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Der Altstar bleibt auf der Bank

Dänemark will als erstes Team zum dritten Mal in Folge Handballweltmeister werden

  • Erik Eggers
  • Lesedauer: 5 Min.
Mikkel Hansen (o.) führte Dänemarks Handballer bereits zu zwei WM-Titeln. Nun strebt er nach einem historischen Hattrick.
Mikkel Hansen (o.) führte Dänemarks Handballer bereits zu zwei WM-Titeln. Nun strebt er nach einem historischen Hattrick.

Es ist nicht allzu lange her, dass die dänischen Handballer verspottet wurden. »Das Buch der dänischen Heldensagen ist dünn«, juxte vor etwa 15 Jahren noch Torwart Andreas Thiel, der einst wegen seiner Paraden als »Hexer« berühmt geworden war. Damit spielte der frühere deutsche Nationalspieler darauf an, dass den Dänen in entscheidenden Momenten stets die Nerven versagten und sie allenfalls Bronze gewannen, während die eiskalten und cleveren skandinavischen Nachbarn aus Schweden jede Chance zu Titelgewinnen nutzten.

Hohn und Spott ist der dänischen Konkurrenz im Welthandball inzwischen vergangen. Denn zur 28. Weltmeisterschaft, die an diesem Mittwoch in Polen und Schweden beginnt, wird das Team von Nikolaj Jacobsen als Topfavorit gehandelt. Und das nicht zum ersten Mal. Mikkel Hansen und Co. streben bereits ihren dritten WM-Titel in Folge an. Es wäre ein historischer Hattrick, der in der 85-jährigen Geschichte des Wettbewerbs bisher keiner Mannschaft gelungen ist.

Jacobsen geht mit den enormen Erwartungen in der Heimat recht lässig um. »Es ist ein großer Job, diese Mannschaft zu trainieren, weil wir eine immense mediale Aufmerksamkeit genießen und sehr populär sind«, sagt er. »Wenn du zur dänischen Nationalmannschaft gehörst, dann kennt dich fast jeder, dann kannst du dich nicht verstecken.« Ja, er habe auch erlebt, wie sich Misserfolg nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2020 anfühle, fügt er hinzu. »Aber so richtig schlimm war das nicht, was danach auf uns eingeprasselt ist. Deswegen fürchte ich mich nicht davor.« Der Nationaltrainer betrachtet vor allem die Schweden als härtesten Gegner, da sie den Heimvorteil genießen. Auch von Spanien, Frankreich und Island dürfe man viel erwarten. Eine Überraschung traue er Ägypten und Norwegen zu.

Bemerkenswert ist, dass Jacobsen als Nationalspieler (148 Einsätze) nie eine Medaille für sein Land gewann. Als Profi in seiner Zeit beim THW Kiel (1998 bis 2004), wo der Linksaußen als »Zaubermaus« gefeiert wurde, holte er freilich viele Titel. Etwas später schlug er bereits eine Karriere als Trainer ein, als sich die Dänen unter Coach Ulrik Wilbek mit dem EM-Triumph 2008 endlich vom Image des ewigen Verlierers befreiten.

Der eigentliche Start der heutigen »goldenen Generation« erfolgte dann erst drei Jahre später. Zwar verlor die neu formierte Mannschaft das epische WM-Finale von 2011, als sie erst in der Verlängerung den damals großen Franzosen unterlag. Aber damals war die Fachwelt bereits begeistert von den zwei Hochbegabten auf Schlüsselpositionen: Torhüter Niklas Landin und Mikkel Hansen im Rückraum.

Beide sind seither die wichtigsten Pfeiler des dänischen Spiels. Sie überragten schon 2012, als sie Dänemark den zweiten EM-Titel bescherten, und ohne sie wäre auch der Olympiasieg 2016 in Rio nicht denkbar gewesen. Während Torhüter Landin, der nach dieser Saison vom THW Kiel nach Aalborg in die Heimat zurückkehren wird, immer noch spektakuläres Niveau zeigt, hat Hansen mit 35 Jahren seine besten Zeiten hinter sich.

Dennoch ist der Rechtshänder weiterhin der wichtigste Profi in engen Schlussphasen. Jacobsen dürfte ihn lange schonen, damit Hansen in den K.o.-Spielen ab dem Viertelfinale noch gut beisammen ist. Dann wird er mit seiner grandiosen Spielübersicht entscheiden, welcher Däne auf das Tor wirft. Und dafür hat er sensationelle Optionen. Da sind nicht nur auf den Flügeln starke Spieler: Der Berliner Rechtsaußen Hans Lindberg gehört mit 41 immer noch zu den Besten auf seiner Position, und auf Halbrechts ist Lindbergs Klubkollege Mathias Gidsel der vielleicht cleverste und schlauste Rückraumakteur auf diesem Planeten. Alles, was Gidsel macht, erscheint zugleich überraschend und sinnvoll.

Aber eigentlich stellen alle dänischen Kaderspieler Weltklasse dar. Mittelmann Rasmus Lauge Schmidt, der 2018 und 2019 der SG Flensburg-Handewitt zwei Meistertitel schenkte, zählt zu den abgezocktesten Vertretern im Rückraum. Auch der 31-Jährige gehört seit der WM 2011 zum Mannschaftskern und will – wie seine alternden Kollegen – immer noch für sein Land auf Torejagd gehen. »Alle wollten und wollen immer Nationalmannschaft spielen. Das ist für mich als Trainer auch schwierig«, sagt Jacobsen und lacht, »weil ich den Jungs fast sagen muss, dass sie jetzt mal besser aufhören.« Hinter den Arrivierten wachsen schließlich die nächsten Toptalente heran, etwa Simon Jan Pytlick und der ebenfalls erst 22-jährige Mads Hoxer aus Aalborg.

Es habe seinen Grund, dass Handball in Dänemark »ein riesiges Thema« sei, sagt Jacobsen. Handball habe dort nun mal einen ähnlich hohen Stellenwert wie Fußball, weshalb der Pool an sportlichen Talenten für Handball auch größer sei als anderswo: »Wir haben in Dänemark also eine ganz andere Handballkultur als in Deutschland.« Hinzu kämen eine sehr gute Ausbildung und Betreuung in den Sportschulen, nicht nur im technischen Bereich, sagt der Coach. Diese dänischen Nachwuchsleute jedenfalls haben, da sie von Legenden wie Mikkel Hansen lernen, eine unglaublich gute Basis, um dem inzwischen dicken dänischen Buch der Heldensagen weitere Kapitel hinzuzufügen.

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