»Ich krieg keine Luft!«

Beamte in Südhessen überschreiben belastendes Video

  • Matthias Monroy
  • Lesedauer: 3 Min.
Das Polizeipräsidium Westhessen (Symbolbild).
Das Polizeipräsidium Westhessen (Symbolbild).

Die Polizei im hessischen Idstein hat die Aufnahmen einer Kamera überschrieben, die einen willkürlichen Gewaltexzess belegen. Der 38-jährige Liam Conway wollte seinen 75 Jahre alten Vater abholen, der wegen eines Verkehrsunfalls auf der Polizeiwache im Rheingau-Taunus-Kreis erschienen war. Wegen seines angeblich aggressiven Verhaltens landete Conway jedoch am Boden, wo er von Beamten mit der Faust und der flachen Hand mehrfach ins Gesicht geschlagen wurde. Ein anderer Polizist drückte Conway sein Knie in den Nacken, das Gesicht des Mannes schrammte dabei auf dem Boden.

Über den Vorfall berichtete am Dienstag die »Frankfurter Rundschau«. Die brutale Attacke erfolgte bereits im September 2020. Drei Monate zuvor war der US-Amerikaner George Floyd durch die Polizei in Minneapolis ermordet worden. »Ich kann nicht atmen«, hatte der Sterbende dem in seinem Nacken knienden Polizisten und filmenden Passanten zugerufen. Diese letzten Worte wurden daraufhin zum Slogan weltweiter Proteste gegen rassistische Polizeigewalt. Auch der so fixierte Conway rief den Schilderungen zufolge: »Ah, ah, ich krieg keine Luft!«

Sowohl Conway als auch die Polizei reagierten auf den Vorfall mit einer Anzeige. Vor der Polizeiwache sind Kameras installiert, der Anwalt des Opfers bat deshalb um die Sicherung der Aufnahmen. Die Polizei ignorierte dies jedoch, deshalb wurde das Material »wie technisch voreingestellt, nach 21 Tagen systembedingt und automatisiert durch neue Aufzeichnungen überschrieben«, hatte das Polizeipräsidium Westhessen der »Frankfurter Rundschau« erklärt.

Auf Initiative der Staatsanwaltschaft Wiesbaden wurden die Aufnahmen jedoch »aufwendig rekonstruiert«, berichtet die Zeitung, die auch Einsicht nehmen konnte. »Damit wird nicht nur die Brutalität des Geschehens klar, sondern auch, dass mehrere Beamtinnen und Beamte offenbar falsche Angaben darüber gemacht haben«, heißt es in dem Bericht.

Aus zwei Perspektiven sei gut zu sehen, wie Conway aus der Wache gebracht wird, ohne dass dieser wie behauptet aggressiv wird. Als sich die Tür geöffnet habe, soll ein Polizist Conway in den Würgegriff genommen haben. Bei der anschließenden Fixierung soll ein anderer Polizist besonders brutal vorgegangen sein.

Die Polizisten hätten sich die Videos am Tag nach der Tat sogar noch angesehen, aber niemand sei auf die Idee gekommen, diese zu sichern, schreibt die »FR«. Noch ist unklar, ob die Anzeigen gegen Conway zurückgenommen werden oder die beteiligten Polizisten ihre Aussagen korrigieren. Sein Anwalt verweist darauf, wie »eindeutig falsch« die Beamten ausgesagt hätten, die sich wohl darauf verlassen hätten, dass die Aufnahmen verschwunden seien. »Dies müssen und werden wir natürlich zu rechtlichen Konsequenzen bringen.«

Dass die Beamten nach ihrer Tat das Opfer anzeigten, offenbar falsche Aussagen abstimmten und das wichtigste Beweismittel nicht sicherten, zeige erneut, wie gefährlich der Korpsgeist in der Polizei werden könne, erklärte dazu der Parlamentarische Geschäftsführer und innenpolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im hessischen Landtag, Torsten Felstehausen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal