»Trinken ist Ent-Täuschung und Verhüllung zugleich«

Im Radio-Essay »Nüchternsein. Eine Liebesgeschichte« erzählt Oliver Martin von seinem persönlichen Verhältnis zum Alkohol und fragt nach gesellschaftlichen Gründen für den Konsum

  • Larissa Kunert
  • Lesedauer: 8 Min.
Wie bebildert man Nüchternheit? Mit Alkohol!
Wie bebildert man Nüchternheit? Mit Alkohol!

Herr Martin, in Ihrem Essay sagen Sie, dass Sie – eher Vieltrinker und unzufrieden mit dem eigenen Konsumverhalten – zuerst die Idee hatten, drei Monate lang auf Alkohol zu verzichten. Um durchzuhalten, beschlossen Sie, darüber zu schreiben. Ist diese Arbeitsweise für Sie normal?

Nicht ganz. Als freier Autor biete ich einem Sender meine Idee an. Ohne die Gewissheit, am Ende dafür finanziell entlohnt zu werden, könnte ich mir die Zeit und den Aufwand für ein mehrmonatiges Projekt gar nicht nehmen. Im Grunde kamen mir die Gedanken, auf Alkohol zu verzichten und darüber zu schreiben, gleichzeitig. Mit meiner Anfrage an den SWR wollte ich mich selbst austricksen. Nachdem ich das »Okay« erhalten hatte, hatte ich ja eine gewisse Verantwortung: Ich musste etwas abliefern und konnte es mir nicht leisten, meinen Selbstversuch zu sabotieren.

Ihr Essay ist sehr persönlich, zeichnet Ihr eigenes Leben nach. Gleichzeitig zeigen Sie auch die gesellschaftlichen Umstände, die Ihr Leben formten. Bedeutend für Ihre Biografie ist etwa, dass Sie aus einer Arbeiterfamilie stammen. Dies und auch die Tatsache, dass Sie auf das Gefühl der Scham zu sprechen kommen – das Sie während der Wohnungssuche überkommt –, hat mich an die Autoethnografie-Strömung in der französischen Literatur erinnert. Auch bei Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis spielt die soziale Herkunft eine entscheidende Rolle, auch sie schreiben sehr persönlich, verorten ihr eigenes Leben aber auch innerhalb der Klassengesellschaft. Sehen Sie da auch eine Nähe?

Es schmeichelt mir, mit diesen Autor*innen in Verbindung gebracht zu werden. Und es gibt sicher Parallelen. Tatsächlich habe ich damals, als ich »Rückkehr nach Reims« von Eribon gelesen hatte, gesagt, das sei das Buch, das ich immer schreiben wollte. Aber ich habe versucht, ohne direkte Vorbilder zu arbeiten. Darüber nachzudenken, wer was und wie schon geschrieben hat, hätte mich nur gelähmt. Es war so schon schwierig genug, das Essay fertigzubringen – auch, weil es so sehr um mich geht. Am Anfang dachte ich, ich könnte allgemein über das Trinken erzählen, aber ich merkte mit der Zeit, dass ich über das, was Alkoholkonsum ausmacht, gar nicht schreiben kann, ohne auf meine eigenen Erfahrungen zurückzugreifen. 

Den autoethnografischen Ansatz finde ich insgesamt sehr reizvoll: Man lotet das eigene Ich aus, das ist an sich schon spannend und hat etwas Therapeutisches. Aber dazu kommt dann noch das, wonach, denke ich, eigentlich alle Kunstschaffenden streben: Verbindungen zu anderen Menschen aufbauen. Dabei geht es nicht zwingend um Identifikation. Andere können sich in einem Produkt oder Werk erkennen oder auch daran reiben. Vielleicht sagen sie eben auch: »Das ist bei mir ganz anders.« Eribon und Ernaux – Louis habe ich noch nicht gelesen – fragen aber darüber hinaus noch: Was steckt dahinter? Was können wir aus der Erkenntnis, dass es diese gemeinsamen Erfahrungen gibt, ziehen? Was macht diese Erfahrungen aus? Gibt es Muster?

Diese Fragen stellen Sie ja auch.

Stimmt, allerdings habe ich, bezogen auf das Thema Alkohol, keine klaren Antworten gefunden. Die Gründe, warum man trinkt, sind so individuell. Ich kann für mein eigenes Verhalten Muster finden; das müssen aber nicht dieselben sein wie für andere Menschen. Auf mich selbst bezogen ist mir aufgefallen: Mein Trinkverhalten ist eng mit Stress verbunden. Dazu kommt das Soziale: Alkohol enthemmt, macht einen lockerer und umgänglicher. Zudem ist meine Idee, und die baut nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen, dass oft – nicht immer! – ein Gefühl der Unzulänglichkeit hinter dem Konsum steckt. Wir sind so darauf konditioniert, immer mehr zu wollen. Wenn wir aber merken, dass Erfolg – in welcher Form auch immer – nicht dazu führt, dass wir glücklich sind, wie wollen wir damit umgehen? Es ist leicht, dieses Gefühl zu betäuben, indem wir trinken. 

Zugleich kann Alkohol ja auch etwas sehr Schönes haben: Man führt Gespräche, die man sonst nicht führen würde, und macht Erfahrungen, die einem sonst vorenthalten blieben. Die können ja großartig sein. Alkohol ist eine Maske, unter der man sich selbst erforschen und anders zeigen kann. Aber diese Maske verschleiert eben auch. Trinken ist Ent-Täuschung und Verhüllung zugleich.

Sie zitieren in Ihrem Essay Karl Marx: »Die Forderung, eine Illusion aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf.« Sehen Sie revolutionäres Potential im Alkoholverzicht?

Selbst wenn niemand mehr Alkohol trinken würde: Es gibt ja viele Konsum- und Suchtalternativen. Vielleicht ist es einfacher, einer Illusion aufzusitzen, als nachzuforschen, warum wir uns illusionieren. Nach Georg Lukács leben wir in einem Zeitalter der »transzendentalen Obdachlosigkeit«: Wir haben keinen Gott mehr, an den wir glauben, kein metaphysisches Ziel, auf das wir uns richten können. Zwar merken wir irgendwie, dass uns der Kapitalismus und der ständige Konsum nicht guttun, aber dass sich wirklich etwas ändert, erscheint mir gerade unrealistisch. 

Sicherlich leiden viele unter denselben Strukturen, aber ein Alkoholverzicht ist ja erst einmal individuell. Ein bisschen erinnert mich das an die Bewegung »Quiet quitting« (Stille Kündigung), bei der sich Arbeitnehmer*innen entscheiden, nur die im Arbeitsvertrag festgelegten Leistungen zu erbringen. Es ist natürlich nicht falsch zu sagen: »Ich mache keine Überstunden mehr, sondern nur das, wofür ich bezahlt werde.« Das kann für die Einzelnen hilfreich sein – genauso, wie keinen Alkohol zu trinken –, aber es löst noch keine gesellschaftlichen Probleme. Dazu müsste noch ein weiterer Schritt erfolgen: sich zusammenzuschließen. Und das erscheint schon fast unzeitgemäß in einer Zeit, in der Selbstoptimierung im Vordergrund steht.

Wie Sie uns in Ihrem Hörstück selbstironisch wissen lassen, haben Sie zur Vorbereitung auf dasselbe 19 Büchern »den Rücken gestreichelt«. Welches hat den größten Eindruck hinterlassen?

Eindeutig Daniel Schreibers Buch »Nüchtern«, in dem der Autor viel über sein persönliches Verhältnis zu Alkohol offenbart, aber auch neurologische Studien miteinbezieht und die gesellschaftlichen Umstände des Konsums analysiert. Ich wollte das Buch schon lange lesen – als ich es mir dann endlich gekauft hatte, war ich schockiert davon, wieviel von dem, was er beschreibt, auch auf mich zutrifft. Seine Beziehung zu Alkohol ist von ähnlichen sozialen Faktoren geprägt: Wie ich ist Schreiber queer und hat seine 20er und 30er in Berlin erlebt. Ich habe auch einige wissenschaftliche Studien zum Thema Alkoholismus gelesen, die waren aber alle sehr klinisch: Sie haben Daten und Fakten aufgezählt, aber die Frage, warum man trinkt, wurde weitestgehend ausgelassen. Schreiber hingegen zeigt den Menschen, der mit Alkohol kämpft, und was diesem durch den Kopf geht.

Aber gibt es nicht auch wissenschaftliche Analysen, die sich mit den Gründen für den Alkoholkonsum auseinandersetzen?

Bestimmt – aber das scheint in der Forschung nicht im Vordergrund zu stehen. Oft wurden die Gründe nur angedeutet. Genannt wurden Veranlagung – wobei die nicht so eine große Rolle spielt, wie oft angenommen –, soziale Faktoren und die kulturelle Bedeutung des Trinkens. Letzteres habe ich übrigens auch total oft gehört, wenn ich erzählt habe, dass ich drei Monate nüchtern bleiben will: dass Alkohol doch ein Kulturgut sei! Aber nur, weil man etwas seit Jahrhunderten macht, heißt das ja nicht gleich, dass das gut ist.

Wer viel trinkt, muss sich oft am nächsten Tag auskurieren. Welche Bedeutung hat der Kater in unserer Gesellschaft?

In meinem Essay erwähne ich, dass es mir, retrospektiv betrachtet, wohl gutgetan hätte, während der Zeit meiner Nüchternheit mal einen Tag verkatert im Bett zu liegen. Diese Zeit war nämlich gleichzeitig von enormer Arbeitsbelastung und Unsicherheit geprägt. Dass man es sich »leisten kann«, zu Hause zu bleiben und nichts zu tun, weil man verkatert ist, hat aber auch etwas ziemlich Perverses. Warum braucht man dazu Alkohol? Besser wäre es, ohne Vorwand zu sagen: »Heute mache ich nichts, weil ich zu erschöpft bin, und bleibe im Bett.« Das ist aber total schwer. Und natürlich für viele aufgrund äußerer Umstände gar nicht möglich.

Zum Schluss: Was war die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus Ihrer monatelangen Beschäftigung mit Alkoholkonsum und -verzicht erlangt haben?

Es ist vielleicht banal, aber je mehr ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe, desto absurder kam es mir vor, wie normal es ist, Alkohol zu konsumieren. Wir wissen alle um die schädlichen Folgen des Trinkens, aber ignorieren sie weitestgehend. Als wollten wir unsere liebgewonnene Gewohnheit einfach nicht hinterfragen. Für mich persönlich war die interessanteste Erkenntnis, dass mein Trinkverhalten nicht das eigentliche Problem ist, sondern eher ein Symptom tieferliegender Unzufriedenheit – mit dem Arbeitsmarkt zum Beispiel, mit der Vorstellung, Erfolg zeige sich einzig am Kontostand. Das ist nicht meine Idee vom guten Leben. 

Bemerkenswert ist, dass in Dänemark und Finnland, wo ja dem »World Happiness Report« zufolge die glücklichsten Menschen der Welt leben, am meisten Alkohol konsumiert wird. Vielleicht kann man also zu dem Schluss kommen: Kein Alkohol ist auch keine Lösung. Wobei das im individuellen Fall natürlich die einzige Lösung sein kann.

Oliver Martin: »Nüchternsein. Eine Liebesgeschichte«. Deutschland 2023, 55 Minuten. Mit: Lisa Hrdina, Armin Dallapiccola, Fabian Steinbrenner und Oliver Martin.
Ausstrahlung: 15. Januar, 23.03 Uhr auf SWR2. Auch hier zu hören.

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