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»Als Filmemacher muss man in die Lücke zwischen den Welten gehen«

In »Die Theorie von Allem« liefert Regisseur Timm Kröger statt Antworten viele Fragen. Ein Gespräch

  • Interview: Susanne Gietl
  • Lesedauer: 6 Min.
Johannes (Jan Bülow) hat die Pianistin Karin Hönig (Olivia Ross) noch nie zuvor getroffen, oder doch?
Johannes (Jan Bülow) hat die Pianistin Karin Hönig (Olivia Ross) noch nie zuvor getroffen, oder doch?

Die Suche nach einer Weltformel ist nicht neu. Auch Stephen Hawking hat nach der Weltformel gesucht. Wollten Sie sich durch den Titel selbst herausfordern?

Ja! Der Titel ist regelrecht größenwahnsinnig, wenn man nichts anderes als die Weltformel verspricht. Wir alle wissen, dass es die Weltformel zumindest noch nicht gibt. Außerdem wollte ich schon immer einen Film machen, der von den größten Fragen der Menschheit handelt.

Interview
Timm Kröger beim Jubiläum 95 Jahre Lichtburg und der Premiere de...

Timm Kröger wurde 1985 in Itzehoe ge­boren. Nach dem Abitur begann er ein Studium am European Film College in Däne­mark. 2008 machte er ein zwei­tes Studium an der Filmakademie Baden-­Württem­berg, zunächst im Fach Bildgestaltung/Kamera, dann in der Abtei­lung Regie für Dokumentarfilm. »Die Theorie von Allem«, in Schwarz-Weiß gedreht, ist sein zweiter Spielfilm als Regisseur und brachte ihm seine erste Einladung in den Wettbewerb des Venedig-Filmfestivals im Jahr 2023.

Woher kommt dieses Bedürfnis?

Ich finde Kinofilme immer dann gut, wenn sie fantastisch sind. Damit meine ich nicht, dass sie besonders tolle Spezialeffekte haben müssen, sondern dass sie metaphysische Fragen stellen. Ein guter »Star Wars«-Film macht so was auch. Er stellt Fragen wie: »Gibt es ein Leben nach dem Tod?« oder »gibt es einen tieferen Sinn im Leben?« Das Kino gibt uns Teilantworten auf diese Fragen. Für mich macht einen guten Film genau das aus – mit all den Abgründen, die dahinter stecken.

Können Sie »Die Theorie von Allem« kurz zusammenfassen?

Ich hatte die Idee, dass der Film den Titel »Die Theorie von Allem« trägt, dass der Film schwarz-weiß ist und dass er von skifahrenden Physikern und einem dunklen Geheimnis unter dem Hotel in den Schweizer Alpen in den 60ern handelt. Roderick Warich, der für 90 Prozent des Plots verantwortlich ist, hat die Figuren und die Atmosphäre in ein kohärentes, sehr komplexes Ganzes gebracht. Mir war wichtig, dass man schrittweise in einen dunklen, fast albtraumhaften Sog von Geheimnissen hingezogen wird, denen man zusammen mit der Hauptfigur auf den Grund gehen möchte.

Johannes, die Hauptfigur des Filmes, schreibt an seiner Doktorarbeit über Multiversen und fährt in die Alpen zu einem Kongress, der niemals stattfindet. Generell spielt das Nicht-Stattfinden von Ereignissen eine große Rolle. Das hat etwas Unwirkliches.

Irgendwie war mir von Anfang an klar, dass dieser Kongress nie stattfinden wird, sondern dass stattdessen viel interessantere Dinge passieren werden. Der Film bleibt gewisse Antworten schuldig, liefert aber neue Antworten auf nicht gestellte Fragen. Weil sich viele Fragen auftürmen, ist es sehr schwierig, alles im Film beim ersten Mal Anschauen zu verstehen. Die große Frage ist natürlich: Was geschieht hier unter diesem Hotel? Es könnte eine Verschwörung von geheimnisvollen Männern sein, es könnte aber auch banalere Antworten geben auf das, was hier vor sich geht. Klar ist aber: Der Film handelt von Verschiebungen, von möglichen Unterschieden zwischen parallelen Welten, und den Abgründen, die sich darin auftun. Träume und falsche Erinnerungen spielen dabei eine Schlüsselrolle.

Am Anfang des Filmes träumt Johannes von der Theorie von Allem und will dann die mathematische Formel dazu herausfinden. Warum ist das Traumhafte so wichtig?

Ich war immer fasziniert davon, wie taghelle Wissenschaft mit esoterischeren Elementen zusammengeht. Die Wissenschaftsgeschichte ist voll von solchen Beispielen. Der Chemiker Friedrich August Kekulé hat zum Beispiel das Rätsel, wie das Benzol-Molekül aufgebaut ist, gelöst, als er von einer Schlange geträumt hat, die sich selbst in den Schwanz beißt. Er kam durch seinen Tagtraum zu dem Schluss, dass es sich um eine Ringstruktur handeln muss. Auch unsere Hauptfigur Johannes folgt so einem Traum, sehr zum Missfallen seines Doktorvaters. Gleichzeitig macht der Film die Frage nach dem Schicksal auf. Die Idee des Multiversums stellt das Konzept von Schicksal in Frage, weil es nicht den einen wahren Weg geben kann, sondern eben Abermilliarden von Wegen. Das heißt, die Entscheidungen, die wir treffen, auch das, was uns zustößt, sind vielleicht arbiträr, ohne Bedeutung. Vielleicht leben wir in einem Universum, dem wir komplett egal sind. Dass menschliche Biografien scheitern, kommt sehr oft vor, nicht nur in der Wissenschaftsgeschichte; aber das Scheitern sind wir in der Heldenreise, wie wir sie aus dem Kino kennen, nicht gewohnt. Dieser Film hat die Schablone einer Heldenreise und nimmt sie ernst, aber bringt unseren Helden an einen anderen Ort, der nicht so gemütlich ist – ein Abgrund, der seine gesamte Realität und letzten Endes auch das Konstrukt seiner Person auf den Kopf stellt – ich glaube, man muss kein Physiker sein, um mit diesem Gefühl etwas anzufangen.

Warum sind Filme über Multiversen so beliebt?

Als Filmemacher muss man – so denken, glaube ich, viele – in die Lücke zwischen den Welten gehen, um überhaupt noch neue Räume zu betreten, weil es im Kino gefühlt schon alles gab. Gleichzeitig sind Filme irgendwie seismographisch für kulturelle und politische Entwicklungen. Als Gesellschaft fehlt uns eine legitime Utopie. Wir versuchen auf tausend Arten und Weisen aus dieser merkwürdigen Apathie auszubrechen, die uns umgibt, aber wir wissen nicht, wie die Zukunft weitergehen soll, ohne gleich in Untergangsfantasien zu landen. In Superheldenfilmen wird uns gezeigt, wie die Welt enden könnte, aber es hat meistens trotzdem ein Happy End, das eine Art Status Quo erhält. Das beruhigt uns vielleicht kurz, ist aber ein leeres Versprechen. Früher war Kino im besten Fall keine deskriptive Rückschau oder reine Unterhaltung, sondern in der Lage, den Zeitgeist voranzutreiben. Da muss das Kino wieder hin. Das Multiversum ist bis dahin wie ein kulturelles Zucken auf der Suche nach neuen Lösungen und Utopien.

Wie stehen Sie der Idee der Multiversen gegenüber?

Obwohl ich als rationaler Skeptiker erzogen wurde, gebe ich mich manchmal der Illusion und dem Irrglauben hin, irgendeinem tieferen Sinn zu folgen, den ich selber noch nicht verstehe. Das ist beim Filmemachen ähnlich. Man muss da ein bisschen esoterisch denken und trotzdem skeptisch bleiben. Das macht Filme aus, dass sie die Logik von Nachtwelten, von Träumen, auch von Albträumen in einen taghellen Raum transportieren, wo sich alle versammeln. Es wird dunkel, und man wird in eine Geschichte gesogen, die wie das Leben selbst nicht immer eindeutig und verständlich ist.

Wie kann man das Publikum dazu bringen, sich mit existenziellen Fragen auseinanderzusetzen?

Kino war schon immer eine Mischung aus Kunst und Zirkus. Ein Film muss, wenn er erfolgreich sein will, eskapistisch sein oder sinnstiftend. Dieser Film ist gewissermaßen mein vorsichtiger Schritt in Richtung populäres Kino. Christopher Nolans Oppenheimer zeigt vielleicht, dass das hin und wieder gelingen kann. Auch der anspruchsvolle Arthausfilm ist überhaupt nicht tot, er hat aber weniger Zuschauer als je zuvor. Dass alle Menschen ins Kino strömen und das Kino im Sinne von Sartre ein Öffentlichkeitsmedium ist, werden wir wahrscheinlich nie wieder erreichen. Aber diesen Traum darf man nicht aufgeben, wenn man von Filmemachen redet, sonst sind wir schnell bei der Subventionskunst angelangt.

»Die Theorie von Allem«, Deutschland/Österreich/Schweiz 2023. Regie: Timm Kröger; Buch: Timm Kröger und Roderick Warich. Mit: Jan Bülow, Olivia Ross, Hanns Zischler, Gottfried Breitfuß. 118 Min. Jetzt im Kino.

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