz und ihre Gewinnmargen steigern. Da ist die Erwartungshaltung bei den Beschäftigten natürlich hoch. Insofern könnte die Verhandlungsrunde spannend werden und ebenfalls eine Vorreiterrolle einnehmen.

Auch im Einzelhandel wird verhandelt. Mit rund 2,6 Millionen Beschäftigten ist das nach dem öffentlichen Dienst die zweitgrößte Runde im nächsten Jahr. Wie schätzen Sie da die Ausgangsbedingungen ein?

Zum einen ist das eine Branche, in der die Tarifbindung und die Organisationsmacht der Gewerkschaften erheblich zurückgegangen sind. Zum anderen gibt es dort aber noch Bereiche, in denen die Gewerkschaften durchaus streikfähig sind. Zudem gibt es im Handel bei den Tariflöhnen einen großen Nachholbedarf. Der letzte Abschluss wurde 2021 erzielt. Da war die extrem hohe Inflation noch kein Thema. Wenn im öffentlichen Dienst ein gutes Ergebnis vorgelegt wird, könnte es deswegen auf die Verhandlungen im Handel ausstrahlen.

Zum einen wird es nächstes Jahr vermutlich eine Rezession geben. Zum anderen ist wegen der Inflation der Druck bei den Verhandlungen zu höheren Abschlüssen hoch – zumal nächstes Jahr in vielen Bereichen mit niedrigeren Gehaltsklassen verhandelt wird. Könnte es deswegen zu härteren Tarifkonflikten kommen?

So wie sich die Gewerkschaften derzeit aufstellen, gehe ich davon aus, dass die Konflikte wieder härter werden. Das hat sich auch schon in der letzten Zeit abgezeichnet. Der coronabedingte Einbruch bei den Arbeitskampfmaßnahmen war schon im letzten Jahr deutlich geringer. Insofern wird es zumindest im öffentlichen Dienst zu deutlichen Protesten und Warnstreiks kommen. In den Diskussionen innerhalb von Verdi wird sogar die Option eines richtigen Streiks für möglich gehalten.

Die Bundesregierung hat mit der Steuer- und Abgabenfreiheit der Inflationsprämien ein Instrument geschaffen, das die Gewerkschaften zuerst ablehnten, das aber nun doch in Tarifabschlüssen Anwendung findet. Hat die Bundesregierung den Gewerkschaften damit einen Bärendienst erwiesen?

Der Effekt der Einmalzahlungen ist relativ widersprüchlich. Das sieht man zum Beispiel bei den Abschlüssen in der Chemie- sowie in der Metall- und Elektrobranche, wo die Einmalzahlungen bei den Beschäftigten auf große Zustimmung stoßen. Da sind zwei mal 1500 Euro steuer- und abgabenfrei für die Beschäftigten kurzfristig sehr attraktiv. Mittel- und langfristig macht sich jedoch bemerkbar, dass durch die als Inflationspräminen in Form von Einmalzahlungen die tariflichen Entgelte sich nicht dauerhaft erhöhen. Das werden die Beschäftigten spätestens 2025 merken. Deswegen werden die Einmalzahlungen in Branchen mit niedrigeren Ausgangslöhnen deutlich kritischer gesehen.

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