Putsch im Niger: Frankreich versandet im Sahel

Niger schlägt nach Mali und Burkina Faso antifranzösischen Kurs ein

  • Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Franzosen sind raus aus Niger. Frankreich hat die Evakuierung seiner Staatsbürger aus dem Niger für beendet erklärt. Das schrieb das Pariser Außenministerium am Donnerstag in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen für das westafrikanische Land. Außenministerin Catherine Colonna hatte am späten Mittwochabend noch mitgeteilt, ein fünfter und letzter Flug sei für Ende des Tages geplant. Auf den vier vorherigen Flügen brachte Frankreich 992 Menschen aus dem Niger in Sicherheit, 560 davon hatten die französische Staatsbürgerschaft.

Wer sich gefragt hat, gegen wen sich der Staatsstreich in Niger richtet, mit dem Militärs in der vergangenen Woche den rechtmäßig gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum gestürzt haben, bekam die Antwort spätestens am vergangenen Sonntag. Da haben Tausende aufgeputschte Demonstranten vor allem jugendlichen Alters vor der französischen Botschaft in der Hauptstadt Niamey demonstriert. Polizei war präsent, verhinderte aber lediglich das Eindringen in die Botschaft und deren Verwüstung. Obwohl die Militärjunta eigentlich Demonstrationen verboten hatte, wurde dieser Massenaufmarsch nicht nur geduldet, sondern sogar live im staatlichen Fernsehen übertragen. Die Losungen richteten sich gegen jede Art französischer Präsenz im Land, während neben der Fahne Nigers auch die russische Flagge geschwenkt und mit Sprechchören Putin um Hilfe gebeten wurde. Dabei hat man ganz offensichtlich die antifranzösischen Ressentiments gegen die ehemalige Kolonialmacht ausgenutzt, die in breiten Kreisen der Bevölkerung und vor allem bei der Jugend vorherrschen.

Im Pariser Élysée-Palast wurde umgehend reagiert. Präsident Emmanuel Macron, der den Putsch von Anfang an verurteilt und die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse gefordert hatte, erklärte, Frankreich werde »sofort und unnachgiebig reagieren, sollten französische Zivilisten, Militärs oder Diplomaten angetastet und Einrichtungen angegriffen werden«. Dieses potenzielle Eingreifen hat sich nach der abgeschlossenen Evakuierung nun erledigt.

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In Niger sind noch die 1500 französischen Soldaten stationiert, die von den Barkhane-Einsatzkräften übrig sind, die vor Jahren von den Regierungen der Sahel-Zonen-Länder herbeigerufen worden waren, um sie gegen die von Norden her vordringenden islamistischen Terroristen zu schützen. Nach den jüngsten Staatsstreichen in Mali und Burkina Faso mussten sich die französischen Barkhane-Einheiten schon aus diesen Ländern zurückziehen. Auch im Tschad, der vierten ehemaligen französischen Kolonie im Sahel-Gürtel, ist mit einem gewaltsamen Machtwechsel zu rechnen.

Für Paris ist der Militärputsch in Niger eine Katastrophe. Der demokratisch gewählte Präsident Mohamed Bazoum war ein zuverlässiger Verbündeter, der die historischen, militärischen und wirtschaftlichen Bindungen seines Landes zu Frankreich in positiver Weise nutzen wollte. Doch die Nähe zu Paris und das häufige Lob aus dem Munde von Emmanuel Macron haben ihm nicht geholfen, sondern wurden von seinen Gegnern im In- und Ausland gegen ihn verwendet.

Sollte Frankreich, das nicht mit militärischen Erfolgen gegen die islamistischen Terroristen überzeugen konnte, nun von den neuen Machthabern in Niger gezwungen werden, auch die letzten 1500 Soldaten aus dem Land abzuziehen, bedeutet dies für Paris eine schwere außenpolitische Niederlage und für lange Zeit den Verlust jeglichen Einflusses auf diese ehemalige Kolonie und darüber hinaus die ganze Sahel-Zone. Doch das ist nur die logische Folge der verfehlten Politik, die Frankreich über viele Jahre in diesen Ländern verfolgt hat. Militärhilfe, die nicht zuletzt eigenen geostrategischen Interessen in der Region diente, stand stets viel höher als die Entwicklung beiderseits nützlicher Wirtschaftsbeziehungen oder die Hilfe für die Schaffung demokratischer Verhältnisse und funktionierender Infrastrukturen in allen Bereichen und zum Wohl aller Bürger dieser Länder.

Seit der Unabhängigkeitswelle von 1960 hat Frankreich in seinen ehemaligen Kolonien mehr als 40-mal militärisch eingegriffen, Großbritannien dagegen nur einmal.

»Frankreich war und ist in der Sahelzone und nicht nur dort in einer militärischen Logik gefangen«, stellt Thierry Vircoulon, Afrika-Experte im Institut für Internationale Beziehungen IFRI, fest. »Wir sind die einzige ehemalige Kolonialmacht, die einen Großteil ihres Einflusses mit dem Gewehr verspielt hat. Für die afrikanische Jugend ist das 60 Jahre nach der Erlangung der Unabhängigkeit unerträglich.«

Dass diese Stimmung seit Jahren durch Dritte skrupellos ausgenutzt wird, hat man in Paris lange übersehen oder verdrängt. Russlands Präsident Putin, für den die Demütigung Frankreichs hohe Priorität hat, konnte sich im Hintergrund halten. Zwar hat er die Staatsstreiche in Afrika nicht angezettelt, wohl aber die antifranzösische Stimmung geschürt und im Ergebnis kann er jetzt den politischen Gewinn einstreichen.

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