»The Ordinaries«: Wenn die Herzmusik falsch tönt

»The Ordinaries« ist nicht nur ein außergewöhnliches Kinodebüt, sondern auch äußerst sehenswerte Science-Fiction

  • Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.
Nicht nur ein optisch reizvoller Film: »The Ordinaries«
Nicht nur ein optisch reizvoller Film: »The Ordinaries«

In Steven Spielbergs autobiografischem Film »The Fabelmans« erfahren die Zuschauer, dass der bekannte Blockbuster-Regisseur bereits als Fünfjähriger in Kinobildern dachte und als Jugendlicher schon einen Streifen nach dem anderen drehte. Ganz anders die 1986 geborene Sophie Linnenbaum, deren Abschlussfilm »The Ordinaries« in den vergangenen Monaten diverse Jurys und Kritiker schlicht in Erstaunen versetzte. Die hat nach eigenen Angaben erst mit 23 Jahren ihren ersten Kurzfilm gedreht. Davor arbeitete sie vor allem an Bühnen, unter anderem an einem Nürnberger Musiktheater für Kinder. Das merkt man ihrem wirklich ganz außergewöhnlichen Debütfilm an, der nicht nur den Förderpreis beim Filmfest München gewann, sondern auch mit dem First Step Award ausgezeichnet wurde und seit vergangener Woche auch für zwei Lolas (Bestes Szenenbild und Beste visuelle Effekte) nominiert ist. Dabei hat der Film nicht nur optisch einiges zu bieten, aber dennoch sind die Lola-Nominierungen in diesen Kategorien umso beeindruckender, als das Science-Fiction-Genre sonst kaum ohne großes Budget auskommt.

Das gilt nicht für »The Ordinaries«, eine »tragikomische Gesellschaftssatire«, wie Regisseurin Linnenbaum ihren Film selbst labelt, der eine skurrile Science-Fiction-Geschichte erzählt, die von der Machart her ein wenig an Lars von Triers »Dogville« und Spike Jonzes »Being John Malkovich« erinnert. Die surreal anmutende Welt von »The Ordinaries« ist in einem streng hierarchischen Filmuniversum angesiedelt. Darin gibt es Hauptfiguren, Nebenfiguren und ganz am Ende der Hierarchieleiter die Out-Takes, die aus Filmen herausgeschnitten wurden.

Die junge Paula Feinmann (Fine Sendel) geht auf die Schule für Hauptdarsteller und steht kurz vor der Abschlussprüfung. Die besteht nur, wer genug Emotionen hat und sie auch ausdrücken kann. Hauptdarsteller haben dafür einen eigens in Herznähe eingebauten Lautsprecher, der ihre Gefühle in Musik umwandelt. Bei Paula stimmt aber etwas mit ihrem emotionalen Haushalt nicht. Wenn sie spielt und Gefühle erzeugen, also Musik zum Klingen bringen soll, hört es sich an, als würde ein Orchester mit verstimmten Instrumenten spielen.

Das kann auch daran liegen, dass Paulas Mutter nur eine Nebenfigur ist, die nicht mehr als ein paar Sätze sagen kann und nach getaner Arbeit als spielende Statistin zu Hause lethargisch herumsitzt. Paulas schon verstorbener Vater soll eine großartige Hauptfigur gewesen sein. Der ist aber bei einem Massaker ums Leben gekommen. Bei ihrer Freundin und Mitschülerin Hannah (Sira Faal) ist dagegen alles in bester Ordnung. Sie kommt aus einer Familie von Hauptdarstellern, die den halben Tag fröhlich und glücklich singend durch ihr luxuriöses Eigenheim tanzen, während die Feinmanns im grauen Wohnblock hausen.

Schließlich erfährt Paula, dass ihr Vater gar nicht tot sein soll und das angebliche Massaker der Out-Takes eine niedergeschlagene Revolution war. Sie macht sich auf die Suche und landet in den heruntergekommenen und verruchten Ecken der Filmwelt, wo manche Menschen schwarz-weiß sind, keine Gesichter mehr haben, langsam verblassen oder wie ihr neuer Freund Simon (Noah Tinwa), den sie dort kennenlernt, immer wieder Aussetzer hat und sekundenweise verschwindet.

»The Ordinaries« lebt vor allem von einem erfrischenden Humor, der die mitunter wirklich tragische Geschichte und den herrschaftskritischen Anspruch der Erzählung ironisch bricht. Hier geht es um nicht weniger als ein ideologisch gefestigtes Klassenregime, das im Laufe des Films auch von keiner heldenhaften Revolution beiseite gefegt wird. »The Ordinaries« erzählt vielmehr von Solidarität, Mut, vom kleinteiligen Kampf, eine widerständige Praxis zu entwickeln und sich nicht mit dem scheinbar Unausweichlichen abzufinden. Dabei wird gesungen und getanzt wie im Musical, es wird geschrien, gestritten, geschauspielert, gehofft, verzweifelt, sich aufgerappelt, geliebt, erforscht und möglichst alles hinterfragt. Dass das so überzeugend funktioniert, hat vor allem auch mit den Schauspielern zu tun – allen voran die 20-jährige Berlinerin Fine Sendel –, die ihre Rollen mit einer bewundernswerten Hingabe ausfüllen.

Gleichzeitig zeigt der Film, dass das junge deutsche Kino und seine Darsteller nicht immer nur weiß sein müssen. Dabei hat der Film auch durchaus mal seine Längen, beileibe nicht jeder Gag sitzt, und »The Ordinaries« kann als Science-Fiction-Film nicht mit stilprägenden Genre-Blockbustern wie »Blade Runner« oder »Foundation« konkurrieren. Aber das will und muss der Film auch gar nicht, der den Zuschauer auf verblüffend intensive Weise mitnimmt. Beim Münchner Filmfest stellte die Jury fest, dass der Film ein »gefühltes Multimillionen-Budget« haben müsste, und die Jury des First Steps Award entdeckt in »The Ordinaries« gleich ein »filmisches Metaversum«. Für einen Debütfilm ist »The Ordinaries« jedenfalls mehr als außergewöhnlich, und er bereichert das Science-Fiction-Genre ebenso unkonventionell wie inspirierend.

»The Ordinaries«: Deutschland 2022. Regie: Sophie Linnenbaum, Drehbuch: Sophie Linnenbaum, Michael Fetter Nathansky. Mit Fine Sendel, Jule Böwe, Henning Peker, Sira Faal, Noah Tinwa, Denise M’Baye, Pasquale Aleardi: Herr Cooper. 120 Minuten. Start: 30.3.

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