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Yogi Granerud fliegt allen davon

Nach dem Neujahrsspringen sind die deutschen Chancen auf den Tournee-Gesamtsieg dahin

  • Lars Becker, Garmisch-Partenkirchen
  • Lesedauer: 4 Min.

12 Grad Plus, strahlender Sonnenschein – es war mit Sicherheit eines der wärmsten Neujahrsspringen der Geschichte. Teils im T-Shirt erlebten 20 000 Fans bei der zweiten Station der 71. Vierschanzentournee die nächste Show des Überfliegers Halvor Egner Granerud. Nach der Landung seines spektakulären 142-Meter-Flugs im zweiten Durchgang setzte er sich im Yoga-Meditations-Sitz in den schmelzenden Schnee von Garmisch-Partenkirchen – genau wie der ebenfalls aus Norwegen stammende Fußball-Weltstar Erling Haaland nach seinen Torerfolgen.

Die deutschen Flieger erlebten beim Sprung ins neue Jahr mit dem schwächsten Ergebnis seit acht Jahren eine bittere Enttäuschung. Andreas Wellinger landete auf Platz acht, Karl Geiger wurde Elfter – damit ist der Traum vom ersten deutschen Tournee-Gesamtsieg seit 21 Jahren wieder einmal schon zur Halbzeit des Grand Slams der Skispringer ausgeträumt. »Es müsste jetzt schon ein Wunder passieren, damit wir hier noch eine Chance auf den Gesamtsieg bekommen. Aber das war schon vor der Tournee abzusehen. Es ist einfach beeindruckend, wie die anderen heruntersegeln«, kommentierte ein enttäuschter Bundestrainer Stefan Horngacher. Nach vier zweiten Plätzen für die deutschen Skispringer bei den Neujahrsspringen in den vergangenen fünf Jahren – 2018 Richard Freitag, 2019 und 2022 Markus Eisenbichler, 2020 Karl Geiger – gab es diesmal einen echten Absturz.

Granerud dagegen holte sich nach seinem souveränen Triumph in Oberstdorf bereits den zweiten Tagessieg, diesmal mit 6,4 Punkten Vorsprung vor dem Slowenen Anze Lanisek und Dawid Kubacki aus Polen. Doppel-Olympiasieger Andreas Wellinger bekam als Achter schon mehr als 30 Punkte Rückstand aufgebrummt. In der Gesamtwertung liegen Geiger als Fünfter und Wellinger als Sechster vor den restlichen beiden Tournee-Stationen in Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar) schon fast 60 Punkte zurück. Das sind umgerechnet mehr als 30 Meter – eine schier uneinholbare Distanz.

Speziell Geiger hatte offensichtlich mehr von sich erhofft. Aber: »Ich habe es nicht geschafft, dass einer meiner Sprünge mal so richtig schnackelt. Das ist einfach schade. Wir machen einen Schritt nach vorn, dann aber wieder einen kleinen zurück.« Er war also nie richtig ins Fliegen gekommen. Und auch der nach dem ersten Durchgang noch fünftplatzierte Wellinger zeigte sich beeindruckt, »welche Show die Besten da vorn abziehen«.

Die Chancen des 26-jährigen Granerud auf den ersten norwegischen Gesamtsieg seit 16 Jahren stehen dagegen überragend: In der Gesamtwertung hat er schon 26,8 Punkte Vorsprung auf Kubacki – fast 15 Meter. »Halvor ist einfach ein 24-Stunden-Athlet – er macht alles für den Sport«, lobte ihn sein Trainer Alexander Stöckl. Jetzt kommt es nur darauf an, dass er bei den restlichen beiden Springen die Nerven behält – denn sportlich ist Granerud momentan eine Klasse für sich.

Die Deutschen kämpfen derweil weiter um den Anschluss an die Weltspitze und warten weiter auf den ersten Podestplatz bei dieser Tournee. Großer Lichtblick und Hoffnungsträger für die Zukunft war wie schon beim Tournee-Auftakt Newcomer Philipp Raimund auf Platz 15 – damit erfüllte der 22-Jährige die WM-Norm: »Früher habe ich Springer wie Ryoyu Kobayashi und Stefan Kraft im Fernsehen gesehen – jetzt bin ich hier einer vor ihnen. Das fühlt sich cool an.«

Routinier Stephan Leyhe (17.), Constantin Schmid (23.), Pius Paschke (25.) und Felix Hoffmann (28.) sammelten ebenfalls Weltcup-Punkte. Der im Vorjahr noch zweitplatzierte Markus Eisenbichler erlebte dagegen den nächsten Nackenschlag: Wie in Oberstdorf schied der sechsmalige Weltmeister schon im ersten Durchgang aus. »Ich bin in der Luft durchgesackt. Ich bin halt noch nicht so stabil, dass mein System auch unter schwierigen Bedingungen funktioniert. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen und versuche es in Innsbruck wieder«, sagte Eisenbichler trotzig.

Chefcoach Horngacher hatte die Tournee für den einstigen Vorflieger schon nach dem Auftakt abgehakt und die WM in Planica (22. Februar bis 5. März) zum Hauptziel erklärt. Das dürfte nach dem Neujahrsspringen von Garmisch-Partenkirchen nun auch für den Rest des deutschen Skisprungteams gelten.

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