Oh weh, Juli Zeh

Ein Interview der Schriftstellerin sorgt für Kontroversen im Netz

  • Lesedauer: 3 Min.
Autorin Juli Zeh
Autorin Juli Zeh

Bevor Bücher erscheinen, ist es Usus, diese groß zu bewerben. Erst recht, wenn es sich bei den Autoren um bekannte Namen der Literaturszene handelt. So gaben nun also die Schriftstellerin Juli Zeh und ihr Co-Autor Simon Urban anlässlich ihres neuen Buches, das, wie für Zeh üblich, einen markigen Präposition-Substantiv-Titel trägt, der »Neuen Zürcher Zeitung« ein Interview (21.1.2023). Aufgrund einiger Thesen, die Zeh darin vertritt, sorgte es im Internet – und nun auch im ausgedruckten Internet, also der Tageszeitung – für Aufsehen, weil es eine Autorin offenbart, die entweder gedankenlos oder zumindest recht unreflektiert spricht, was ihr wohl kaum einer so zugetraut hätte.

Im Gespräch wird Zeh gefragt, wo der Ursprung der unversöhnlichen Debatten liege, die wir heute führen, und sie antwortet darauf mit der These, dass es wohl in den 90er und Anfang der 2000er Jahre zu ruhig in Deutschland zugegangen sei. Kaum war dieser Satz gesagt und gedruckt, schallte es ihr auf Twitter entgegen, dass Zeh anscheinend in »Bullerbü mit pupsenden Einhörner aufgewachsen« sei, in dem es kein Rostock-Lichtenhagen, Mölln oder Solingen gegeben habe (Carlo Masala, Professor an der Bundeswehr Uni München).

Der Journalist Christian Bangel, der den Hashtag #Baseballschlägerjahre erfunden hat, unter dem sich Tausende über ihre Erfahrung mit rechter Gewalt in den 90ern austauschten, schrieb: »Juli Zeh, die große deutsche Gesellschaftsanalytikerin, hat einfach keinen Schimmer von den Baseballschlägerjahren und den anderen Brüchen, die besonders den Osten damals ereilten. Oder sie hält es für nicht besonders wichtig. Das erklärt vielleicht einige ihrer Fehldeutungen.«

Zeh wird vorgehalten, in der Bonner Privatschulbubble, in der sie aufgewachsen sei, hätten die rassistischen Ausschreitungen und ein Krieg in Europa (Jugoslawien, Kosovo) keine Rolle gespielt. Auch Passagen, in denen sie die AfD lediglich eine »unerfreuliche« Partei nennt und das Anliegen Thilo Sarrazins, über »planlose Einwanderung« (Formulierung in der Frage, der nicht widersprochen wird) zu debattieren, als im Grunde richtig bezeichnet, sorgen für Kopfschütteln in dem sozialen Netzwerk.

Der Soziologe Oliver Nachtwey macht in seinem Beitrag den wohl spannendsten Punkt, wenn er aus dem Interview schlussfolgert: »In Deutschland entsteht ein neues politisches Lager, das quer zur traditionellen Rechten und zum Konservatismus steht: Anti-Woke, Corona-Skeptisch, Angst vor kultureller Überfremdung und für ›Diplomatie‹ im Ukraine-Krieg. Das Lager ist nicht homogen, aber teilt aus meiner Sicht diese vier Merkmale und positioniert sich vor allem als Kulturkampf gegen alle Formen des (Links-)Liberalismus.«

Die Frage ist, ob wir hier, abseits aller Hufeisenmodelle, der (langen) Geburt einer neuen politischen Philosophie beiwohnen, die sich möglicherweise aus der Schockstarre des klassischen Liberalismus speist. Vielleicht sind Zehs Sichtweisen aber auch das, was wir Postmoderne nennen. Oder sie sind schlichtweg Ausdruck eines privilegierten Individualismus. nd

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